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    Mit 77 noch Marathons laufen

    Auch im Alter fit wie ein Turnschuh


    Er wird im April 77-jährig, ist seit über 50 Jahren bei den Naturfreunden, hat einige Dutzend Marathons absolviert und wird auch im 2014 zu Bergläufen antreten, dieses Jahr im Visier sind der Swiss-Alpine- und der Jungfrau-Marathon: die Rede ist von Heinz Wälti, wohnhaft in Schönenwerd SO.

     

    Es war am 25. August 2013, beim Weissensteinlauf, als ich mit Heinz Wälti erstmals ein paar Worte gewechselt hatte. «Lange Beine!», das ist mir von ihm als erstes aufgefallen. Es war ein kühler Morgen, wir waren in Solothurn (452 m) gestartet und in kurzen Hosen diesen Berg hoch gelaufen. Oben im Ziel, auf dem Weissenstein (1248 m), war’s weder zu übersehen noch zu überhören, dass jener Mann mit den langen Beinen kein Unbekannter ist. Von links und rechts kam ein «Salü Heinz». Und das hatte bereits beim Zieleinlauf begonnen: «Hallo Heinz, super!»

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    Jahrgang 1937 hat dieser Heinz, und wie ich ihn frage, wie viele Marathons er in seinem Leben bereits gelaufen ist, gerät er in Verlegenheit; das müsse er erst selbst nachrechnen. Nun, es sind Dutzende! Allein den Jungfrau-Marathon (1829 Höhenmeter hoch, 305 runter) ist er bislang bereits 21 x gelaufen. Und auch den Swiss-Alpine-Marathon hat er schon mindestens 10 x «gemacht», darunter auch die K78-Variante: das ist jene über 78 km, mit 2600 Höhenmetern rauf und ebenso vielen runter!

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    Beim Nachrechnen, wann und wie viele Marathons (im In- und Ausland) er in den letzten 50 Jahren gelaufen ist, schweift er ab: weil er sich sofort und haargenau auch an die jeweilige Strecke erinnert. Deren Zustand sieht er förmlich vor seinem geistigen Auge. Wo es matschige Passagen hatte, wo es steinig oder eng gewesen war, wo es besonders steil hoch ging und ausgesetzt war, wie der Zieleinlauf geleitet war. Und dann das Wetter! Auch dazu sind die Erinnerungen sofort da: beim Ultra-Lauf in Island (55 km) die erste Stunde lang Regen, beim New York-Marathon starke Winde auf den Brücken … 

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    Und so liesse sich diese Liste weiterführen: Fricktal Marathon, Aargauer Marathon, St-­Ursanne Marathon, Wien Marathon; und zudem all die Bergläufe! Auch hier ist Heinz ein Wiederholungstäter: so etwa hat er das Rennen auf den Grand Ballon, die höchste Erhebung in den Vogesen, bereits 25 x bestritten! 

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    Einerseits also diese Marathons, dazu die vielen Hundert Bergläufe und andererseits all die Trainings-Kilometer – jeden zweiten Tag läuft der Pensionär (und ehemalige Büromitarbeiter) Heinz Wälti elf, zwölf Kilometer, dazu hat er seine Standardstrecken, flachere und ruppigere, direkt ab Haustür. Und wenn Heinz sich auf einen Marathon vorbereitet, kommen zusätzliche Trainings dazu. Etwa ab Brugg (wohin er von Schönenwerd aus morgens mit dem 5.15 Uhr-Zug fährt) Richtung Bötzberg, Staffelegg, Herzberg, Wasserfluh; das ganze 3½ Stunden. Oder er setzt sich morgens um 3 Uhr ins Auto, fährt nach Interlaken und läuft ab Niederried am Brienzer See auf den Hardergrat und weiter via Augstmatthorn und Tannhorn hinunter nach Brienz – ein 9-Stunden-Lauf.

