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    Gesunder Geist – gesunder Körper?

    Nachdenken über: Mens Sana in Corpore Sano


    Es gibt Zitate, die überdauern Jahrhunderte. «Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper» ist so eines. Es stammt aus einer vor 2000 Jahren verfassten Satire des römischen Dichters Juvenal. Vielen kam und kommt es zupass, seinerzeit auch dem Nationalsozialismus. Heute, da Fitness und ein perfekter Körper derart tonangebend sind, ist ein Nachdenken über die Aussage «mens sana in corpore sano» angebracht.

    Wir haben nicht nur einen Körper. Wir sind unser Körper. Was ist uns näher als er? Und doch kann er uns fremd werden. Das ist der Fall, wenn wir unseren Körper nicht mögen, wenn wir unter schweren Beeinträchtigungen leiden oder krank werden und diese Krankheit nicht verstehen. 

    Was sehe ich im Spiegel? 

    Unser Körper wird uns geschenkt. Wir können ihn uns nicht aussuchen. Er ist ein wichtiger Teil unserer Individualität, unserer Einzigartigkeit. Unser Körper ist ein wunderbarer Organismus, dessen Funktionieren uns immer wieder staunen lässt. Da geschieht vieles, ohne, dass es uns bewusst wird, automatisch. Und doch ist unser Körper kein Automat. Er hat Bedürfnisse, die beachtet werden müssen. Er braucht Pflege. Unser Körper verändert sich im Laufe unseres Lebens. Auch darauf müssen wir uns einstellen. Wie gehst du mit deinem Körper um? Mit einem kostbaren Geschenk gehen wir sorgsam und liebevoll um. Wir freuen uns daran und trachten danach, es uns zu erhalten. Wir sind dankbar dafür. Sollte das nicht auch für den Umgang mit dem kostbaren Geschenk unseres lebendigen Körpers gelten? Doch der tägliche Blick in den Spiegel löst nicht immer nur Freude und Dankbarkeit aus. Viele Menschen haben ein anderes Bild von ihrem Körper als jenes, das der Spiegel zeigt. Und dieses andere Bild ist stark von der geltenden Mode bestimmt, von den gängigen Urteilen über Schönheit und gutes Aussehen. Auch über das, was gerade als gesund gilt. Solche Bilder können zu unsichtbaren Tyrannen werden. Es gibt heute einen übertriebenen Körperkult, dem sich viele unterwerfen auf der Suche nach der idealen Figur, im Bestreben nach Schlankheit und Fitness. Unzählig sind die empfohlenen Diäten und die Uebungen zur Erlangung des Waschbrettbauches. 

    Wenn man liest, dass ehrgeizige Manager bereits um 5 Uhr aufstehen, um noch vor dem Frühstück und Dienstantritt im Keller ihre Kilometer auf dem Laufband zu absolvieren, wird einem klar, dass dieser Umgang mit dem Körper Stress ist. Es ist die heutige Form von Askese. Früher diente Askese zur Unterdrückung des Körpers, zu seiner Züchtigung, zur Abtötung seiner Triebe. Heute dient sie zur vollständigen Formung des Körpers nach dem Bild, das ich mir von ihm gemacht habe.

    Askese, bei der an die Stelle eines achtsamen, liebevollen Umgangs mit dem eigenen Köper seine totale Unterwerfung und Formung nach einem Idealbild treten, ist unmenschlich. Auch das Streben nach vollkommener Gesundheit darf uns nicht vergessen lassen, dass wir unvollkommene Menschen bleiben und dass unser Körper anfällig bleibt für Krankheiten, dass er altert und einmal sterben wird. Der beste menschliche Umgang mit dieser bleibenden Unvollkommenheit ist der Humor.

    Das Zitat und die Interpretationen

    Das Ideal eines gesunden Menschen wird bis heute gern mit einem lateinischen Zitat ­ausgedrückt: Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Meist wird es als Aufforderung zu sportlicher Aktivität interpretiert und man kann da auch heraushören, dass nur in einem gesunden Köper ein gesunder Geist zu Hause sein kann. Das ist natürlich Unsinn. Und das ist ursprünglich auch nicht gemeint. Da das lateinische Zitat ein Spielball falscher Interpretationen geworden ist, lohnt es sich, nach dem ursprünglichen Sinn zu fragen. 

