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    Wie weiter in der Landwirtschaft?

    Bauern in der Schweiz – als Konsumenten und Bürger den Kurs mitbestimmen


    In welchem Verhältnis stehen Landwirtschaft, Landschaftsschutz, Biodiversität und gesunde Lebensmittel in der Schweiz? Wie lassen sich Anliegen von Bauer und Konsument, von Tier und Mensch unter einen Hut bringen? Der Agronom Georges Müller skizziert einen entsprechenden Wunschbetrieb – und erinnert daran, dass jede und jeder von uns direkt und/oder indirekt Einfluss nimmt auf die Art und Weise, wie sich die Landwirtschaft entwickeln soll.

    Wunsch und Wirklichkeit
    Vielleicht geht es Ihnen auch so; beim Wandern habe ich stets grosses Interesse an den Bauerhöfen an meinem Weg. Was wird denn angebaut auf den Feldern? Wie haben sich die Kulturen entwickelt? Riecht es nach Kühen? Wozu dient wohl diese Maschine und wozu jene? Was wächst im Garten der Bäuerin? Und ich freue mich «fremd», wenn alles gut gedeiht, denn fleissige Hände werken auf den Höfen, damit die Bauernfamilie ihr Auskommen hat und damit die Landwirtschaft ihren verfassungsmässigen Auftrag erfüllen kann. Drei Aufgaben stehen dabei im Vordergrund: die sichere Versorgung der Bevölkerung, die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen samt Pflege der Kulturlandschaft und die dezentrale Besiedlung des Landes. Die Präambel des Artikels 104 der Bundesverfassung hält fest, dass die Landwirtschaft einen wesentlichen Beitrag zu den genannten Zielen leisten soll durch eine nachhaltige, auf den Markt ausgerichtete Produktion.

    Die Idee ist, zumindest auf dem Papier, bestechend einfach: gute landwirtschaftliche Produkte ernähren uns und, weil nachhaltig produziert, auch unsere Nachkommen. Da uns auch eine schöne Landschaft mit ihrer Lebensvielfalt (Biodiversität) wichtig ist, sind wir den Bauern dankbar, wenn sie zudem noch naturnahe Flächen und Objekte anlegen und pflegen im Rahmen des sogenannten ökologischen Ausgleichs. Den Markt bespielen wir dann, indem wir rege ins Regal greifen und Schweizer Lebensmittel kaufen. Leistung und Gegenleistung, das müsste doch funktionieren. Tut es aber leider nicht. Damit das Schiff «Landwirtschaft» auf Kurs bleibt, unterstützen wir in der Schweiz die Bauern mit fast 4 Milliarden Franken pro Jahr! Hinter den Kulissen verwalten Verwaltungen aller Hierarchiestufen diese Summen und kompensieren, was der sogenannt freie Markt nicht fertigbringt: den Bauern ein faires Entgelt für ihre Produkte und Leistungen zu sichern.

    Das Dilemma
    Der Markt kann gar nicht alles regeln, denn das Bauern hierzulande hat seine Tücken. Die Schweiz ist kein typisches Agrarland! Lange Winter, viel Niederschlag , kaum ebene Flächen und eine Bauwut, welche dafür sorgt, dass laufend ein Quadratmeter Boden pro Sekunde verschwindet, immerhin rund zehn (10!) Fussballfelder pro Tag und das seit Jahrzehnten! Auch das unternehmerische Fahrwasser ist für unsere Bauern recht eng, entsprechend gross dafür die Regeldichte: Raumplanungsgesetz, bäuerliches Bodenrecht, Tierschutzgesetz, Gewässerschutzgesetz, Naturschutz- und Landwirtschaftsgesetz und daraus abgeleitet eine Heerschar von Vorschriften, die notabene der Qualität der Lebensmittel, dem Tier- und Pflanzenwohl und dem Schutz unserer gemeinsamen Ressourcen dienen. Nun erscheinen noch Globalisierung und Freihandel auf dem Tapet und begünstigen den Import von Lebensmitteln aus Gebieten mit klar besseren Voraussetzungen, sei es beim Klima oder bei den Löhnen und Kosten.

