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    «Spitzensport ist keine Kernaufgabe des Staates»

    Zürich Marathon: am 7. April laufen Tausende – Gespräch mit Marathon-Meister Bruno Lafranchi


    Gesund leben:  für den Ex-Marathon-Meister Bruno Lafranchi gehört dazu unbedingt auch eine Portion Sport. So wie regelmässiges Zähneputzen in breitesten Kreisen zur Selbstverständlichkeit geworden sei, so sollte dies auch für regelmässige sportliche Betätigung gelten. Die Schweiz brauche heute nicht mehr Spitzensport, sondern mehr Breitensport.

     

    Zwei Mal hat Bruno Lafranchi den Murtenlauf (Murten-Fribourg) gewonnen, im 1979 und im 1980. Seinen schnellsten Marathon (42,195 km) lief er 1982 in Japan, mit 2h11’12, das hatte ihm einen 3. Rang beschert. Insgesamt drei Mal hat er es bei international wichtigen Marathons aufs Podest geschafft – 1988 am Beppu-Oita-Marathon als Erster ganz zuoberst (mit 2h11’57). Heute, mit 130‘000 Laufkilometern in den Beinen, sind für ihn die Zeiten als Spitzenathlet passé.  In der Läuferszene aber ist er nach wie vor präsent. Unter anderem als OK-Präsident des Zürich Marathons und des Zürcher Silvesterlaufs.

    Fragt man Bruno Lafranchi nach den schönsten Jogging-Strecken in Zürich, leuchtet Begeisterung in seinem Gesicht. Er kennt sie alle, diese Wege. Ob vom Zürichhorn zum Bellevue oder vom Seefeld zum Botanischen Garten – oder auf der anderen Seeseite, beim Albisgüetli, hinauf zum Panoramaweg. Bruno Lafranchi schwärmt von der Aussicht am Uetli, auf die Alpen, und weit über den See – „Zürich zum Joggen, das ist uh-schön! Da läufst du etwa der Sihl entlang, bist mitten in der Stadt, und doch ist’s da unten am Wasser wie in einer anderen Welt. Wer sagt, ein Läufer bekomme von der Natur nichts mit, hat keine Ahnung“. Und so taucht dieser Mann ein in einen Kosmos an Erinnerungen, zu jeder Tages- und Nachtzeit war er in Zürich laufend unterwegs. Als Läufer wird einer zum Wetterfrosch, er sieht Fische aus dem Wasser springen, riecht den heranziehenden Schneefall, bemerkt  die ersten      Knospen, die ersten Blüten, sieht die Entenmutter mit ihren Jungen, rennt dem Sonnenaufgang entgegen, vernimmt das Zwitschern der Vögel, atmet die Luft des neuen Tages. Laufen, so sagt es Bruno Lafranchi, das sei ein Privileg, ein Luxus, etwas vom schönsten.

    Joggen in Zürich – nun klar, Lafranchi ist kein „normaler“ Läufer. Er ist, respektive er war ein Spitzenläufer. Er war mehrfacher Teilnehmer an Olympischen Spielen, an Welt- und Europameisterschaften; er war Schweizerrekordhalter im Marathon, mehrfacher Schweizer Meister auf der Bahn, im Cross und Indoor; und die 1000 Meter-Distanz machte er in
    2 Minuten 23 Sekunden.

    Herr Lafranchi, Sie sind x-mal zuoberst auf einem Podest gestanden – da ist einer der Grösste. Wie fühlt sich das an?
    Das ist unterschiedlich. In jungen Jahren, mit den ersten Siegen, den ersten Pokalen, ist das anders als im späteren Verlauf der  Karriere. Für mich ein Highlight war der Beppu-Oita-Marathon 1988 in Japan. In Marathons zuvor hatte ich’s zwar ebenfalls aufs Podest geschafft, aber zum Sieg an einem Marathon mit hohem Prestige hatte es noch nicht gereicht. Also setzte ich 1988 alles auf Sieg. Vier Monate lang hatte ich mich tagtäglich minutiös auf jenen 7. Februar vorbereitet. Jeden Tag, bei jedem Training sagte ich es mir unablässig: am 7. Februar 1988 hast du keine Schmerzen und du wirst gewinnen. Man muss wissen: Ich hatte damals dick geschwollene Fersen, Schleimbeutelentzündung, permanent Schmerzen. Nach den Trainings, abends, lag ich auf dem Teppichboden, Augen geschlossen, und spielte den Marathon Kilometer um Kilometer im Kopf durch, und dazu mein Credo: am 7. Februar wirst du keine Schmerzen haben und du wirst gewinnen.

    Und? Waren die Schmerzen weg?
    Genau – und ich habe gewonnen! Was ich damals mental aufgebaut hatte, das glaubt mir noch heute kaum ein Mensch. Ich war in der Spitzengruppe, und ich wusste: ich werde gewinnen. Jede Bewegung, jeden Zug meiner Konkurrenten, jedes Detail bei mir: ich registrierte alles. Konzentration bis ins letzte. Nur ein einziges Mal bloss, für Sekunden, hatte ich mich ablenken lassen, durch die im Journalisten-Auto neben mir fahrenden Fotografen. Und prompt hatte ein Läufer angegriffen und ich geriet in die Defensive. Für einen Moment war ich überheblich – und ich brauchte 3 km, um den Karren wieder unter Kontrolle zu kriegen. Drei Kilometer, damit wieder klar wurde: dieser hier gewinnt. Sicher, das Selbstvertrauen, das muss ganz oben sein! Aber überheblich darfst du nicht sein. Deine Gegner sind deine Gegner, das braucht Respekt, Achtung. Ich habe damals alles in jenen Lauf gesteckt, meine ganze Erfahrung. Und diese brachte ich zum Ausdruck, zum Tragen. Schaue ich mir heute das Video jenes Laufs an, ist’s offensichtlich; die Körpersprache war deutlich: der Siegerwille, meine Gewissheit, diesen Rennen gegen alle zu gewinnen  – für Aussenstehende schwer zu verstehen. Die setzen so etwas vielleicht mit Überheblichkeit gleich.

