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    < Bizarre Landschaft – seltene Schmetterlinge

    Tierischer Baumeister am Fluss

    Den Bibern passt's an der Thur


    Im 19. Jahrhundert ausgerottet, ist der Biber seit den 1960er Jahren wieder in der Schweiz heimisch. Kräftig gestaltet er die Landschaft mit, gleichzeitig fördert er die Artenvielfalt. Dass seine Population seit 20 Jahren stark ansteigt, bereitet nicht nur Freude, sondern sorgt auch für Unmut.

     

    Ein früher Maiabend an der Thur. Im Auenwald «Schäffäuli» ruft der Kuckuck, aus dem Unterholz duftet der Bärlauch, im Wasser brechen sich glitzernd die letzten Sonnenstrahlen. Der Fluss fliesst nach seinem Gusto, zieht an, umspült Kiesbänke, ergiesst sich in einen Nebenarm, plätschert in die Ausbuchtungen der Uferböschung.

    „Im Schäffäuli darf sich die Thur austoben und Platz schaffen, wenn sie will“, freut sich Marco Baumann vom Thurgauer Amt für Umwelt. Als Leiter Wasserbau hatte er vor 15 Jahren die Thurkorrektion angeführt. „Hier, an der tiefsten Stelle des Kantons, haben wir das Flussbett ausgeweitet, um die Menschen vor Hochwasser zu schützen und den Tieren und Pflanzen am Wasser mehr Lebensraum zu gewähren“, erklärt er und zeigt auf die Mündung eines Binnenkanals in den Fluss. „Dieses ganze Delta wurde so gestaltet, dass ein neuer Auenwald entstehen kann, der so den Bezug zum alten, geschützten Auenwald herstellt.“ Die Thur hat innerhalb der gesetzten Grenzen die neu gewonnene Freiheit genutzt. Seit der Renaturierung erodiert sie und schafft, wie erhofft, Platz für neue Vegetation – und neue Bewohner. Im jungen Auenwald zeugen Holzschnitzel mit Zahnspuren und in „Sanduhrtechnik“ angenagte Weidenstämme von einem Neuzuzüger, der die Landschaft tüchtig mitgestaltet: Im Schäffäuli ist der Biber heimisch geworden.

    Baumeister und Landschaftsarchitekt

    Kein Tier entfaltet mehr Kraft am Wasser als der Biber. Kräftig und ausdauernd schafft er Grosses in kurzer Zeit, zum Beispiel einen ganzen Damm in einer einzigen Nacht. Schwimmend transportiert er im Maul Baumstämme und Äste zu seiner Baustelle, schleppt Zweige und Kleinholz her, um Zwischenräume zu stopfen und verputzt sein Werk, indem er mit den Vorderpfoten Lehm und Schlick an die Dammwand klatscht. Mit seinen Dämmen reguliert der Biber den Wasserspiegel und sichert so seine Wohnung in der Uferböschung. Ihr Eingang muss unter Wasser liegen, damit keine Feinde eindringen können. Der Wohnraum hingegen muss trocken sein und bleiben, damit die Jungen - jährlich ein Wurf von meist zwei bis drei – vor Wasser geschützt sind. Verändert sich der Wasserspiegel, etwa bei Hochwasser,
    muss der Biber seine Bauwerke bearbeiten oder neue schaffen.

    Biber und Wasser passen perfekt zusammen. Dank seinem spindelförmigen Leib gleitet er leicht und gewandt durch das nasse Element. Die Hinterpfoten des ausgezeichneten Schwimmers sind mit Schwimmhäuten ausgestattet und unter Wasser verschliessen sich Nase, Ohren und Rachen, so dass er bis zu 20 Minuten tauchen kann. Der breite, abgeplattete und mit lederartiger Haut bedeckte Schwanz dient ihm als Ruder, beim Abtauchen als Steuer, zudem als Fettdepot und zur Regulierung der Körpertemperatur. Vor Nässe und Auskühlung schützt ihn sein dichtes Fell, mit 23’000 Haaren pro Quadratzentimeter – zum Vergleich: beim Menschen sind es gerade mal 600.

    Ausgestorben – geschützt – im Vormarsch

    Einst weit verbreitet, war der Europäische Biber – wissenschaftlich Castor fiber – im 19. Jahrhundert in der ganzen Schweiz ausgerottet. Sein wertvoller Pelz war gesucht und das Bibergeil – ein Drüsensekret, mit dem die Tiere ihr Revier markieren – galt als Wundermittel gegen viele Krankheiten. Beliebt war auch das schmackhafte Fleisch, das in der Fastenzeit gegessen werden durfte, weil die katholische Kirche den Biber zum Fisch erklärt hatte. Ab 1958 wurden an verschiedenen Orten in der Schweiz rund 140 Tiere wieder angesiedelt. Seit 1962 steht der Biber – auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten in der Schweiz figuriert er als «vom Aussterben bedroht» – unter nationalem Schutz.

    Vermehrte sich der Nager zunächst nur zögerlich, steigt seine Population seit rund 20 Jahren stark an. Das verdankt er unter anderem den renaturierten Flüssen, die weniger schnell fliessen als zuvor im engen Kanal. Langsam fliessende Gewässer sind Bibers Lebensraum, und darin Wasser, das weder austrocknet noch bis zum Grund gefriert. Heute leben schweizweit ungefähr 2‘000 Tiere – Tendenz steigend – die meisten schaffen ihre Reviere in den Einzugsgebieten von Aare, Broye, Rhein, Rhone und Thur. Am liebsten lässt sich der Biber im Auenwald nieder. Hier wächst das weiche Holz von Weiden, Birken und Pappeln, deren Rinde im Winter seine Nahrung bildet, während er sich in der warmen Jahreszeit von Kräutern, Gräsern, Blättern und Wasserpflanzen
    ernährt.

