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    < „… aber die Krankheit hat mich nicht“

    Im Herbst des Lebens

    Damals ist nicht wie heute. Mit 40, 45 war es anders als heute mit 65, 75 oder gar 80. Das Älterwerden erfordert eine andere Art von Wachheit, von Empfindsamkeit. Im folgenden Beitrag ist die Rede von einem, der mit 50 vom Ergebniswanderer zum Erlebniswanderer geworden ist.


    Adrian ist heute fünfundsiebzig. Wir kennen uns nun über zwanzig Jahre. Bei einem Berglauf traf ich ihn. Schlank war er und ist es bis heute geblieben. Als wir damals nebeneinander unter der Dusche standen, fluchte er, es sei eine Schinderei gewesen. „Schluss jetzt mit Wettkämpfen“, meinte er. Von Tag an änderte er die Einstellung. Nichts wollte er mehr mit der Uhr im Kopf machen. In die Berge aber geht er bis heute. Sommers wie Winters. Ans Aufhören denkt er nicht. „Im Alter musst du wie in der Jugend deine Grenzen ausreizen“, sagt er und fügt lächelnd hinzu: „Nur anders herum.“ Ich verstand zuerst nicht, was er damit meinte. Deshalb lud er mich ein, auf die Jahre zurück zu blicken, die wir miteinander unterwegs sind. „Lass uns im Geist zu einer Herbstwanderung aufbrechen“, forderte er mich auf.

    Die Einsicht vom Pizol

    Die erste gemeinsame Tour, an die er mich erinnerte, ging mit Ski auf den Pizol. Ich war gut in Form gewesen und ehrgeizig dazu. Meinem Tempo mochte er zwar zu folgen, aber oben im Ski-Depot angekommen, hatte er genug und verzichtete darauf, den Gipfel zu ersteigen. Das Alter rate ihm, es hier gut sein zu lassen. Es fiel ihm nicht leicht. Zum ersten Mal trat er zur Abfahrt an, ohne seinen Fuss auf den Gipfel gesetzt zu haben. Den Humor verlor er nicht. „Vorwärts Kamerad, wir müssen zurück“, rief er mir zu, grinste und fuhr los. Nach herrlichen Schwüngen im Pulverschnee zog er unten angekommen Bilanz. „Was ich ohne den Gipfel am Egotrip gespart habe, hat mir das Vergnügen am Flow der Abfahrt mehrfach entschädigt“, sagte er in seiner eigenwilligen Sprache.

    „Mit fünfzig bin ich vom Ergebniswanderer zum Erlebniswanderer geworden“, bestätigte Adrian später die bei der Tour auf den Pizol gewonnene Einsicht. Für ihn sei das ein grosser Gewinn, gibt er mir bei jeder Gelegenheit zu verstehen. Und ich glaube es ihm gern. Dabei macht er Jüngeren nie den Vorwurf, sie hätten nur Rekorde im Kopf. Vor einem wie Ueli Steck, dem derzeit prominentesten Schweizer Alpinisten, zieht er den Hut, wenn er daran denkt, dass er in weniger als drei Stunden die Eigerwand hinauf rennt. Der sei halt jetzt im besten Alter, kommentiert er neidlos.

    Vom Trinsenhorn und vom Tödi

    Schonungslos erinnert mich Adrian, wo er an Grenzen gestossen ist. Dazu gehört beispielsweise eine Tour, die auf das Trinsenhorn, romanisch Piz Dölf, hätte führen sollen. Wir hatten uns nach dem Überschreiten des Gletschers abgeseilt, um das letzte Stück zum Gipfel frei von unnötigem Gepäck hinter uns zu bringen. In dem steil abfallenden Hang war der Pfad gleich zu Anfang kaum noch vorhanden. Ich ging ohne Bedenken voraus. Die Kanten der Schuhe gaben Halt genug. Doch Adrian erklärte, er fühle sich nicht sicher genug. Ihm fehlte der Pickel, an dem er sich hätte abstützen können. Ohne weiteres stellte er mir frei, die flach zum Gipfel ziehende Spur alleine zu gehen. Es mangelte ihm im Moment einfach an Trittsicherheit. Warum das so war, konnte er sich selbst nicht erklären. Doch haderte er nicht über die Schwäche.

