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    < Im Herbst des Lebens

    Adrian, Crack auf dem Tandem

    An den „Special Olympics National Summer Games Bern 2014“ hat er in der stärksten Radfahrer-Kategorie die Silbermedaille herausgefahren: Adrian Rutz, 25 Jahre, hat Kondition und Trisomie. Der Sportler ist auch gern in den Bergen unterwegs, zusammen mit seinem Vater in der Naturfreunde-Sektion Gossau.


    Heisse Rhythmen aus dem Lautsprecher, Frauen, Männer und Kinder mit Startnummern auf dem Rücken oder bunten Fähnchen in der Hand – das Messegelände in Bern steht im Banne eines sportlichen Grossereignisses: An den „Special Olympics National Summer Games Bern 2014“ messen sich 1‘500 Menschen mit geistiger Behinderung in 13 Sportarten. Aktuell steht Velorennen auf dem Programm. „Die Top Shots zum Start!“, ergeht der Aufruf an jene Athleten, die sich in der gestrigen Ausscheidung als die besten Radfahrer dieser Games qualifiziert haben. Zu ihnen gehört der Ostschweizer Adrian Rutz, 25 Jahre alt, Tandemfahrer, mit Trisomie.

    Das 15-Kilometer-Rennen: kein Problem

    Adrian und sein Betreuer Sandro treten in die Pedale, Sandro vorne, Adrian hinten. 15’000 Meter sind zu absolvieren, sieben Rivalen zu besiegen. Die beiden sind gut, schon von der ersten Runde an halten sie die zweite Position, lautstark und gestenreich angefeuert von Kolleginnen und Kollegen, Freunden, Begleitern und Guido Rutz: „Adrian liebt das schnelle Fahren, den Wind, der ihm um die Ohren saust, die Dynamik!“, freut sich der Vater für seinen Sohn. Und er habe Kondition. In der Tat: Kraftvoll und konzentriert tritt Adrian in die Pedale, verzieht keine Miene, fliegt dahin scheinbar ohne Anstrengung, als ob ein 15-Kilometer-Rennen ein Sonntagsspaziergang wär.

    Daran wird sich bis zum Schluss nichts ändern. Das Tandem schiesst über die Ziellinie, Adrian und Sandro steigen ab. „Super! Wie fühlt ihr euch?“, will die Journalistin wissen. Sandro, ausgepumpt, schüttelt den Kopf und bringt kein Wort hervor. Und du, Adrian? Der zuckt gleichmütig die Achseln. Ohne Worte auch er, allerdings nicht, weil er nicht sprechen kann, sondern weil er nicht will. Das übernimmt Vater Guido: „Adrian spricht nur, wenn er muss. Und er fühlt sich gut.“ Was Sandro bestätigt, nachdem er sich erholt hat: „Adrian ist noch fit. Er könnte ohne weiteres nochmals 15 Kilometer anhängen!“

    Wäsche transportieren und Holz schleifen

    Adrian Rutz lebt in der Stiftung Säntisblick in Degersheim im unteren Toggenburg, die geistig behinderten Menschen Wohnen, Arbeiten und Beschäftigung anbietet. Auch sportlich ist hier allerhand los: „Regelmässig treten Säntisblick-Delegationen zu regionalen und nationalen Sportwettbewerben an. Adrian gehört zu unseren Rad-Cracks“, erzählt Sandro Kühni. Der Küchenchef im Säntisblick trainiert Adrian seit acht Jahren auf dem Tandem, von Frühling bis Herbst einmal pro Woche.

    Bewegung gibt’s auch bei der Arbeit. Vormittags geht Adrian dem Hauswart zur Hand, unterstützt ihn beim Transport der Wäsche in die verschiedenen Wohnheime, liefert Holz, hilft im weiträumigen Gelände bei Reparaturen und allgemeinen Arbeiten mit. Am Nachmittag trifft man ihn in der Werkstatt an, wo er Holz schleift oder Zündhölzer fabriziert.

    Bergtouren sind ein Muss

    Am Wochenende hat Adrian die Wahl. Entweder bleibt er im Säntisblick, oder er reist nach Gossau zu den Eltern, mit Postauto, Zug und zu Fuss, „ohne Begleitung“, wie Guido betont. Bei gutem Wetter steht eine Bergtour an. Kürzlich haben die beiden zum dritten Mal den Säntis bestiegen. „Fünf- bis sechsstündige Wanderungen sind für Adrian keine Sache“, sagt Guido, der seinen Sohn schon als Knirps mit in die Berge nahm. „Der Bub war halbjährig, als er das erste Mal in einem Massenlager der Naturfreunde übernachtete.“ Etwa vier Jahre ritt der Kleine auf Vaters Schultern mit, dann wurde er nach und nach ans Marschieren gewöhnt – und heute gilt es, nicht nachzulassen. „Menschen wie Adrian muss man auf Trab bringen und auf Trab halten“, erklärt Guido. „Ich stelle deshalb gewisse Forderungen. Will er zum Beispiel an einem schönen Wochenende daheim bleiben und seine CD’s hören, sage ich: Nein, wir machen eine Tour. Sind wir erst einmal unterwegs, geniesst er die Bewegung, ist zufrieden und macht problemlos mit.“ So ist und bleibt Adrian auch bei den Naturfreunden integriert, wo er an den Sektionswanderungen teilnimmt.
    Und im Winter? Fährt Adrian Ski? Guido winkt ab, „Er will Tempo, für ihn wäre Skifahren deshalb zu gefährlich“. Schmunzelnd erinnert er sich an die Première von Vater und Sohn auf Schneeschuhen. „Ich hatte meine kaum angezogen, war er auf seinen bereits auf und davon und im Wald verschwunden.“ Einen ganzen Nachmittag seien die beiden unterwegs gewesen, Adrian ohne nur einmal zu stolpern, „bei ihm hat es sofort ganz einfach funktioniert“.

    Stumm und stoisch zur Silbermedaille

    Eine halbe Stunde nach dem 15 Kilometer-Velorennen steht bereits die Siegerehrung an. ‚Let me win ...’ erschallt feierlich die Hymne der Special Olympics – ‚Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so lasst mich mutig mein bestes geben.’ Unter den Zuschauern Athletinnen und Athleten, jubelnd und hüpfend in freudiger Erwartung der Zeremonie. Adrian steht stumm und stoisch da. Als sein Name aufgerufen wird, reisst er die Arme hoch und rennt drahtig und leichtfüssig aufs Podest, wo ihm die Silbermedaille um den Hals gehängt wird. „Das ist der typische Adrian!“, lacht Guido, „Bewegung, Action, und kein Wort.“

    Special Olympics

    Special Olympics ist die weltweit grösste Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung. Die Bewegung ist offiziell anerkannt vom Internationalen Olympischen Komitee und unterstützt behinderte Menschen darin, sich über den Sport leistungsmässig zu entwickeln. Damit fördert sie ihr Selbstwertgefühl, die körperliche Fitness, die Selbstständigkeit und den Mut, Neues zu wagen. Mit fast 1’500 Teilnehmenden waren die National Games 2014 die grössten je in der Schweiz organisierten Spiele für Athletinnen und Athleten mit geistiger Behinderung.
    Nähere Infos: www.specialolympics.ch.


    24.09.2014 11:44 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 3 | 2014, Gesund Leben
    Von: Erika Schumacher