Das Neuste auf Instagram
Inserate
    < Mit 77 noch Marathons laufen

    Die Hütte ist der Gipfel

    Regen und Nebel statt Sonne und Wärme


    Dem Regen trotzen, die Sonne herbeisehnen, vor dem Nebel kapitulieren – beim Wandern spüren wir die Kräfte der Natur hautnah. Davon handelt die nachfolgende Erzählung über eine Tour zur Gipfelhütte Alvier im Kanton St. Gallen.

     

    Wenn Seilbahnen in Minutenschnelle massenweise Touristen zu den Gipfeln hinauf baggern. Wenn die Menschen auf den Sonnenterrassen zur schönen Aussicht drängen. Wenn der Blick von oben aus klimatisierten Restaurants über den Rand der Kaffeetasse oder des Bierglases nach fernen Horizonten Ausschau hält. Dann habe ich den Wunsch, die Tempel der Konsumgesellschaft für eine stille Hütte auf einem einsamen Gipfel zu tauschen.

    Im letzten Frühjahr fand ich das gewünschte. Es war Mai, dann Juni geworden, aber das Gebirge weiss geblieben. Nasses Wetter und tiefe Temperaturen liessen den Schnee lange liegen.  Anfangs Juli erst kam die sehnlichst erwartete Prognose einer mehrtägigen Schönwetterperiode. Wir fassten sofort den Plan, die Sonne morgens bei ihrem Aufgang am Berg zu begrüssen. Doch bin ich weder im Besitz eines Biwaks oder auch nur eines Zeltes, noch gewillt diesen Mangel zu beheben. Ich brauchte für eine Nacht am Berg ein festes Dach über dem Kopf. Die Lösung war schnell gefunden: Alvier, 2343 m, zwischen Rheintal und Walensee gelegen.  Als ich die Hüttenwirtin am Draht hatte, war sie selbst erst ein paar Tage zuvor zur Hütte aufgestiegen, um die Saison zu eröffnen. Und das anfangs Juli. Vorsichtig warnte sie vor Nässe und Kälte, die in der kalten Zeit die Hütte im Griff gehabt hätten. «Wir kommen trotzdem», beschied ich ihr. 

    Humor ist, wenn man trotzdem lacht

    Als wir anderntags aufbrachen, hatte die Meteorologie ihre Prognosen, die für unseren Aufstieg einen freundlichen Tag versprochen hatten, dahingehend abgeändert, dass im Osten das schlechte Wetter nicht bereits am Morgen dieses Tages abziehen würde, sondern erst gegen Abend. Wir trösteten uns mit der Aussicht auf einen angenehm kühlen Anmarsch zur Hütte und abends viel Sonne am Gipfel. Beim Kurhaus Alvier wollten wir starten. Doch leider war die Gondelbahn dorthinauf noch in Revision, als wir ankamen. Sie würde aber am nächsten Tag wieder fahren, stand an der verschlossenen Türe der Talstation. Sollten wir also dem Rat der Hüttenwirtin folgen und die Tour verschieben? Der Hotelier vom Kurhaus ersparte uns den Entscheid. Schnell war er mit dem Taxi zur Stelle und brachte uns hinauf zum Beginn des sogenannten Türlerwegs. Dort regnete es mächtig. Der Mann schlug vor, doch lieber ein Zimmer für eine Nacht in seinem Hotel zu buchen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wir machten uns auf die Socken. Sollten wir anständig nass werden, würde gewiss oben die Sonne unsere Kleider wieder trocknen. Mein Glaube an die Prognosen der Experten war reines Wunschdenken. Im freien Gelände warnte ein Schild vor misstrauischen Mutterkühen. Durch hohes Gras umgingen wir die Tiere weiträumig. Unsere Hosen waren nass bis an die Knie. Als wir auf dem Balbüelgrat wieder steinigen Grund betraten, war kein Fuss mehr trocken. 