    „Alt wirst du zuerst im Kopf“, behauptet er heute. Es sei ganz wichtig, die Signale ernst zu nehmen, die auf einen Verlust hindeuten, ohne aber darüber zu erschrecken. Wer sie nicht wahrhaben will, der tue sich keinen Gefallen. Man müsse lernen, in seinen Körper hinein zu horchen. Wie mit einem guten Freund sollte man mit ihm ins Gespräch kommen. Und gleich erzählt er, wie ihm einmal ein Führer geholfen habe, eine plötzliche Schwäche richtig einzuschätzen. Am Tödi mussten die Beiden wegen des Föhnsturms unverrichteter Dinge umkehren. Die Nacht über sei ein einziges Tosen um die Hütte gewesen. Ihre Hoffnung, mit Sonnenaufgang würde es damit ein Ende haben, erfüllte sich nicht. Frühmorgens hätten sie wieder die Abfahrt angetreten. Sofort habe er gemerkt, erzählt Adrian, dass er wacklig auf den Beinen war. Auf dem glatten und harten Schnee glaubte er, die Ski nicht unter Kontrolle halten zu können. Er fürchtete, im Steilhang auszugleiten, und sei wie ein Anfänger langsam seitlich abgerutscht. „Es hat meinem Ego nicht gut getan, so hinter dem Führer her zu zaubern“, gesteht er. Doch der habe eine plausible Erklärung für sein Desaster gehabt: Zu dieser frühen Stunde, meinte er, brauche ein Körper, der an sie nicht gewohnt sei, Zeit, um sich auf die harten Verhältnisse einzustellen. Besonders im fortgeschrittenen Alter.

    Von verkürzten Schritten und neuem Lernen

    Adrian lässt nicht locker, die Grenze des Möglichen auszuloten. Als ihn später auf dem Zwinglipass wieder eine frühmorgendliche Schwäche befiel, war er gewarnt. Ohne anzuhalten drosselte er sein Tempo so weit, dass er gleichmässig atmend einen Schritt vor den anderen setzen konnte, bis die Krise überwunden war. Mir ist seine vorübergehende Unpässlichkeit nicht aufgefallen. Erst unten im Tal hat er mir davon erzählt. Was mir im Lauf der Jahre aber an ihm auffiel, war die Art, wie sich sein Gang veränderte. Während wir es ehedem gewohnt waren, unseren Körper mit raumgreifenden Schritten bergauf zu wuchten, begann Adrian allmählich aufrechter zu gehen. Ohne ständiges Auf und Ab des Körpers spare er Kraft, lautete die Erklärung, die ich von ihm bekam. Er empfahl mir, es auch einmal auf diese Art zu versuchen. Es funktioniert. Mit verkürztem Schritt tue ich mir nicht nur auf Wanderungen sondern auch auf Ski leichter. Wieder spielte sich die Umstellung im Kopf ab. Ich musste das alte Bild vom kraftvollen Tritt des Berglers löschen, um das des lockeren Treppensteigens an seine Stelle zu setzen. Worauf mich Adrian darüber hinaus auch aufmerksam machte, betraf das rechtzeitige Essen und Trinken unterwegs. Früher galt es auch ihm als Beweis besonderer Zähigkeit, wenn er stundenlang marschieren konnte, ohne etwas zu sich nehmen zu müssen. Mittlerweile wissen nicht nur wir, wie wichtig es ist, Energie regelmässig nachzuführen. Die richtige Ernährung für ein sportliches Publikum ist zum Geschäft geworden. Fitness und Anti-Aging sind in Mode. Damit hat Adrian nichts am Hut. Was er mir vermittelt, ist von radikal anderer Art. Von ihm weiss ich, dass im Herbst des Lebens eine neue Empfindsamkeit gefragt ist. Auch ich ahne die Endlichkeit alles Lebens. Dass diese lernbar ist, dafür garantiert mir der ältere Freund.

    Klaus Sorgo

    *Klaus Sorgo, 76, aus Österreich stammend, lebt seit 50 Jahren in der Schweiz, lange im Kanton Zürich, jetzt in Graubünden. Nach diversen Umwegen beendete er seine Berufslaufbahn als Erwachsenenbildner und Hausmann. Als freier Autor schreibt er auch längere Texte; seine letzte Publikation „Schwarzes Männertreu“ erschien 2013 im Literareon-Verlag, München.


    24.09.2014 11:36 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 3 | 2014, Natur erleben
    Von: Klaus Sorgo