    Die gute Wahl
    Ich finde es eine sehr gute und weise Entscheidung, unsere Landwirtschaft zu erhalten, selbst wenn es etwas kostet. Wir bekommen auch sehr viel zurück. Wir können Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie zumindest ein Teil unserer Nahrungsmittel produziert werden und können zuverlässige und fachlich gut ausgebildete Landwirte mit der Pflege unserer Landschaft betrauen. So haben wir, weil Gott sei Dank demokratisch organisiert, diejenige Landwirtschaftspolitik, die wir verdienen. Und das ist gut so. Nur leider haben viele Leute es aufgegeben, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, zu komplex erscheinen ihnen die verschiedenen Einflussfaktoren.

    Mitreden!
    Gerade in diesem Sommer geschah etwas Einmaliges; es gibt angeblich (nach Jahren und Jahrzehnten von Kontingentierungen und Preiszerfällen, Matterhorn-hohen Butterbergen und zu Schleuderpreisen exportierten Käsehalden) zu wenig Milch in der Schweiz!! Das wäre doch ein spannender Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, was man sich persönlich von der Landwirtschaft wünscht. Ich zäume deshalb für einmal das Pferd vom Schwanz her auf, ignoriere alle (echten und vermeintlichen) Sachzwänge der Agrarpolitik und entwerfe mir ein Wunschbild einer Landwirtschaft. Egoistisch wie ich (auch) bin, denke ich dabei zuerst an mich, denn ich stelle hohe Ansprüche an die Lebensmittel, die ich gerne nach dem Motto «guet ond gnueg» verzehre. In den 35 Jahren als Agrar-Ingenieur habe ich mir eine gehörige Portion Skepsis angeeignet, was den Einsatz von all den tausenden von theoretisch möglichen Wirkstoffen in der Landwirtschaft angeht. Daran ändern auch die unüberschaubar vielen Labels, die heute um die Gunst des Kunden buhlen, nicht viel. Klare und für mich nachvollziehbare Regeln sind eigentlich nur im Bio-Landbau gegeben. Zudem sind es nicht die Vorschriften, die Qualität schaffen, ­sondern das Engagement und die Eigen-­Verantwortung der Bauernfamilien. Darum weiss ich auch, dass es aus allen Produktionsrichtungen gute Lebensmittel geben kann, ­mit dem Entscheid für Bio-Produkte senke
    ich aber das Risiko.

    Mein Wunschbetrieb
    Egal nach welcher Methode, mein Wunschbetrieb wirtschaftet standortgerecht. Er produziert das, wozu sich sein Klima und seine Böden eignen. Tierbestände und düngbare Flächen stehen in einem guten Verhältnis, sodass kaum Kunstdünger notwendig sind. Bei der Sortenwahl im Pflanzenbau stehen Resistenzen und gute Geschmackseigenschaften im Vordergrund. Bei der Tierzucht ebenfalls. Rund 15% Ökoflächen sind kein Problem und werden als Betriebszweig wahrgenommen und fachgerecht gepflegt. Der Betrieb ist ein Familienbetrieb und kann sich die Unterstützung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen leisten, wenn nicht dauernd so mindestens für Ablösungen und etwas Ferien und Freizeit. Diese Struktur, so finde ich, entspricht dem, was in den engen Raum-Verhältnissen unseres Landes möglich und eben auch sinnvoll ist. Zudem sind Familienbetriebe oft ein Garant für persönlich wahrgenommene Verantwortung, eine Qualität, die ich nicht hoch genug schätzen kann, schliesslich geht es um meine Lebensmittel (Nomen est omen!).  

    Die Kuh meines Wunschbetriebes gibt Milch aus dem Futter, das in ihrer Nähe wächst. Sie wird vom Züchter ausgelesen nach der Fähigkeit, viel gute Milch aus Gras zu geben und nicht Unmengen von Milch aus importiertem Kraftfutter. Eine Schweizer Kuh hat zurzeit im Durchschnitt gerade mal zweieinhalb Jahre zu leben, weil viele Tiere, die nicht hoch- und höchstleistungsfähig sind, gleich zum Metzger müssen. Eine Kuh, die nicht überfordert wird, kann ohne weiteres zehn und mehr Jahre Milch geben und jährlich ein Kalb dazu.

    Fleisch oder kein Fleisch?
    Die grösste Herausforderung, meinem Wunschbetrieb ein Profil zu geben, habe bei der Fleischproduktion besonders beim Schwein und beim Huhn. Bäuerliche Fleischproduktion versus industrielle Fleischproduktion? Wo liegt der Unterschied? Ist es die Grössenordnung der Tierzahl? Ist es die Haltungsform? Lässt sich das Tierwohl in Quadratzentimetern Auslauffläche messen? Zugegeben, da bin ich etwas ratlos und hin- und hergerissen zwischen meinen fleischlichen Gelüsten (eine feine Bauernbratwurst, ein saftiges Cordon-bleu) und einem schlechten Gewissen, wenn ich daran denke, dass mein Kotelett mit Soja aus Brasilien und Gerste aus Kanada gemästet wurde und mein Poulet ausser der Masthalle nichts von der Welt gesehen hat. Will das Huhn überhaupt etwas von der Welt sehen?  

