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    < Der Natura Trail weist den Weg in die Natur

    Neue Technik eröffnet neue Möglichkeiten

    Wie orientiert sich einer und was sieht einer, der fast nichts sieht? Hans Schneuwly, im Kanton Freiburg zu Hause, sieht auf dem einen Auge fünf, auf dem anderen zehn Prozent. Nun, wir gehen zu zweit auf einen Waldspaziergang – und er führt.


    Mehr als einmal, wie wir plaudernd zu zweit auf dem Waldweg dahin schlendern, wird’s morastig. Die Tage zuvor hatte es stark geregnet, und unter dem grün schimmernden Blätterdach der Laubbäume war der Pfad da und dort ziemlich nass. Hans Schneuwly, mein sehbehinderter Wanderleiter, wich jeder dieser morastigen Stellen aus. Er tappte in keine hinein. Und in der Art, wie er sie umging, schaute es aus, als würde er sie „sehen“. Daher meine Frage: „Nun, Hans, hast du jene Stellen gesehen?“ Nein, sagt er, „gesehen“ nicht. Aber er habe das unterschiedliche Hell und Dunkel des Waldbodens wahrgenommen. „Und eine dunkle Stelle kommt auf einem Waldweg in der Regel einer nassen Stelle gleich.“
     
    Es sind Beispiele solcher Art, die mir an jenem Tag, als ich mit dem Betriebsökonom und Naturfreunde-Mitglied Schneuwly unterwegs war und mit ihm über seine Sehbehinderung gesprochen habe, aufgefallen sind. „Richst du’s auch? Sie sind am Heuen“, sagte er mal. Er hatte den Duft des geschnittenen Gras‘ lange vor mir bemerkt. Und einmal – wir hatten eben den Asphaltweg der Quartierstrasse verlassen und auf den Waldpfad gewechselt – als ich ihn gefragt hatte, ob er erkennen könne, um was für Bäume es sich hier handle, verwendete er in seiner Antwort das Wort „sehen“. Er müsse sich das näher „anschauen“, hatte er gesagt, und er trat auf einen der Stämme zu, strich mit der Handfläche über dessen Rinde und sagte: „So wie ich’s sehe, kann’s kein Nadelbaum sein. Die Rinde eines Nadelbaums fühlt sich anders an.“

    Alternativen entwickeln

    Es klingt simpel, aber es ist dennoch so: wer nicht sehen kann, muss mit anderen Sinnen arbeiten, andere Fähigkeiten entwickeln. Hans Schneuwly, der seit seiner Kindheit an einer Netzhauterkrankung leidet (verbunden mit einer stark ausgeprägten Lichtempfindlichkeit), hat diese Erkenntnis in bemerkenswerter Weise in die Tat umgesetzt. Nicht sehen, aber fühlen. Nicht sehen, aber hören. Nicht sehen, aber riechen. Nicht sehen, aber sich an Erlebtes erinnern. Nicht sehen, aber Informationen klar auswerten. Kurzum: nicht sehen, aber trotzdem handeln und Alternativen erkunden und diese trainieren. Nun, Hans Schneuwly ist einer, der auf diesem Weg bereits weit vorangeschritten ist: vor 31 Jahren hat er seine Berufskarriere auf der landwirtschaftlichen Genossenschaft Düdingen FR mit einer kaufmännischen Lehre begonnen, mittlerweile arbeitet er als Geschäftsführer einer Beratungsfirma für Fundraising und Management von Non-Profit-Organisationen, die er vor fünf Jahren im Verbund mit einer Berufskollegin gegründet hatte.

