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    Piz de Mucia – einzigartiges Zweitagesprojekt

    Über die Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch


    Drei Freunde, zwei Tage Zeit, ein Ziel: Powdern, powdern und nochmals powdern. Man kann – um den Anglizismen in unserem Sprachgebrauch entgegen zu wirken – natürlich auch vom Tiefschnee fahren sprechen. Aber irgendwie klingt dies einfach eine Spur zu steif, zu statisch, um die geballte Vorfreude dreier Schneesport-Jünger in Worte zu fassen. Der Schneegott hat gerufen und wir sind seinem Rufe gefolgt. 

    Drehen wir das Rad der Zeit ein wenig zurück. Genauer gesagt auf das Wochenende vom 19./20. Januar 2013. Starker Föhn im Norden, reichlich Neuschnee im Süden. Die Wetterkarten des Institutes für Schnee- und Lawinenforschung SLF bebildern die Wetterlage eindeutig. Das nordöstliche ­Tessin ist tiefblau eingefärbt und verspricht somit einen guten halben Meter Neuschnee.

    Und hier sind wir. Es ist kurz nach 9 Uhr und im Schatten gefühlte minus 10 Grad, als wir im Volg in Splügen GR einen kurzen Boxenstopp machen, um uns mit Verpflegung für die nächsten Tage einzudecken. Hier liegt zwar noch nicht der erhoffte halbe Meter Neuschnee auf den Dächern, aber geschneit hat es, das steht fest. Eine knappe halbe Stunde später verschluckt der San Bernardino-Tunnel unser Wohnmobil, um uns nach Minuten in grauer Einöde im sonnigen San Bernardino auszuspucken. Verglichen mit Splügen säumen hier wahre Schneemauern die Strassen. Voller Vorfreude nehmen wir die erste Ausfahrt, machen eine 180-Grad-Wende und eiern auf der schneebedeckten Passstrasse bis zum ­idyllischen Campingplatz, unserem Basislager für die nächsten Tage. 

    Trügerische Idylle

    Im ersten Moment erscheint die Situation vor Ort beinahe surreal. Sonnenschein: reichlich. Himmel: tiefblau. Wind: nicht die Bohne. Temperatur: äusserst angenehm. Schnee: massenhaft. Andere Tourengänger: nicht in Sicht. Ist das möglich? Sind wir hier nicht in San Bernardino, wo an Tagen wie diesen für gewöhnlich Autoschlangen die Passstrasse zum Campingplatz säumen und sich die Wintersportler in der Aufstiegsspur gegenseitig auf die Zehen treten? Die einzige, halbwegs plausible Erklärung liefert uns das Januarloch. Und die Tatsache, dass sich die Woche erst zu Ende neigt, es faktisch aber noch nicht ist. 

    Wir lassen uns nicht zweimal bitten, packen unsere sieben Sachen und stapfen los. Heute soll es der Piz de Mucia sein, Morgen dann der Piz Uccello, dessen markanter Gipfelaufbau schon aus der Ferne auf sich aufmerksam macht. Die ersten Höhenmeter gehen zügig voran. Ein einsamer Schneeschuhläufer hat vorgespurt. Kurz bevor die Strasse den Fluss Moesa kreuzt, verlassen wir die Spuren und stechen westwärts ins jungfräuliche Gelände. Schlagartig verlangsamt sich unser Tempo. In dieser Fläche, wo sich Neu- und Triebschnee – im Windes Willen – zu einem Meter Traum in Weiss summiert haben, nimmt Vorspuren ganz neue Dimensionen an. 

    Auf Euphorie folgt Ernüchterung

    «Who cares», würde Schawinski zu Recht anmerken. Schliesslich sind wir noch jung und erst gerade gestartet. Vom eingangs gewählten Drei-Minuten-an-der-Spitze-Turnus kommt unser Team aber doch rasch ab. Also tun wir es den Eishockeyspielern gleich und wechseln im Halbminutentakt. Powerplay. Der phänomenalen Winterlandschaft und der absoluten Ruhe sei Dank, bewegen wir uns immer noch im oberen Bereich der Motivationsskala, auch wenn wir an manchen Stellen bis zum Bauch einbrechen. Es ist einer dieser besagten Momente, als wir realisieren, dass wir auf ­zugeschneiten Büschen gehen. Büschen, die dem Sommerwanderer zur Brust reichten.

    Die rund 300 Höhenmeter von der Passstrasse zu den Zehenspitzen der Alp Vigon sind recht steil. Immer wieder setzen wir unsere Aufstiegslinie neu, umgehen Schneeverfrachtungen. Als im Übergang ins flachere Gelände erstmals windgepresster Schnee unter unseren Schuhen knirscht, sind wir nur noch dankbar. Zweieinhalb Stunden hat uns dieser erste Abschnitt gekostet. Zwischen einem Schluck Tee und einem Bissen Sandwich müssen wir uns eingestehen, dass dies heute nichts mehr werden wird. Weder zeitlich noch körperlich. Auch an unseren morgigen Plänen rütteln ernsthafte Zweifel. Wir beschliessen noch ein wenig aufzusteigen und geben am Punkt 2282 definitiv auf. Auch wenn wir von den geplanten 1300 Höhenmetern nur knapp die Hälfte geschafft haben, sind wir voll des Glückes. Schliesslich steht die Abfahrt noch bevor. Aber nicht nur deshalb fühlen wir uns so erfüllt. Solch einen Tag in der Abgeschiedenheit dieser phantastischen Natur geniessen zu dürfen, ist ein wahres Geschenk. 