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     «So viel Rennen, so viel Laufen – ist das nicht etwas stumpfsinnig?» Es ist eine Frage, die Heinz nicht auf Anhieb begreift. Weil es eine Frage ist, die sich für ihn so schlichtweg nicht stellt. Weil, während er läuft, da passiert für ihn derart viel. Laufen ist eine Art, die Welt zu entdecken. Mal läuft ihm der Stadtpräsident im Trainingsanzug über den Weg, mal ein Reh, mal huscht ein Eichhörnchen über den Weg, mal rennt er der untergehenden Sonne entgegen, mal verzaubert ihn der Anblick von Wassertropfen auf einem Ast, mal schenkt ihm eine entgegenkommende Läuferin ein Lächeln. Nun, man kennt es – zumindest zu einem gewissen Grad – aus eigener Erfahrung: Laufen fördert die Genügsamkeit. Man läuft und läuft, das braucht Zeit, und es gibt einem Zeit! Und man tut dies immer und immer wieder, jeden zweiten, dritten Tag, ob Sonne oder Regen. Das gibt Struktur. Und da kann es sein, dass Laufen zu einer Art Gebet wird. Ein Gebet mit Priorität. Das hält einem in der Linie, man bleibt dran. Heinz Wälti aber ist nicht einer, der für sein Laufen derlei Erklärungen abgibt. Solche Worte sind nicht sein Ding. «Ich laufe, weil ich’s gerne mache», sagt er. «Und um fit zu bleiben». Er sei schon als Junge gerne gelaufen. «Wir hatten einen weiten Schulweg, und da bin ich jeweils so spät wie möglich aufgebrochen und dann alles gerannt, das machte Spass». 

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    «Und, bei so viel Laufen – gibt’s da nicht Probleme mit den Knien, den Gelenken?» Mag sein, dass dies bei anderen der Fall ist. Bei Heinz (über 1.80 gross, Körpergewicht 70 kg, «aber ich war auch schon mal 73») ist es nicht so. Er hatte Verletzungen, aber die rührten von woanders her: Beinbruch beim Langlauf, Kreuzbandriss vor bald 20 Jahren beim Gleitschirmfliegen und anschliessend rechts den Meniskus rausoperiert, vor zwei Jahren den Fuss gebrochen beim Velofahren. Ansonsten sei er eigentlich immer gesund. Und apropos Essen und Trinken? Älplermagronen mit Apfelmus ist eines seiner Lieblingsgerichte. Kaffee nimmt er nie morgens, aber manchmal am Nachmittag. Wasser und Säfte sind ihm lieber. Und Ovomaltine mag er, «aber der Inhalt so eines Briefchens reicht mir für drei Tassen».  

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    Laufen – und daneben sonst nichts Anderes? Das ist bei Heinz nicht der Fall. Die Laufzeiten bei einem Rennen sind ihm zwar wichtig (den New York Marathon ist er immerhin in 3 Stunden 37 gelaufen), und im 2011 holte er in der Kategorie M70 beim Jungfrau-Marathon den 3. Rang), aber Heinz kennt – nebst dem Garten – noch eine dritte Leidenschaft: die Musik. Er, der bis zu seinem Gleitschirmunfall für die Naturfreunde Kölliken zahlreiche Hochtouren geleitet hatte, spielt Tenorhorn bei der Musikgesellschaft Rohr und bei den Jura-Musikanten – und dreht nach so einem Auftritt auch gern ab und zu mal selbst ein Tänzchen.     

     

    Apropos Lausanne + Lavaux

    Apropos Marathon: einen solchen richtet auch die Stadt Lausanne aus. Er führt, mit Blick auf See, durch die Rebenlandschaft des Lavaux, nach Vevey und wieder retour nach Lausanne. Dieses Jahr findet er am 26. Oktober statt. «Unser» Marathonläufer Heinz Wälti wird daran allerdings nicht teilnehmen: der Lausanner Marathon ist dem 77-jährigen Bergläufer Wälit zu flach! Und apropos Olympia: Lausanne gilt seit 100 Jahren als Hauptstadt der olympischen Bewegung (Ende 2013 wurde in Lausanne das renovierte Olympia-Museum wieder eröffnet), und der Marathonlauf gilt in der Leichtathletik als längste olympische Disziplin; der erste offiziell durchgeführte Marathonlauf ist der Olympische Marathon von 1896 in Athen. Um den Begriff Marathonlauf (42,195 km) ranken sich Legenden; die eine erzählt vom Meldeläufer, der die Nachricht vom Sieg der Athener gegen die Perser bei der Schlacht von Marathon nach Athen überbracht habe – und nach erfüllter Pflicht dort tot zusammengebrochen sei.


    14.04.2014 12:12 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 1 | 2014, Gesund Leben
    Von: Herbert Gruber