    Wo blieb die Sonne? Kehre um Kehre stiegen wir höher. Hin und wieder tauchte die helle Scheibe im Gewölk über uns auf, aber zum Durchbruch reichte es ihr nicht. Aus der Waschküche schälten sich endlich die Umrisse einer Hütte. Dass hinter ihren Fenstern kein Licht brannte, machte stutzig. Und tatsächlich, die Tür war verschlossen. Die Hüttenwirtin hatte zugesagt, um  diese Stunde hier zu sein. Also beschlossen wir, zunächst einmal zu warten. Ein Hund kam von der Ostseite her. Wenig später folgte ihm eine Frau mit hochgepacktem Rucksack. «Erika», stellte sie sich vor. Wir seien in diesem Jahr die ersten Gäste. Angesichts der Last, die sie trug, hatten wir alles Verständnis für ihre Verspätung. 

    Am Ölofen, den Erika für uns sofort einschaltete, begannen wir, während sie ihre Ware aus dem Rucksack packte, mit dem Trocknen. Langsam kam wieder Leben in die starren Glieder. Bis Strümpfe, Hosenbeine und Schuhe trocken waren, vergingen zwei Stunden. In der einfachen Stube war es derweil gemütlich geworden. Niemand von uns Dreien wollte mehr seinen Fuss vor die Türe zu setzen. Den Gedanken ans Abendglühen hatten wir aufgegeben. Als die Schüssel mit fein duftenden Älplermagronen auf dem Tisch stand, war unser Glück fast vollkommen. Wir  liessen es uns wohl sein. Auch die Wirtin fand nun, nachdem sie uns versorgt hatte, Zeit von ihrem Leben auf höchster Ebene zu erzählen. Seit vielen Jahren betreute sie die Hütte am Gipfel. Der grosse Tisch, an dem wir sassen, bildet ihren Mittelpunkt. An ihm setzte man sich auch sonst zusammen. Erika verstand es, die Leute zu unterhalten. Waren einmal keine Gäste da, dann leistete ihr die Hündin Mira Gesellschaft. Wie das brave Tier es gelernt hatte, am Weg nach Palfries über eine Leiter hinauf und hinunter zu turnen, diese amüsante Geschichte gab uns seine Herrin an jenem Abend zum Besten.    

    Und die Welt entschwindet

    Längst dachte niemand mehr an draussen, als die Wirtin plötzlich  gebieterisch forderte, vor die Hütte zu treten. Widerwillig schlüpften wir noch einmal hinein in die Wanderschuhe. Die Mühe lohnte sich. Zwar gab es kein Alpenglühen, aber der Nebel war gestiegen und erlaubte rundum freie Sicht. Im kalten Wind schlotternd blickten wir hinunter ins Rheintal. Auf dieser war die Orientierung nicht schwierig. Der Fluss lieferte uns sichere Koordinaten. Nach Westen hingegen traf der Blick auf scheinbar unbekanntes Gelände. Fetzige Nebelbänke spielten um bizarre Felstürme, die ich noch nie gesehen zu haben glaubte. Hätte ich nicht den Walensee auch noch vor Augen gehabt, diesen unverkennbaren Alpenfjord, wäre es schwer gefallen, in ihnen die Churfirsten und ihre östlichen Trabanten zu erkennen. So schnell wie es gekommen war, endete das Schauspiel. Der Nebel entzog die Welt wieder unseren Blicken. In der warmen Stube ging die Unterhaltung weiter. Der Radio meldete Sonne für morgen. Erika hielt dagegen. «Der Deckel bleibt», prophezeite sie uns. Hartnäckig hielt ich meinen Glauben an den Sonnenaufgang aufrecht. Morgens wollte ich auf dem Gipfel unter der Decke hervorkriechen und der Sonne entgegen sehen. Mit diesem Gedanke schlief ich ein. 

    Als ich im Morgengrauen ans Fenster trat, blickte ich in dieselbe Waschküche wie am Abend zuvor. Unsere Gastgeberin hatte also Recht behalten. Nach einem herzhaften Frühstück liessen wir sie und Mira allein am Gipfel zurück. Für heute hatten sich keine Gäste angemeldet. Solche Tage waren ihr nicht fremd. Freundlich winkte sie uns nach. Wir traten einen langen Abstieg hinunter nach Buchs an. Der «Deckel» lag bald über uns. Doch der Nebel klebte weiter am Berg.  Die Sonne begrüsste uns erst unten im Tal. Der Gipfel, von dem wir kamen, war nicht zu sehen. Hinter undurchdringlichem Grau lag einsam und still eine Hütte versteckt.      


    14.04.2014 12:13 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 1 | 2014, Natur erleben
    Von: Klaus Sorgo