    Das I-Phone als Orientierungshilfe

    Dass wir heute so ziemlich überall und jederzeit jemanden sehen, der lauthals in ein Natel spricht und/oder gebannt auf ein Smart-Phone starrt, lässt einem mitunter etwas kopfschüttelnd dastehen; der Anblick wirkt, auch nach reichlicher Gewohnheit, manchmal etwas gar bizarr. Und nun, auf diesem Waldspaziergang, ist es dieser sehbehinderte Mitvierziger,
    der mir Aspekte für den Gebrauch solcher Geräte aufzeigt, an die ich bislang keine Sekunde gedacht hatte. Beispiel 1: die Wegweiser-Tafel am Wanderweg hängt für Hans ungünstig hoch, zudem ungünstig von der Sonne beschienen. Der Wegweiser ist daher in dieser Form für den Sehbehinderten unbrauchbar. Was also tut Hans? Er zückt sein I-Phone, zoomt die Tafel heran, fotografiert sie, vergrössert auf dem Display die Schrift in maximaler Weise, invertiert die Schrift zudem von Hell auf Dunkel (er liest weiss auf schwarz; normal Sehende jedoch schwarz auf weiss), hält sich das Gerät zentimeternahe vors Auge – und kann nun ebenfalls lesen, was ihm hier als Orientierungshilfe angeboten wird.
    Oder Beispiel 2: Hans, der sich („selbstverständlich“, wie er sagt) vorgängig genau überlegt hat, wohin der Waldspaziergang führen soll und sich („selbstverständlich“) aus dem Internet die entsprechenden Kartenausschnitte auf sein I-Phone geladen und darauf die Route eingezeichnet hat, geht nun (wie wir vor einer Weggabelung stehen) mit dieser skizierten Beschreibung genau gleich um wie zuvor bei Beispiel 1: er vergrössert sie auf dem Display um ein mehrfaches, hält sich das Gerät dicht vors Auge – und erkennt; und also nehmen wir den Weg nach links und schlendern weiter durch den Wald. Orientierung und Mobilität sind für ihn als sehbehinderten Menschen Kernbegriffe. Insbesondere dann, wenn er sich an einem bislang unbekannten Ort befindet. Wo bin ich, wie gelange ich ans Ziel – das werden zentrale Fragen! Im Gespräch streicht Hans diesbezüglich drei Optionen des Unterwegsseins heraus. Die erste: „Ich lasse mich führen“. In den Ferien beispielsweise übernehme seine Partnerin den Bereich Orientierung und Mobilität vollumfänglich. Die zweite Option: „Ich ziehe allein los, dann wird das Ganze zu einer Entdeckungsreise“. Bei so einer Reise hat Hans allenfalls seinen Langstock mit dabei („ich habe vor zwei Jahren einen entsprechenden Ausbildungskurs besucht“), und je nach dem fragt er Passanten vor Ort um Orientierungshilfe oder aber er holt sich diesen Rat über einen Anruf von seinem I-Phone an einen Bekannten, der dank der ausgeklügelten Möglichkeiten dieser Geräte auf seinem eigenen PC sofort erkennt, wo sich der Anrufende befindet und ergo diesem aus der Ferne den weiteren Weg zum gesuchten Ziel erklären kann. Und, so die Frage, was ist die dritte Option? „Dass ich eine Gruppe selber von A nach B führe“, sagt Hans. Handelt es sich dabei um eine für ihn bislang unbekannte Gegend, sei die für ihn dafür notwendige Vorbereitung jedoch in etwa vergleichbar mit jener Vorarbeit, die ein Tourenleiter für eine Hochgebirgstour aufzuwenden habe.

    Von Apple zur Apfelschule

    Und damit zur „Apfelschule“. Weil, mit einem Smart-Phone ist’s ähnlich wie einst mit Karte/Kompass oder GPS: als Orientierungshilfe nützen dir diese Dinger nichts, wenn du nicht gelernt hast, damit effektiv zu arbeiten. Dass Hans sich dank eines I-Phone derart rasch orientieren kann (respektive sich die notwendigen Infos dazu beschaffen kann), das kommt nicht von ungefähr. Dahinter steckt Arbeit, Training. Das wird dem Aussenstehenden unter anderem dann bewusst, wenn er miterlebt, wie und vor allem mit welcher Geschwindigkeit Hans mittels der im I-Phone installierten Sprachausgabe Zeitung „liest“. Ob NZZ, 20 Minuten, Blick oder Freiburger Nachrichten – dank dem I-Phone (und der Zusammenarbeit der Verlagshäuser mit dem Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband) können sich Blinde und Sehbehinderte die gedruckten Inhalte nahezu aller Schweizer Zeitungen und Zeitschriften anhören, respektive „vorlesen“ lassen. Das dabei von Hans gewählte Sprechtempo der „Vorleserin“ ist verblüffend. Und da diese „Sprecherin“ ja nicht nur die eigentlichen Texte „vorliest“, sondern auch Hervorhebungen im jeweiligen Text selbst (z.B. Titel, Obertitel, Zwischentitel, Box etc.) mit Worten betonen muss, klingt das Ganze für den Uneingeweihten wie aufgeregtes Geschnatter. Für Hans jedoch ist’s die tägliche Zeitungslektüre. Und dazu gehört für ihn mindestens der NZZ-Wirtschafts- und Inlandteil.

    Diese Fertigkeit im Umgang mit neuen elektronischen Hilfsmitteln anderen sehbehinderten und blinden Menschen zu vermitteln – genau das ist Sinn und Zweck der oben erwähnten „Apfelschule“. Apfelschule darum, weil innerhalb dieses Netzwerks ausnahmslos mit Geräten des Herstellers Apple gearbeitet wird („Apple gilt für uns als jener Hersteller, der seine Geräte am weitesten auf unsere speziellen Bedürfnisse ausgerichtet hat“, sagt Hans). Und er, der sich derart viel Knowhow mit diesen Geräten angeeignet hat – ohne das er seinen Berufsalltag nicht bewältigen könnte – er ist einer jener, der I-Phone-Kurse an der Apfelschule erteilt.