    Mens sana in corpore sano ist ein Zitat aus einer Satire des römischen Dichters Juvenal, der vermutlich von 60 bis 140 nach Christus lebte. Juvenal wendet sich in dieser Satire an Menschen, die viele Wünsche in ihren Gebeten an die Götter richten, z.B. den Wunsch nach Reichtum, politischer Macht, Redekunst, Kriegsruhm, einem langen Leben und Schönheit, und die doch oft nicht das Richtige vom Falschen unterscheiden können. Die Menschen sollten das Beten zu den Göttern unterlassen, da nur die Götter wüssten, was für den Menschen nützlich sei und sie ihm dies dann auch zukommen liessen. Wer dennoch um etwas bitten möchte, der sollte um geistige und körperliche Gesundheit sowie um einen mutigen Sinn beten. Wichtig scheint mir, dass Juvenal Gesundheit als etwas Ganzheitliches sieht, das den Geist und den Körper umfasst. Entscheidend aber für das richtige Verständnis dieses Zitates ist, dass diese ganzheitliche Gesundheit nicht einfach vom Menschen ins Werk gesetzt wird. Nach Juvenal ist das ein Anliegen des Gebetes. Es ist nach ihm sogar das einzige sinnvolle und notwendige Gebetsanliegen. Mit anderen Sachen sollen wir den Göttern nicht kommen. Wenn sie das alles erfüllen, um das wir sie bitten, könnte es sogar gefährlich für uns Menschen werden.

    Ich denke, Juvenal hat nicht das eigene Bemühen um eine gute Balance von körperlichem und geistigem Wohlergehen ausschliessen wollen. Recht verstandenes Gebet gibt ja auch nicht die Verantwortung für das eigene Leben, für das der anderen Menschen und die ganze Schöpfung einfach ab an Gott. Wir sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes. Indem aber Juvenal unsere geistige und körperliche Gesundheit ins Gebet nimmt, weist er uns auf die Grenzen unseres Vermögens hin, und er erinnert uns auch daran, dass unser Leben in Körper und Geist eine anvertraute Gabe Gottes ist.

    Von Franz von Assisi zu Therese von Avila 

    Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen der Körper neben der Seele fast nichts galt. Er wurde mit seiner Sinnlichkeit als Feind der Seele erfahren. Das Christentum hat schon bald – entgegen seiner ursprünglichen Botschaft – eine Leibfeindlichkeit gefördert. Für den Apostel Paulus ist der Leib der Tempel des heiligen Geistes. Man kann doch gar nicht höher vom menschlichen Körper sprechen. Aber wie vieles, was dem Zeitgeist nicht gefiel, wurde auch diese biblische Botschaft vergessen oder verdrängt.

    Der vielleicht sympathischste Heilige der Christenheit, Franz von Assisi, nannte seinen Körper Bruder Esel, und das spielte an auf das sprichwörtlich Störrische des Esels und darauf, dass er geschlagen wird, damit er tut, was wir wollen. Franz war ein eifriger Asket, der seinen Hunger und Durst und auch seine Sexualität zu bekämpfen suchte und der bereits mit 44 Jahren starb. Er erkannte spät, dass er seinen Körper zu schlecht behandelt hatte und nannte ihn schliesslich Bruder Leib. Einer Heiligen des späten Mittelalters, der Therese von Avila, verdanken wir das schöne Wort: Tue deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. Dem Leib Gutes zu tun – das steht für sie also in einem ganzheitlichen Zusammenhang. Wenn in ­früheren Zeiten die Seele alles war und der Körper fast nichts, so ist es heute eher umgekehrt. Reiner Körperkult geht einher mit seelischer Verarmung. Es kommt auf die Balance an zwischen körperlicher und geistiger Gesundheit. Und ich denke, das ist auch gemeint im berühmten Zitat von Juvenal, und nicht die einseitige Ertüchtigung des Körpers. Es gibt heute viele Möglichkeiten und Hilfen, einen guten, sorgfältigen und liebevollen Umgang mit unserem Körper zu üben und geistige und seelische Gesundheit anzustreben. Man muss nur beides wollen und bereit sein, dafür etwas zu tun, nicht nur wenn man jung ist, sondern das ganze Leben lang.   

    * Heinrich A. Meyer ist pensionierter reformierter Pfarrer. Als leidenschaftlicher Klavierspieler liebt er insbesondere die Kammermusik, und also das Zusammenspiel mit anderen. 


    07.01.2014 10:57 Alter: 4 Jahre
    Ausgabe 4 | 2013, Gesund Leben
    Von: Heinrich A. Meyer-Reichenau