    Glückshormone zum Ersten

    Über die sanft abfallenden Hügel der Alp Vigon schweben wir in sicheren Abständen ins Tal. Ganz gemütlich. Etwas anderes wäre kaum möglich, denn bei diesen Schneemassen diktiert die Hangneigung das Tempo. Jede Kurve wirkt wie ein beherzter Tritt ins Bremspedal – ob gewollt oder nicht. Selbst unsere für den Tiefschnee konzipierten Snowboards vermögen diesem Phänomen nur bedingt Abhilfe zu schaffen. Fingerspitzengefühl ist gefragt, auch wenn brachiale Kurven – mit richtigem Druck gefahren – unsere Freude besser zum Ausdruck brächten. Problemlos gelangen wir in die von der Passstrasse sehr einladend anmutenden Schlusshänge und schliessen mit diesen steileren Passagen einen perfekten Tag ab.

    Mit einem breiten Grinsen im Gesicht bringen wir beim Campingplatz unsere «Powderguns» zum Stoppen, entledigen uns unserer Snowboardausrüstung und nehmen das Wohnmobil in Beschlag. In den darauf folgenden Stunden bis zum Weckruf um 7 Uhr passiert nicht mehr viel. Frisch gebrühter Kaffee zündet die letzten Energiereserven, Käse und Brot lindern den Heisshunger, die deftige Teigwaren-Gemüse-Suppe erledigt den Rest. Kurz darauf setzt die vom Weingenuss begünstigte Verdauungsmüdigkeit ein. Raus aus den Kleidern, rein in den Schlafsack.

    Glückshormone zum Zweiten

    Da der frühe Vogel bekanntlich den Wurm fängt, lassen wir uns kurz nach sieben Uhr wecken. Dies ist zwar nicht übertrieben früh, da aber keine weiteren Vögel in Sicht sind, fangen wir den Wurm auch so. Zumindest hoffen wir das. Der Tag könnte schöner nicht starten. Klar ist der Morgen. Klar und saukalt. Wir ­ziehen trotzdem dasselbe an. Wir haben gestern ordentlich geschwitzt und die Vermutung liegt nahe, dass sich dies heute wiederholen wird. 

    Der Aufstieg zur Alp Vigon ist im zweiten Anlauf unvorstellbar angenehm. Hundertmal besser. Wie Treppensteigen. In eineinhalb Stunden stehen wir am gestrigen Umkehrpunkt. Die Sonne liegt immer noch relativ flach über dem Tal – wir sind zuversichtlich. Angesichts der mehreren hundert Meter langen, kegel­förmigen Gipfelflanke, die an manchen Stellen die 35°-Grad-Grenze knackt, sind wir froh, dass die Lawinengefahr bei mässig liegt. Doch bevor wir diese letzte Etappe in Angriff nehmen können, gilt es, die flache und mit Triebschnee gefüllte Alp Vigon zu durchschreiten. Den leicht abgeblasenen Stellen folgend, klappt dies ganz gut. Im Vergleich zu gestern scheint man auch etwas weniger tief einzusinken. 

    Im ersten Drittel des Schlusshanges kämpfen wir uns in steilem Zickzack nach oben. Auf einer Höhe von rund 2600 queren wir nach Norden und wechseln auf die wenig ausgeprägte Schulter, die in einem langgezogenen Bogen zum Gipfel zieht. Zum Glück hat sie der Wind ein wenig vom Schnee befreit. Wirklich lässig fühlt sich der Gang durch dieses immer dichter werdende Stein­labyrinth auch nicht an. Aber immer noch besser, 

    als durch den hüfttiefen Neuschnee zu wühlen. 

    Wind und Weitsicht

    Mit jedem Höhenmeter pustet der Wind kräftiger. Schneekristalle wirbeln durch die Luft, glitzern in der Mittagssonne, peitschen uns ins Gesicht. Unweit des letzten Schneefeldes, welches uns fahrtauglich erscheint, richten wir uns hinter einem grösseren Felsen für die Mittagsrast ein. Auf der Windschattenseite, wenn man dem so sagen kann. Den Gipfel schenken wir uns. Niemand verspürt den Drang, die paar zerquetschten Höhenmeter im unwegsamen Gelände hoch zu kraxeln. Wir scheinen alt zu werden. Oder zumindest hat uns der zugeschneite Piz de Mucia Demut gelehrt und unseren jugendlichen Eifer für einen Augenblick vergessen lassen. Stattdessen geniessen wir das phänomenale Panorama. Berge soweit man ­blicken kann. Schneebedeckte, gepuderte Berge. Zerfurchte Berge. Anmutige Berge. 

    Die Abfahrt ist – wie meist bei Ski- oder Snowboardtouren – rasch vorbei. Zu rasch? Wohl wahr. Aber dafür auch umso intensiver. Speziell wenn sich einem die Chance ergibt, die erste Linie in den Schnee zu setzen, seine persönliche Signatur in den Hang zu zeichnen. Schwungvoll und voller Hingabe. Das Schönste daran ist jedoch deren naturgegebene Vergänglichkeit. So bietet sich Jedem ab und an die Möglichkeit einer «First Line».   


    07.01.2014 10:59 Alter: 4 Jahre
    Ausgabe 4 | 2013, Unterwegs
    Von: Christian Possa