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    < Lichtblick im weglosen Stein

    Harmonie-Bedürfnis oder Gesundheits-Fanatismus?

    Versuch einer philosophischen Annäherung


    In unserer Werteskala steht Gesundheit weit oben, sei es beim Einzelnen, in den Familien oder in der Öffentlichkeit. Beim Einkaufen, bei Freizeitaktivitäten, beim allfälligen Wechsel einer Krankenkasse, beim Festlegen der privaten und öffentlichen Haushalte – nirgends  kann der Faktor Gesundheit übergangen
    werden.

    Wer die Entwicklung der Gesundheitsausgaben in der Schweiz vor Augen hat, kann sich sogar fragen, ob wir es vielleicht bei der Gesundheit nicht doch etwas  übertreiben, wenn wir über 11% des Bruttoinlandproduktes dafür ausgeben.

    Im Jahre 1960 waren es gerade mal  4,9%. Ging die Gesellschaft damals mit dem Gut  Gesundheit fahrlässig um, oder haben wir heutigen dieses Gut zum goldenen Kalb hochstilisiert? Sind wir von einem Extrem ins andere gefallen?

    Ältere Jahrgänge mögen sich vielleicht noch an jenen Spruch zum Alkohol- und Nikotinkonsum erinnern, den man  an Stammtischen oder auch in  jugendlichen Männergruppen hin und wieder hören konnte: „Alkohol und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin, ohne Alkohol und Rauch putzt’s die andere Hälfte auch.“
    Ganz andere Töne sind heute zu vernehmen: Überall Rauchverbote und abschreckende Bilder auf den Zigarrettenpäckli, kein Ausschank von Alkohol für Jugendliche, Jogging und Stadtläufe auf der ganzen Welt: „Gsundi gsundi“ allenthalben.  

    Endlichkeit – und vollkommenes Wohlbefinden
    Ein Kulturwechsel hat stattgefunden und da stellt sich die Frage nach einer Gesundheitsdefinition, die uns diesen Wandel von einem relativierend-selbstironischen zu einem distanzlos-unreflektierten  Umgang mit der Ressource Gesundheit verstehen lässt.

    Die wohl bekannteste Umschreibung von Gesundheit stammt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“

    Auf der Basis dieses Verständnisses von Gesundheit  fand in den letzten Jahrzehnten  weltweit eine Vorstellung Anerkennung, die in eine positive Richtung zielt und im Sinne des salutogenetischen Ansatzes (vgl. Antonovsky) nicht einfach die Krankheitsbekämpfung in den Vordergrund stellt, sondern sich auf mögliche Ressourcen für die Gesundheit konzentriert.

    Allerdings wird in der Formulierung der WHO die Latte für das Erreichen der „Gesundheit“ fast utopisch-hoch gesetzt, denn: wie kann der von seiner  Grundstruktur her endliche Mensch je zu einem vollkommenen Zustand gelangen, der gleichzeitig ein körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden umfasst?

    Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass für den Gesundheitsbegriff der WHO die realistische Komponente des Bekämpfens von Krankheit und Gebrechen genauso bedeutsam ist wie der hohe  Anspruch auf einen Zustand vollkommenen physischen, mentalen und sozialen Wohlbefindens.

    Im zweiten Teil ihrer Definition bleibt die WHO also durchaus auf dem harten Boden der Realität von Krankheiten und Gebrechen, welche den idealen Zustand der perfekten Gesundheit stets bedrohen. Sie liefert dazu auch den Tatbeweis, wenn sie in ihrem  umfassenden Weltgesundheitsbericht einen Atlas der wichtigsten Krankheiten und deren Folgen für die Sterblichkeit vorlegt (vgl. Global Burden of Disease Study, 2010).

    Die Resultate dieses Reports zeigen auf, woran Menschen in der heutigen Zeit erkranken: Mehr als 9 Millionen starben 2010 an den Folgen von Bluthochdruck, der weltweit grössten Gesundheitsgefahr. Auf den Rängen zwei und drei folgen Rauchen und Alkohol. Diese drei erwähnten Faktoren stellen damit heute sogar eine grössere Gefahr dar, als das Risiko des Hungers im Kindesalter.

    Ich möchte mich im Folgenden jedoch nicht auf solche  bloss quantitative Informationen beschränken. Wenn wir das  massenhaft aufbereitete statistische Material  vertieft verstehen wollen, ohne immer wieder beim Gesundheitsökonomischen aufzulaufen, dann kann ein Blick zurück in die philosophische Tradition sicher hilfreich sein.

    Nur so können wir uns herantasten an die Voraussetzungen und Bedingungen, welche jenseits von Alltagserfahrung und etablierter Wissenschaft gegeben sein müssen, damit Gesundheit (Heil-sein) und Krankheit  (teilweises Fehlen von Heil-sein) in einem umfassenden Sinne diskutiert werden können.