    Trotz all meiner Zweifel, eines steht für mich fest: Fleisch in Massen zu produzieren und zu vertilgen, kann nie nachhaltig sein. Ganz auf Fleisch zu verzichten kann nicht schaden und trotzdem, Tiere gehören seit je zu unserer Ernährung und zu unseren Bauernhöfen. Die Hofdünger (Mist und Gülle) schaffen sinnvolle Kreisläufe bei der Düngung. Im Zweifelsfall entscheide ich mich für Fleisch vom Wiederkäuer (Rind, Schaf, Ziege, Pferd), denn diese Tiere können mit Gras gefüttert werden und ohne Kälber gäbe es auch keine Milch. Bei gelegentlichen (und gezielten) Ausrutschern punkto Schwein und Huhn schaue ich auf Labels mit hohem Standards. Das relativ hohe Niveau beim Tierschutz und bei den Haltungsformen in der Schweiz gehört für mich zu den wichtigsten Fortschritten in der Landwirtschaft.

    Gentech oder nicht?
    Auf meinem Wunschbetrieb: lieber nicht! Wichtig ist mir der Unterschied zwischen ­«Cis-Gentechnik» und «Trans-Gentechnik». Bei der «Cis» Technik kommen die eingesetzten Gene stets aus der eigenen Familie. Sollen also Kartoffeln resistent gemacht werden gegen Kraut-und Knollenfäule, so werden erfolgsversprechende Gene in Kartoffeln und allenfalls nahe Verwandten Pflanzen gesucht und nicht irgendwo im gesamten Genpool der Erde. Das gefällt mir deutlich besser als die Trans-Gentechnik, bei der wild gemischt wird, egal woher die Gene stammen, wenn sie nur ihren Zweck erfüllen. Dies erinnert mich stark an Goethe’s Zauberlehrling, der seine Besen nicht mehr stoppen kann. Das Gentech-Moratorium der Schweiz finde ich eine gute Sache.

    Apropos Züchtung: Die besten Zuchtmethoden können nur greifen, wenn wir auf wertvolle Gene in der Natur zurückgreifen können. Mit jeder Art, die wir ausrotten, geht eine Chance verloren. Das ist schade und, wenn wir einigermassen Sorge tragen zur Natur, auch nicht nötig. Für Firmen aber, welche sich Gene gewissermassen unter den Nagel reissen wollen mit Patenten habe, ich übrigens nicht das geringste Verständnis.

    Lebensvielfalt – Lebensqualität
    Ich bleibe meiner egoistischen Linie treu und wünsche mir auch eine Landwirtschaft, die noch mehr Sorge zur Landschaft trägt. Ganz einfach, weil ein schönes Landschaftsbild Balsam für meine Seele ist. Und weil ich es mit jenem Bauern halte, der mir einmal auf die Frage, warum er denn so viele Ökoflächen auf seinem Betrieb pflege, antwortete: « Weil ich meinen Enkeln nicht nur Löwenzahn und Krähen hinterlassen möchte». Ich bin der Überzeugung, dass ein Anteil von rund 15% an naturnahen Flächen und Elementen auf einem Bauernbetrieb richtig und wichtig sind. Diesen Anteil, so schätzt man in Fachkreisen, braucht es, wenn die rote Liste bedrohter Arten nicht weiter zunehmen soll. Heute sind 7% Ökofläche vorgeschrieben, wenn der Betrieb Subventionen erhalten will. Viele Bauern pflegen bereits heute Blumenwiesen, Hecken, Buntbrachen oder Hochstamm-Obstbäume mit viel Überzeugung und Fachwissen und erzielen dabei auch einen respektablen Anteil am Einkommen.

    Das Argument, man züchte bloss «Blüemli» auf den besten Ackerflächen und importiere dafür Nahrungsmittel von weither, greift für mich nicht. Geschickt platzierte Ökoflächen liegen dort, wo die Bewirtschaftung sowieso schwierig ist oder wo von Natur aus magere Böden die Erträge schmälern. Die Produktivität der Landwirtschaft ist gar gestiegen in den vergangenen Jahren, der Grad der Eigenversorgung sinkt allerdings, aber nicht wegen der Blüemliwiesen, sondern wegen der hohen Zuwanderung.

