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    Bizarre Landschaft – seltene Schmetterlinge

    Rheinschlucht: Profitieren von Baumeister Wasser


    Wer die Rheinschlucht zwischen Ilanz GR und Reichenau zum ersten Mal sieht, ist wahrscheinlich vorab beeindruckt ob deren Tiefe, ob den Felsformationen, ob der Wildheit dieser Schlucht. Kein Wunder also, wird sie mitunter als Grand Canyon der Schweiz bezeichnet. Nachfolgend nun aber ein Blick auf kleine und kleinste Besonderheiten dieser Landschaft, so auch auf den Bärentrauben-Sackträger, eine der seltensten Falterarten im ganzen Alpenraum.

     

    Die Rheinschlucht ist ein Natur-Gesamtkunstwerk: das riesige Bergsturzmaterial, vom Rhein zerklüftet, bildet mit seinen bizarren Felsformationen die Grundlage, auf der sich im Laufe der Zeit eine vielgestaltige Pflanzendecke ausgebreitet hat. Diese wiederum ist Lebensgrundlage für eine fast unüberblickbare Anzahl Tierarten, insbesondere Insekten, die heute in dieser besonderen Landschaft leben. In Graubünden kommen beinahe 3000 Schmetterlingsarten vor; nur gerade knapp 200 davon sind Tagfalter, der Grossteil gehört zu den Nachtfaltern, wobei darunter wiederum mehr als die Hälfte sogenannte Kleinschmetterlinge sind, winzige Falterchen, die aber oftmals in ihren Lebensraumansprüchen hochspezialisiert sind.

    Die Rheinschlucht verläuft in west-östlicher Richtung. Das bedeutet, dass sie eine nordexponierte Schattenseite aufweist, in deren eher feuchtkühlem Klima Weisstannen- und Buchenwald gedeihen kann, während die warmtrockene südexponierte Talseite von einem Erika-Föhrenwald bedeckt wird. Beide Lebensräume beherbergen unterschiedliche, charakteristische Schmetterlingsarten, die an das Vorkommen ganz bestimmter Pflanzenarten gebunden sind. Bisher fehlen systematische Untersuchungen in der Rheinschlucht; man kann aber annehmen, dass gegen Tausend Arten von Schmetterlingen darin vorkommen. Als bemerkenswerte Beispiele seien erwähnt:

    Der Segelfalter (Iphiclides podalirius)

    Dieser grosse, elegante Tagfalter ist in weiten Teilen der Schweiz verschwunden – in der Rheinschlucht kann man ihn im Frühsommer regelmässig antreffen. Er liebt die heissen, sonnigen Abhänge und legt seine Eier, anders als sonst üblich, nicht an Schwarzdorn, sonder an die Blätter der Felsenmispel, die in der Schlucht fast überall gedeiht und im Frühling mit ihrer weissen Blütenpracht auffällt.

    Der Kreuzenzian-Ameisenbläuling (Maculinea rebeli)

    Dieser unscheinbare Tagfalter hat eine äusserst merkwürdige Fortpflanzungsstrategie entwickelt: er legt seine Eier an die Blütenknospen des Kreuzenzians, einer seltenen Pflanze, die auf trockenen Lichtungen des Föhrenwaldes in der Schlucht gedeiht. Die kleinen Räupchen, die aus den Eiern schlüpfen, fressen zuerst die Blüten des Enzians. Dann lassen sie sich auf den Boden fallen und müssen dort von einer bestimmten Ameisenart gefunden werden. Die Ameise trägt die Raupe in ihr unterirdisches Nest, wo sie von den Ameisen gefüttert und gepflegt wird, wohl weil sie sie für eine Ameisenlarve halten wird. Erwachsen geworden, verpuppt sich die Raupe noch im Ameisennest, und erst der frisch geschlüpfte Falter verlässt seinen unterirdischen Entwicklungsort!

    Der Bärentrauben-Sackträger (Coleophora arctostaphyli)

    Die Bärentraube ist in der Rheinschlucht eine charakteristische Pflanze des kalkhaltigen Geröllschutts. Sie ist einzige Raupennährpflanze für den überaus seltenen Bärentrauben-Sackträger, ein sogenannter Kleinschmetterling. Seine Raupe lebt im ersten Jahr im Innern eines Blattes, wo sie einen röhrenförmigen Gang ausfrisst, dann schneidet sie ein Blattstück aus und trägt es fortan als Gehäuse mit sich herum. Im zweiten Jahr erwachsen geworden, verpuppt sich die Raupe in diesem Sack und der kleine Falter schlüpft im Sommer aus. Diese Falterart ist im gesamten Alpenraum nur an wenigen Orten festgestellt worden, in der Schweiz neben der Rheinschlucht nur noch an einer Stelle im Wallis.

    Der Jakobskrautbär (Thyria jacobaeae)

    An den heissen, trockenen Stellen in der Rheinschlucht kann man im Frühsommer einen auffällig rotschwarz gestreiften Nachtfalter antreffen, der allerdings auch am Tage fliegt: den Jakobskrautbären. Wie der Name sagt, lebt seine Raupe üblicherweise am Jakobskraut, aber in der Rheinschlucht, wo diese Pflanze fehlt, frisst sie an der dort weit verbreiteten Pestwurz. Sie ist gelbschwarz geringelt und signalisieren mit dieser Warntracht ihre Ungeniessbarkeit für potentielle Fressfeinde. Diese Art ist in der Schweiz nur sehr lokal verbreitet und gilt als vom Aussterben bedroht!

    Der Augsburger Bärenspinner (Pericallia matronula)

    Dieser überaus prächtige, grosse Nachtfalter ist in weiten Teilen Europas eine Rarität. Auch in der Schweiz ist er nur an wenigen, meist eng begrenzten Stellen gefunden worden. Die grosse, stark behaarte Raupe ist in der Wahl ihrer Nahrung nicht wählerisch, so dass angenommen wird, dass nicht das Vorkommen einer bestimmten Raupennährpflanze, sondern die kleinklimatischen Gegebenheiten für das Überleben dieser Art entscheidend sind. Die Rheinschlucht bietet auch dieser wählerischen Art offenbar günstige Lebensräume.

    Die Malachiteule (Staurophora celsia)

    Unter den Nachtfaltern stellen die Eulenfalter eine sehr artenreiche Familie dar. Die Malachiteule ist ursprünglich eine asiatische Steppenart, die nach der letzten Eiszeit von Osten her in die Schweiz eingedrungen ist und heute dort ihre westlichsten europäischen Fundorte aufweist. Sie ist nur sehr lokal verbreitet und liebt trockene, sandige, warme, lichte Wälder, wie sie in der Rheinschlucht vorhanden sind.

    Die Rheinschlucht ist eine eindrückliche Landschaft, die nicht nur dem Menschen zusagt, sondern offenbar auch vielen besonderen Schmetterlingsarten im Laufe der Jahrtausende Heimat geworden ist; hoffen wir, dass sie auch in Zukunft so erhalten werden kann!


    22.07.2014 13:29 Alter: 3 Jahre
    Natur erleben
    Von: Jürg Schmid