Das Neuste auf Instagram
Inserate
    < Piz de Mucia – einzigartiges Zweitagesprojekt

    Winter, Weite, eisige Kälte

    Im Zug nach Peking – eine Episode


    Im Rahmen des Social-Media-Projekts «Train The World» reiste der ehemalige Naturfreunde-Zivi Elias Branch mit Shaun Baumberger als Team-Partner im heranbrechenden Winter per Transsibirischer Eisenbahn von Moskau nach Peking – durch Russland, die Mongolei und China, insgesamt 9288 km. Nachfolgend ein paar Momentaufnahmen, in Wort und Bild.

    Für Bettina, die 28-jährige Krankenschwester aus Niederwangen, ist die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn der erste Kontakt mit dem fernöstlichen Klima und der noch fremden Kultur. Sie hat sich vor der Reise in diversen Fachbüchern und Blogs informiert und sich sogar eine neue Winter­jacke gekauft, um sich gegen die eisige Kälte zu schützen. Während das Quecksilber, das die Temperatur vor dem Zugsfenster anzeigt, nicht über die Minus sieben-Grad-Celsius-Marke steigt, bahnt sich Bettina in ihrem gefütterten Pullover und den handgestrickten Wollsocken ihren Weg durch den schmalen Gang zum Ende des Wagens, um ihre Thermosflasche mit heissem Wasser für einen Jasmintee zu füllen. Als sie den kleinen schwarzen Hebel am Boiler dreht, und das klare Wasser langsam in ihre Thermosflasche tröpfelt, muss sie konsterniert feststellen, dass wieder kein Dampf aus ihrer Thermosflasche aufsteigt. Genervt lässt sie das unnütze Wasser in der Toilette verschwinden. 

    Auf dem Rückweg zu ihrem Abteil lässt sie ihren Blick durch die schmutzigen Fenster schweifen, wobei sie nichts Neues bemerkt. Immer noch wird die selbe weite Landschaft, von dichten Birkenwäldern dominiert, die sich gegen den beißenden Wind und den Permafrost zu behaupten wissen. Zurück in ihrem Abteil informiert Bettina ihre Freunde, die sich alle in dicke Decken gewickelt haben, dass es schon wieder nur lauwarmes Wasser gebe. Aus Andrea, der besten Freundin von Bettina, fährt es heraus, wie sie denn nun bitteschön ihre abgepackten Fertignudeln essen solle? Dani, der bodenständige neue Freund von Andrea, rollt nicht unbemerkt die Augen – es soll nicht das letzte Mal auf der weiten Reise sein.

    Eisige Winde, endlose Weite 

    Durch die Fenster lassen sich erste Anzeichen eines kleinen Dorfes ausmachen. Zuerst ziehen einige scheinbar unbewohnte Jurten, die von Nomadenfamilien bewohnt werden, vorbei. Kurz darauf folgen die hohen Mauern, die das Dorf im Sommer von Sandstürmen und im Winter vor den eisigen Winden schützen sollen. Dann werden erste Häuser erkennbar. Dani, der gelernte Zimmermann, fragt sich, wie diese Häuser wohl isoliert sind, da die Fenster in seinen geschulten Augen nicht wirklich den Schweizer Standards entsprechen. Und dann ist sie wieder da – die endlose Weite, die alles für sich in Anspruch nimmt und uns erst wieder frei lässt, als sich in der Ferne die Umrisse einer Stadt abzuzeichnen beginnen.

    Nächster Halt: Ulan Bator

    Rumpelnd hält der Zug in Ulan Bator, der kältesten Hauptstadt der Welt, mit einer durchschnittlichen Jahresstemperatur von minus vier Grad Celsius. In ihre dicken Winterjacken eingepackt, wagen sich Bettina, Andrea und Dani in die alles erfassende Kälte – minus vierzehn Grad Celsius! Nichtsdestotrotz, oder vielleicht eben gerade deshalb, herrscht auf dem Perron reges Treiben. Das gesamte Fahrwerk, insbesondere die Bremsen, werden vom Zugpersonal mit Eisenstäben abgeklopft und vom angesammelten Eis befreit. Während sich eine Gruppe britischer Touristen darüber wundert, wie man in dieser Kälte bloss (über)leben kann, deckt sich Andrea mit einem Notproviant ein, den sie einer mongolischen Frau an einem improvisierten Stand auf dem Perron abkauft. 