    2500 Arbeitsstunden pro Jahr?
    Nun aber weg von den Eigeninteressen und an die Bauern selber gedacht! Es ist für mich kein zukunftsträchtiges Modell, von einer Berufskraft 2500 Arbeitsstunden und mehr pro Jahr zu verlangen bei einem Einkommen, das nicht zum Überleben einer Familie reicht. Mein «Wunschbetrieb» wird in Zukunft einer Bauerfamilie samt einem oder einigen wenigen angestellten Arbeitskräften ein Auskommen bieten bei einer hohen, aber nicht unmenschlichen Arbeitslast. Ferien, Stellvertretungen bei Krankheiten und freie Tage müssen auch für Bauersleute möglich sein, sonst entsteht ein soziales Gefälle und der Unmut der Bauern gegenüber den «Büromenschen» wächst weiter an.

    Grössere Betriebe rentieren besser?
    Preiswerte Schweizer Lebensmittel und ein bäuerliches Einkommen, welches sich mit ähnlich gelagerten Berufen, zum Beispiel einem Handwerker mit eigenem Betrieb, vergleichen lässt, sind leider (noch) nicht realistisch. Was tun? Mehr Subventionen? Politisch nicht durchsetzbar. Also, so hat man sich in der Agrarpolitik gesagt, wenn der Preis nicht steigen kann oder darf und mehr Subventionen tabu sind, so muss die Menge steigen. Kleinere Betriebe müssen aufgeben, grössere Betriebe sollen an ihrer Stelle mehr und günstiger produzieren. Aber auch diese Rechnung geht bislang nur sehr beschränkt auf. Der Handel, nicht immer ein echter «Partner» des Landwirten, senkt die Preise weiter, die Rationalisierung auf dem grösseren Betrieb ist wieder weggefressen und zurück bleibt eine grosse Investition mit teilweise sehr grossen finanziellen Belastungen; zurück auf Feld 1! Auch darum bleibt mein Wunschbetrieb ein Familienbetrieb mit überschaubaren Dimensionen.

    Ihr Wunschbetrieb
    Lieber Naturfreund, wenn Sie das nächste Mal an einem Bauernhof vorbeikommen, bedenken Sie, dass Sie vor einem komplexen wirtschaftlichen Gebilde stehen, bewirtschaftet von Bäuerinnen und Bauern, die eine grosse Verantwortung tragen und ihre Aufgabe meines Erachtens meist gut lösen, auch wenn sie oft an der Grenze der Belastbarkeit stehen. Vergessen Sie nicht, dass Sie selber wesentlich dazu beitragen, dass es diesen Hof überhaupt noch gibt. Ich finde, darauf dürfen Sie auch ein bisschen stolz sein. Und ja: Mitreden, wenn es um die Zukunft unserer Landwirtschaft geht, entwerfen Sie ihren eigenen Wunschbetrieb!     

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    Mal auf Stallvisite gehen!
    Landwirtschaft: Bauernhöfe mit offenen Stalltüren
    Wissen wir, woher unsere tägliche Milch kommt? Und kennen wir den Ort, von wo das gute Stück Fleisch stammt? Das Projekt «Stallvisite» ermöglicht uns allen einen Besuch beim Bauern. Es sind auch heuer wiederum annähernd 300 Schweizer Bauernhöfe, die ihre Tore für die Bevölkerung offen halten. Und wichtig: viele dieser Betriebe finden sich auch unweit der Städte und Agglomerationen, so beispielsweise in Wallisellen, Kilchberg, Bassersdorf, Titterten, Wahlen, Vuarrens, St-Livres, Heimiswil, Liebewil , Giswil, Sachseln, Willisau und und und. Mit rund 80‘000 Besuchern pro Jahr (vielfach auch Familien mit Kinder) erfreut sich das Stallvisite-Angebot grosser Beliebtheit. Eine Liste der am Programm mitmachenden Bauernhöfe findet sich unter www.stallvisite.ch.
    Infos zudem auch via Landwirtschaftlicher
    Informationsdienst LID, 031 359 59 77.     NF.

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    19.09.2013 10:37 Alter: 4 Jahre
    Ausgabe 3 | 2013, Gesund Leben
    Von: Georges Müller