    Sterben – in Harmonie leben
    Aus dem altgriechischen Kulturkreis stammt das  kosmologische Modell (Vgl. Hist. Wörterbuch der PH, Bd.3). Dieses fragt nach dem Ur-Gesunden und verortet es in der Welt als einem Ganzem, das nur dann heil und gesund sein kann, wenn die Wesen, welche dieses Ganze als Einzelne bevölkern, je gesund und krank werden können, wenn sie zwar ins Leben treten, aber auch wieder sterben.

    Genau dieser Gedanke, dass der Tod zum Leben gehört, wird im heutigen Gesundheitsdiskurs vernachlässigt. Wahrscheinlich war er vor 50 Jahren noch präsenter, sonst hätte der oben erwähnte derbe Spruch sicher keine Verbreitung gefunden. Heute jedenfalls würde er als „incorrect“ abgetan; man fände ihn „gar nicht lustig“.

    In unseren Tagen hat man bisweilen den Eindruck, dem Menschen könnte  ewige Jugend zuteilwerden (vgl. dazu das  Anti-Aging) und gegen den Tod sei tatsächlich ein Kraut gewachsen. Am Aufmischen dieses trügerischen Eindruckes sind nicht nur  die  Errungenschaften der Gentechnologie beteiligt, sondern auch die kosmetische Industrie und eine dem Jugendkult verpflichtete Werbung.

    Ich komme zurück auf die Überlegungen der alten Griechen. Bei ihnen ist der Kosmos als Ganzes heil und gesund, weil in ihm die verschiedensten Elemente   harmonisch gemischt sind. Es ist denn auch dieser  Harmoniegedanke, der  als Leitmotiv während Jahrhunderten das Nachdenken über Gesundheit und Krankheit prägte.

    Sämtliche Beziehungen – vor allem aber jene zwischen Leib und Seele – haben sich z.B. gemäss Platon  der grossen  Harmonie zu fügen, welche das Weltall als Ganzes durchwirkt. Heutigen Menschen  mögen solche Gedanken weltfremd, ja sogar  esoterisch vorkommen. Doch sind sie es auch wirklich?

    Wenn wir sie nämlich aus ihrem fachphilosophischen Reservat herausholen und  auf konkrete Lebenserfahrungen unserer Tage  anwenden, entfalten sie nicht nur ein kritisches Potential, wie ich es im Zusammenhang mit der Notwendigkeit des Sterbens angedeutet habe, sie können auch neue Perspektiven eröffnen.

    In den Ausdrücken „Work-Life-Balance“, „ausgewogene Ernährung“ usw. tauchen sie selbst noch  in unserem Alltagsbewusstsein auf. Wenn in unserer  Hochleistungsgesellschaft viele Menschen an einem Burnout leiden, werden ihnen von ärztlicher Seite Wege und Mittel empfohlen, um nach dem Crash erneut den Ausgleich zu finden, etwa die Harmonie zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen dem Seelischen und dem Körperlichen etc.

    Auch in Bezug auf die verschiedenen Suchtkrankheiten kann der Harmoniegedanke Perspektiven eröffnen. Wer auf irgendeinem Gebiet einer Sucht erliegt,  wird von einem einzigen Bedürfnis getrieben und ist  nicht mehr fähig, das Ensemble anderer für ihn ebenfalls bedeutsamen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Workaholics  etwa sehen in ihrer Arbeitswut kaum mehr die Bedeutung von sozialen Beziehungen und so kann bei ihnen das für die Gesundheit wesentliche Element des sozialen Wohlbefindens überhaupt nicht erst zum Tragen kommen.


    Harmonie – und kategorischer Wachstumsimperativ?
    Das Modell der Harmonie könnte  auch gesellschaftskritisch anregend sein und etwa folgende Fragen provozieren: kann eine Gesellschaft, welche den Menschen und der Natur durch ihren geradezu kategorischen  Wachstumsimperativ immer mehr Energie wegnimmt, ohne diesen Energieraub  im Sinne einer Harmonievorstellung langfristig wieder zu kompensieren, kann eine solche Gesellschaft, können insbesondere die in ihr lebenden Menschen physisch, mental und sozial langfristig überhaupt  gesund bleiben?

    Die gelebte Praxis der Naturfreunde kommt dem Harmonieideal übrigens recht nahe und fügt sich sehr schön in den Gesundheitsbegriff der WHO ein, denn beim gemeinsamen Wandern in der Natur, kann  ein physisches, mentales und soziales Wohlbefinden erreicht werden. Einem Gesundheitsfanatismus jedoch verfällt die Naturfreundebewegung bis jetzt offensichtlich nicht, denn sonst gäbe es in den Naturfreundehäusern schon längst ein Alkoholverbot.


    11.06.2013 09:49 Alter: 4 Jahre
    Ausgabe 2 | 2013, Gesund Leben
    Von: Hans Widmer