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    < Kraftort, Kraftakt oder beides?

    Die Kraft von unten

    Und was ist, wenn nun Wasser von unten nach oben steigt? Und was, wenn eine unsichtbare Kraft auch mich in die Höhe hebt? Nachfolgend die Geschichte von einem Wandersmann, der es wagt, genau hinzuschauen und der darob in sich eine starke Sehnsucht zum Fliegen wahrnimmt.


    Immer, wenn ich zwischen Alpenrhein und Unterland pendle, gerate ich für kurze Zeit in den Bann des Gonzen. Jenes Felsen, der im Norden von Sargans aufragt. 1350 Höhenmeter liegen zwischen dem Ort und dem Gipfel des Berges. Wie der Bug eines Schiffes ragt die Felsenklippe in das Land hinein. Unweigerlich frage ich mich: Welche Aussicht erwartet einen dort oben? Wie weit reicht der Blick ins Rheintal hinauf und nach Westen zum Walensee hinüber? Vor allem aber wie nimmt sich das Städtchen Sargans senkrecht unter dem Gipfel aus? Vom Talboden spüre ich, dass der Anblick des Berges mich mit ungeheurer Wucht trifft. Welches Gefühl würde mich umgekehrt haben, wenn ich von ihm herab auf die dicht besiedelte Landschaft sehe?

    Nachdem ich unzählige Male den Vorsatz gefasst habe, vom Tal aus aufzusteigen – es geht auch von Oberschan und dem Hotel Alvier aus –, und ihm immer wieder untreu wurde, starte ich im späten Herbst mit drei Freunden doch noch zu dieser Tour. Umrahmt von gepflegten Gärten beginnt nach dem Schloss Sargans der lange Aufstieg. Bald schon taucht der Weg in dichten Wald ein. Die Ruine des Knappenhauses auf Naus erinnert später an ein aufgelassenes Bergwerk. Bis vor 50 Jahren war es in Betrieb. Eisen wurde abgebaut. Der Stolleneingang ist verschlossen. So bleibt es uns verwehrt, in das Innere dieses geheimnisvollen Berges zu schnuppern.
    Über steile Wiesenhänge steigen wir weglos weiter auf. Die hier weidenden Kühe hinterlassen im schweren Boden tiefe Löcher. Nicht überall ist es möglich, ihnen auszuweichen. An manchen Stellen droht der Schuh im Sumpf zu versinken. Derweil wir Alten gezwungen sind, mit unseren Kräften hauszuhalten, überholt uns leichtfüssig eine sportliche Frau.

    Bereits liegen 1000 Höhenmeter hinter uns. Beim Berghaus Gonzen, das eben über einer Geländekante sichtbar wird, ist eine Rast vorgesehen. Wir haben geplant, uns dort zu verpflegen und deshalb auf eigenen Proviant verzichtet. Der Routenbeschrieb, den wir der Tageszeitung entnahmen, versprach die Möglichkeit zur Einkehr. Auch der eben passierte Wegweiser kennzeichnet das Haus als Gaststätte. Deshalb ist unsere Enttäuschung beträchtlich, als wir vor verschlossenen Türen stehen. Die Bank vor dem verlassenen Haus steht zwar in der Sonne, doch bei dem garstigen Wind halten wir auf ihr nicht lange an.

    Vom Sog der Tiefe

    Über einen baumlosen Hang windet der Weg sich an der Alp Rieterhütten vorbei zum Berggrat empor. Um die Gipfel kleben die Wolken hartnäckig. Alvier und Gauschla liegen im Nebel. Unsere Blicke allerdings gehen nach unten, denn hinter dem Grat fällt das Gelände steil hinunter ins breite Tal der Seez.
    Ganz hinten grüsst der Walensee. Der Pfad taucht in niedriges Gehölz ein. Nasser Kalkstein macht das Steigen noch einmal beschwerlich. Vorsichtig sucht der Fuss hier Halt. Bald aber öffnet sich das kleine Gipfelplateau. Wir sind am Ziel beim hölzernen Kreuz angelangt und freuen uns auf den Blick hinunter zum Städtchen Sargans. Zu unserer Überraschung aber sehen wir da unten nur Mels, den Nachbarort. Nichts ist von Sargans zu sehen. Die visuelle Verbindung zum Anfang der Wanderung hat sich in dichtem Nebel aufgelöst. Da die Hoffnung angeblich zuletzt stirbt, setzen wir uns derweil noch zuversichtlich ins Gras. Der Wind, der bei der Hütte zum Spielverderber wurde, verschont uns hier oben. So sitzen wir an der Sonne und nehmen es, wie es kommt. Beine und Rücken dehnen sich. Wir sind noch nicht am Ende.