    Kein anderer Kanton zählt so viele Biber wie der Thurgau. In etwa 130 Revieren tummeln sich rund 500 Tiere, Nachkommen von neun Exemplaren aus Norwegen, die vom WWF Ende der 1960er Jahre im Nussbaumer- und im Hüttwilersee ausgesetzt worden waren. Von hier aus hatte der fleissige Schaffer das Thurtal erobert, war in Nebenflüsse, abgelegene Bäche und bis an Untersee und Rhein vorgedrungen.

    „Ein Viertel der Schweizer Biber lebt bei uns. Damit trägt der Kanton Thurgau eine grosse Verantwortung für die Population des ganzen Landes“, sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung Thurgau, die für sämtliche Wildtiere zuständig ist. „Ausserdem sind unsere Biber sehr wichtig für die Vernetzung der Bestände in den angrenzenden Nachbarländern und damit für den Artenschutz“.

    Der Biber fördert die Artenvielfalt

    Als Schirmart hat der Biber auch im eigenen Lebensraum grosse ökologische Bedeutung: Wo er wirkt, fühlen sich auch andere wohl. Ausgelichtete Gehölze, Unterschlüpfe, Totholz und Wasserläufe mit verschiedenen Fliessgeschwindigkeiten nützen vielen Pflanzen- und Tierarten. Sie ziehen zahlreiche Käfer, Insekten, Amphibien und mancherorts auch Fische an, darunter geschützte und seltene, im Thurgau etwa den Kammmolch, die Ringelnatter und die Blutrote Heidelibelle.

    Anders als die meisten Nagetiere gehört der Biber zu den populärsten Tieren überhaupt. Ob es an seinem possierlichen Aussehen liegt? Seinen aussergewöhnlichen Bauleistungen? Oder seiner Fähigkeit, Landschaften zu verändern und seinen Bedürfnissen anzupassen? Der Sympathieträger beschert allerdings nicht nur eitel Freude. Seine rege Bau- und Gestaltungstätigkeit sorgt für Unmut, wenn er Uferböschungen und Wege unterhöhlt und damit Wanderer und Reiter gefährdet. Oder Entwässerungskanäle staut, was den landwirtschaftlichen Kulturen Schaden zufügt und die Bauern erbost. Mit der Ausbreitung des Bibers haben die Konflikte zwischen ihm und dem Menschen noch zugenommen. Schlichten müssen die Behörden. Roman Kistler: „Unser ‚Bibermanagement’ basiert auf dem ‚Konzept Biber Thurgau’, das nicht nur den Schutz des Nagers fördert, sondern auch Massnahmen zur ‚Konfliktlösung’ aufzeigt, um das Zusammenleben von Mensch und Biber zu erleichtern“. Unterhöhlte Uferböschungen können zum Beispiel aufgefüllt, Wanderer und Reiter mit Schildern auf Einsturzgefahr aufmerksam gemacht werden.

    „Mit gutem Willen der Betroffenen lassen sich die meisten Probleme gut lösen“, sagt Kistler. Allerdings sei jede Massnahme vorgängig mit der Jagd- und Fischereiverwaltung abzusprechen. Ist der gute Wille überall vorhanden? Roman Kistler sieht es realistisch: „Konfliktsituationen gibt es mit jeder Wildtierart, so auch mit dem Biber. Und es gibt wohl ein paar Leute, die nicht viel vom Nager halten.“ Insgesamt funktioniere die Vermittlung jedoch recht gut. Und: „Es braucht einen Gewöhnungsprozess. Die Menschen müssen das Zusammenleben mit dem geschützten Nager erst lernen“.

    Von Frauenfeld nach Andelfingen
    Start: Frauenfeld Bahnhof (409 m).
    Ziel: Andelfingen (380 m), an der Bahnstrecke Schaffhausen-Winterthur.
    Route: Frauenfeld Bahnhof (409 m) – der Murg entlang bis zur Mündung in die Thur – linkes Thurufer – Uesslingen – Brücke bei ARA Altikon–Niederneunforn – rechte Thurseite – Schäffäuli – Farhof – Brücke Gültighausen – wahlweise am rechten oder linken Thurufer bis Andelfingen (380 m).
    Dauer: ca. 5 Std.
    Länge: ca. 18 km.
    Abkürzen: Start in Uesslingen (Bus ab Frauenfeld Bahnhof).
    Höhendifferenz: Unerheblich, sanfter Zwischenanund Abstieg im Gebiet Farhof (ca. 40 Höhenmeter).
    Weg: Markierte Wanderwege, grossenteils Naturboden, hauptsächlich dem Fluss entlang, teilweise im Wald.
    Anforderungen: Leicht.
    Einkehrmöglichkeiten: In den Dörfern nahe der Route (Uesslingen, Niederneunforn, Gütighausen, Schürlibeiz Asperhof vor Gütighausen).
    Karte: 1:50 000 Frauenfeld 216T Am Weg: Schäffäuli (Auenwald von nationaler Bedeutung, Naturschutzgebiet) mit Biberrevier.
    Tipp: Noch mehr Biber an der Thur: Biberlehrpfade in Pfyn (www.pfyn.ch/biberlehrpfad) und bei Oberbüren (www.wwf-sg.ch/biberpfad)


    22.07.2014 13:58 Alter: 3 Jahre
    Natur erleben
    Von: Erika Schumacher