    Wenden wir uns den „Normalos“ zu. Marathon-Läufer erhalten viel Zuspruch. Man bringt das Ganze in Verbindung mit Charakterstärke, Durchhaltewille und dergleichen. Worauf sind jene stolz, die eine Marathon-Ziellinie überschreiten?
    42 km, das ist eine Riesenleistung. Unabhängig von der Laufzeit. Das schaffen nur wenige, vielleicht 1%. Darauf kann man stolz sein. Dahinter steckt Vorbereitung, ein Aufbau, ein Dranbleiben. Also nicht verwunderlich, dass man heute auch in einer Job-Bewerbung auf gelaufene Marathons hinweisen darf.

    Aber das mit der Gesundheit, stimmt das? Stichwort Knie, Gelenke!
    Sagen wir es so: der Weg zum Marathon ist gesund. Die 42 km an sich sind es vielleicht weniger; aber die Vorbereitung ist es.  Mit dem Marathon vor Augen bleibt man dran, auch im Winter. Das ist mit Sicherheit gesünder als Nichtstun. Man stelle sich vor: einer geht ständig mit einem 40-Kilo-Rucksack durch die Gegend. Ist das gesund? Wer 100 kg auf die Waage bringt, trägt ständig 40 kg mit sich – und das schlägt wahrscheinlich mehr auf die Gelenke als einmal im Jahr ein Marathon.

    Sie bringen das Joggen von heute mit der Karies-Bekämpfung von damals in Verbindung.
    Aus dem Mund eines ehemaligen Spitzenläufers mag dies vielleicht überraschen, aber ich sage: Spitzensport ist Selbstverwirklichung. Ich habe das gemacht. Das ist Luxus. Wer das will, soll’s versuchen. Noch Mitte der 1980er Jahre gab es in der Schweiz zehn Läufer, die den Marathon unter 2h20 schafften. Heute sind es noch zwei. Die einstige Pyramide ist flach geworden. Das hat u.a. mit Wohlstand zu tun. In Kenia gibt’s keine Pyramide, sondern den Obelisk: nur Spitzenläufer. Wo ein Lohn kaum ausreicht, die Familie durchzubringen, geht man nicht joggen. Und hier nun mein Vergleich mit der Karies: das war in den 1960er- und 70er-Jahren ein Riesenthema bei uns, eine Volkskrankheit. Daraus ist der Konsens zustande gekommen, diesem Phänomen zu begegnen. Wir taten dies mit einem breit angelegten Programm, bis hinein in die Schulen, überall. Heute ist Karies kein Thema mehr. Aber heute haben wir das Phänomen Bewegungsarmut und Fehlernährung. Also wäre es doch erstrebenswert, dass wir dagegen antreten, so wie damals gegen die Karies und ergo in den Breitensport investieren. Auf dass es irgendwann mal völlig normal wird, pro Woche zwei, drei Mal Sport zu treiben. So wie man zwei, drei Mal pro Tag Zähne putzt. Und genau dazu möchte ich einen Beitrag leisten. Vergessen wir die Elite, machen wir stattdessen auf Breitensport. Jene, die sich im Spitzensport selbst verwirklichen wollen, sollen das tun – aber das ist keine Kernaufgabe des Staates.

    Was sind das für Menschen, die an Marathons starten?
    Etwa 80% davon sind Männer. Und ein Gros davon ist zwischen 40 und 48. Oft sind es Leute, die um Mitte 30 in Beruf und Familie ihre wichtigsten Ziele erreicht haben – und nun vielleicht feststellen, dass sie anfangen, etwas Fett anzusetzen. Und dann gibt’s auch jene, bei denen die Sache auf eine Biertisch-Wette zurückreicht. Und also zieht’s der Mann durch. Sogar auf die Gefahr hin, wankend ins Ziel zu kommen. Frauen sind in der Regel meist besser vorbereitet und dies bis hin zum Outfit.
     
    Und woher kommen die Teilnehmer am Zürich Marathon?
    Bei uns starten Läufer aus jedem Kanton. Und aus jedem Kontinent. Es gibt längst eine Art Marathon-Tourismus. Marathon-Läufer sind – von Ausnahmen abgesehen – nicht treu. Die wollen mal in Berlin, mal in Paris oder New York laufen. Vor zwei Jahren hatten wir den damals 77-jährigen Amerikaner Leslie Love bei uns. Zürich war sein 200. Marathon. Leslie hatte irgendwann damit angefangen, Marathons in der ABC-Reihenfolge zu laufen, für jeden Buchstaben einen Lauf. Und da war unser Zürich Marathon der letzte in seiner Reihe.


    23.03.2013 17:23 Alter: 5 Jahre
    Ausgabe 1 | 2013, Gesund Leben