    Immer wieder steht einer von uns auf, um nachzusehen, ob der Nebel den Blick hinunter auf Sargans vielleicht doch noch freigibt. Vergeblich. Selbst wenn ich wage, die Nerven bis zum Äussersten zu strapazieren, gelingt es nicht, das Blickfeld zu erweitern. Das Gruseln im Bauch zwingt mich rasch, die vorgeschobene Position wieder aufzugeben und vom Rande der Wand, die unmittelbar mehrere 100 Meter tief abbricht, zurückzutreten. Ein paar Meter Abstand zur Kante brauche ich, um den Tiefblick unbesorgt geniessen zu können. Den Anderen geht es nicht besser. Gegen den Sog der Tiefe ist kein Kraut gewachsen. Ich weiss, es gibt sie, die Kühnen, die dieser Kraft sich ausliefern und gerüstet mit Flügeln oder Fallschirm in die Tiefe springen. Aber das ist eine andere Geschichte, denke ich.

    Aufsteigende Wasser?

    Während ich dastehe und den Sog nach unten in mir auszugleichen suche,  pendelt der Blick zwischen dem Tal zu meinen Füssen und der Nebelwand zu meiner Linken hin und her. Ich beginne zu beobachten, was am Rande des Nebels vor sich geht und sehe etwas, das mich kurios anmutet: Durch eine senkrechte Rinne in der Wand strömt der Nebel wie ein Fluss herauf. Feine Tröpfchen steigen gegen die Schwerkraft nach oben. Hoppla, denke ich, Wasser kann aufwärts fliessen! Natürlich, Wolken machen das so. Das weiss ich. Als ich mitverfolge, was da vor meinen Augen passiert, bin ich aber trotz meines Wissens über die Gesetze der Natur beeindruckt. Dieses Schauspiel in der Wand des Gonzen macht für mich das spürbar, was für Menschen, die sich dem Fliegen verschrieben haben, den Reiz ihres Sports ausmachen dürfte. Normalerweise habe ich Mühe, mir unter der Thermik etwas vorzustellen. Jemand, der die Kräfte des Auftriebs nutzen kann, um auf Segeln in den Himmel hoch zu steigen, beherrscht eine Kunst, von der ich nicht den Schimmer einer Ahnung habe. Was ich nicht sehen kann, ist mir fremd. Bei Wildbächen und Wasserfällen erfahre ich die entfesselten Kräfte mit allen Sinnen. Ich sehe das stürzende Wasser, höre es tosen und spüre, wenn ich nahe genug dran bin, ein Beben unter der Haut. Das alles entspricht dem Gesetz der Schwerkraft. Wo aber Wasser, wie hier am Gipfel von unten her auf mich zu fliesst, wird es mysteriös. Was ich so noch nie wahrgenommen habe, begeistert mich.

    Plötzlich hätte ich Lust, mich in diese Strömung hineinzubegeben. In mir erwacht die Lust zu fliegen. Die Vorstellung, auf den hier sichtbaren Kräften zu schweben, ist nicht mehr unwirklich. So gesehen, erscheint mir die Luft als ein einziger grenzenloser Kraftort. Schade, dass ich dieses Erlebnis erst jetzt habe. Es ist für mich zu spät zum Abheben. Ich werde mich vielleicht mit denen, die noch nicht zu alt sind zum Fliegen, öfters in Gedanken auf den Weg machen.


    17.12.2014 12:06 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 4 | 2014, Natur erleben
    Von: KLaus Sorgo