    Mit den Füssen sehen

    Nicht hadern, sondern neue Möglichkeiten erkunden – es ist dies eine der Botschaften, die ich nach diesem Waldspaziergang mit nach Hause nehme. Manchmal, so wurde beim Gespräch deutlich, verläuft dieses Erkunden auf eigene Faust, dann wieder im Verbund mit anderen. Beispielsweise beim Skifahren. Ja, er fahre auch Ski, hat Hans gesagt. „Aber dazu brauche ich einen Führer“. Je nach Piste fahre dieser ihm entweder vor oder hinten nach. Dazu bedarf es nebst („blindem“) Vertrauen in die Begleitperson sicherlich auch guter Ohren. Und geschmeidiger Gelenke. Und hierhin passt das Bild, wie Hans während des Waldspaziergangs einerseits den morastigen Stellen ausgewichen und andererseits doch stets auf dem (schmalen) Weg geblieben ist: er hat, als Informationsquelle, eben zusätzlich die Beschaffenheit/Konsistenz des Bodens wahrgenommen (hart, weich etc). Oder anders gesagt: er vermag auch mit den Füssen zu sehen. Und seine Beine haben gelernt, auf Unebenheiten oder Absätze (z.B. von der Strasse aufs Trottoir) blitzschnell zu reagieren und dadurch ein allfälliges Stolpern rasch zu korrigieren. „Jedenfalls habe ich mir noch nie den Fuss verstaucht“, sagt Hans lächelnd.

    Blind und prominent

    Blind und berühmt: in der Musikbranche gilt dies insbesondere für die Pianisten und Sänger Ray Charles (1930-2004) und Stevie Wonder (1950 geboren). Dem zu Lebzeiten nur lokal bekannten blinden Bluesmusiker Blind Willie McTell (1901 in Georgia, USA, geboren) hat Bob Dylan mit seinem gleichnamigen Lied ein Denkmal gesetzt. Aktuell zu den bekanntesten blinden Sportlern zählt der 1966 in Lienz (Österreich) geborene Bergsteiger Andy Holzer: er hat sechs der „Seven Summits“ (der jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente) bestiegen. Extreme Klettereien unternahm der von Geburt auf blinde Holzer zudem mit dem ebenfalls blinden Bergsteiger Erik Weihenmayer aus Colorado (USA), der seinerseits im 2001 als erster blinder Mensch den Mount Everest bestiegen hatte. Im politischen Umfeld der Schweiz gilt der ehemalige SP-Kantonsrat und im 2011 in den Tessiner Regierungsrat gewählte Manuele Bertoli (1961 geboren) als prominentester Blinder: er ist der erste blinde Mann, der in einem Schweizer Kanton in die Regierung gewählt worden ist, und als Regierungspräsident für das Jahr 2014 steht er heuer dem acht grössten Kanton vor. Von prominenten Schweizer Persönlichkeiten (z.B. Clown Dimitri, Soziologe Jean Ziegler) unterstützt wird auch die vor über 100 Jahren durch einen deutschen Pfarrer gegründete, weltweit tätige Christoffel Blindenmission.

    Sehbehindert, blind

    Gemäss Schätzungen leben in der Schweiz etwa 325‘000 Personen mit einer Sehbehinderung. Etwa 10‘000 von ihnen sind blind. Als Ursachen für eine Sehbehinderung gelten Erkrankungen wie Grauer und Grüner Star, Augenverletzungen, Netzhauterkrankungen und vorgeburtliche Schädigungen. Am häufigsten führt der natürliche Alterungsprozess zu einer Sehbehinderung. Zu den ältesten Blindenorganisationen der Schweiz zählen der Schweizerische Blindenverband (1911 gegründet) und der Schweizerische Zentralverband für das Blindenwesen (1903 gegründet); der Schweizerische Blindenbund entstand 1958. Seit 1938 wird der Weisse Stock (Langstock) in der Schweiz als offizielles Verkehrsschutzzeichen anerkannt. Jeweils am 15. Oktober findet der Internationale Tag des Weissen Stocks statt Übrigens: am vergangenen 19. September konnte der in Lausanne beheimatete Verein Base-Court für sein Kino-Projekt Regards Neufs in Bern den heuer zum siebten Mal verliehenen Preis des Schweizerischen Sehbehindertenwesens entgegen nehmen. Regards Neufs bietet in Lausanne und Genf Spielfilme mit Audiodeskription ab dem Mittwoch, der auf den jeweiligen Kinostart folgt. In sämtlichen Kinovorstellungen kann die Audiodeskription im Kinosaal mit einem Funkempfänger empfangen werden, der kostenlos zur Verfügung gestellt wird.


    24.09.2014 11:04 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 3 | 2014, Natur erleben
    Von: Herbert Gruber