    Warten auf die Kohle

    Wie an sämtlichen bisherigen Haltestellen bestimmt auch diesmal wieder der in die Jahre gekommene Traktor mit seiner geräumigen Ladefläche, die mit dunkelschwarzer, in Stücke gebrochener Kohle gefüllt ist, den Zeitpunkt der Weiterfahrt. Einer der blassgrünen Traktoren, die sich an sämtlichen grösseren Bahnhöfen entlang der Zugstrecke befinden, hält bei jedem Wagen und das routinierte Treiben der zwei, in orange Leuchtwesten gekleideten Männer beginnt. Unter der kritischen Beobachtung von Andrea, die zaghaft am Chuuschuur riecht – einer mongolischen frittierten Teigtasche – die sie soeben zu einem völlig überteuerten Preis erworben hat, und die als Ersatz für die unbrauchbar gewordenen Fertignudeln dienen soll, stemmt der eine Mann mit den schwarz beschichteten Händen und dem krummen Rücken seine Schaufel in die Ladefläche und katapultiert das schwarze Gold vor die Füsse des zweiten Mannes. Dieser, ebenfalls mit einem erstaunlich gekrümmten Rücken und sonderbar ledriger Haut, stemmt seine Schaufel in die Kohle vor ihm und befördert sie mit den immer gleichen Bewegungen in den kleinen Ofen, der sowohl den Wagen als auch den Boiler mit der nötigen Energie versorgen soll, um die anspruchsvollen Passagiere zu befriedigen. 

    Dani, fasziniert vom betriebenen Aufwand, der erforderlich ist, um für die nötige Energie zu sorgen, verfolgt das gesamte Prozedere bei einer Zigarette. Nur ab und an schaut er gedankenvoll einer nikotinhaltigen Dampfwolke nach, die dem Himmel entgegen steigt. Sobald die Männer wieder auf die Ladefläche gestiegen sind, um das gleiche Prozedere einen Wagen weiter zu wiederholen, flüchtet die Gruppe von der Kälte befangen wieder in ihr Abteil – in der Hoffnung, dass die soeben mühsam gescheffelte Kohle länger Wärme spenden möge, als noch auf dem vergangenen Streckenabschnitt.

    Andrea erwacht als letzte aus ihrem tiefen Schlaf, der sie an einen entfernten Strand in die Karibik entführte und ihre Seele gewärmt hatte, um Bettina wieder in die kratzigen Decken gewickelt zu sehen. Nur Dani sitzt am Fenster und schaut entzückt in die Ferne. Andrea hält es nicht lange aus, bevor sie ihre eingerosteten Glieder zum Aufstehen zwingt, um die Wassertemperatur des Boilers zu kontrollieren. Mit einem langen, allessagenden Gesicht teilt sie ihren Freunden mit, dass sie ihre Fertignudeln um sonst mitgebracht habe. Bettina scheint nicht sonderlich beeindruckt. Nur Dani, der als einziger wahrgenommen zu haben scheint, welche meist mühsame Arbeit in das Heizen einfliesst, lässt verlauten, Andrea solle beim nächsten Halt doch selber auch beim Kohle scheffeln anpacken.   

     

    Elias und Train The World 

    Elias Branch, aufgewachsen in Hasliberg BE und ausgebildet als Multimedia-Gestalter, hat im vergangenen Sommer bei den Naturfreunden Schweiz NFS seinen Zivildienst absolviert. In einem über mehrere Spiele geführten Ausscheidungs-Prozedere wurden er und Shaun Baumberger im Rahmen des Projekts «Train The World» als eines der drei Gewinner-Teams nominiert und ergo auf die vierwöchige, zwei Kontinente umfassende Asien-Ozeanien-Tour geschickt. Finanziell getragen wurde das Projekt von Globetrotter, Mammut, SBB, Raiffeisen, Nikon und Swisscom. Während diese Initianten für Reisekosten, Ausrüstung und Taschengeld der drei Reise-Teams aufgekommen sind (das zweite Team war im Zug unterwegs von Europa nach Afrika, das dritte Team von Nord- nach Südamerika), hatten die drei Teams als Gegenleistung täglich von ihren Reiseabenteuern zu berichten – wobei diese durch die fortwährend gestellten Aufgaben der Internet-Community massgebend mitbestimmt worden waren. 

    Mehr dazu unter: www.traintheworld.ch.


    07.01.2014 11:01 Alter: 4 Jahre
    Ausgabe 4 | 2013, Unterwegs
    Von: Shaun Baumberger