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    < Die Schönheiten der Béroche „erfahren“

    Die Frühlingsboten der Goudebas

    Im Moor Goudebas bei Les Brenets im Kanton Neuenburg findet sich eine Blume, die andernorts in der Schweiz äusserst selten geworden ist: Die Perlhuhn-Schachblume. Im Frühling zeigt sich dieses Liliengewächs in ihrem schönsten Kleid – allerdings nur für wenige Tage. Der von den Naturfreunden im lancierte Natura Trail Doubs führt ebenfalls vorbei an diesem Moor.


    Die Schachblume, genauer gesagt die Perlhuhn-Schachblume, die fritillaria meleagris: als eine der ersten im Frühling zu spriessen beginnende Pflanze ragt ihr langer, blätterloser und schmächtiger Stengel oft bereits Ende März, sobald die Temperaturen linder werden, über das Gras hinaus. Und sogleich entfaltet sich ihr von einer zarten Brise hin und her gewiegtes, malvenfarbiges Glöckchen. Ihr Erscheinen verkündet, dass der Frühling nun auch bis in die Goudebas vorgedrungen ist – in dieses Flachmoor des Neuenburger Juras, im Naturpark Doubs, direkt vor den Toren von Les Brenets.

    Sie ist wunderschön, und sie ist stark gefährdet. Rund 90% der in der Schweiz noch erhaltenen Population dieser Blume findet sich just hier in den Goudebas. Als dieses Moor vor 20 Jahren ins Bundesinventar der Flachmoore von nationaler Bedeutung aufgenommen worden ist, geschah dies hauptsächlich der Schachblume wegen. Die Einheimischen dieser Grenzregion Schweiz-Frankreichs, die ein äusserst wachsames Auge haben auf diese Blume, nennen sie übrigens liebevoll „die Tulpe von Goudebas“, Tulipe des Goudebas!

    Sie entblösst sich Ende Mai

     

    Während einiger Wochen nur, bis maximal Ende Mai, bieten die „Tulpen von Goudebas“ ein einzigartiges Bild, überziehen sie doch einen Teil des Moors mit  einem leuchtend rosa- bis zart rosafarbenen Teppich. Doch ist diese Schau von kurzer Dauer! Die Blütezeit einmal beendigt, entledigt sie sich ihres schachbrettartigen Kleides und streckt den Kopf wieder nach oben. Es bleibt allein noch eine unauffällige Kapsel übrig, aus der sich Ende Juni die Samen lösen, um die Verbreitung der Art sicherzustellen. Strahlend schön während einiger (nun aber vergangener!) Tage, ist sie im hohen Gras, das sie im Wuchs eingeholt hat, schon bald nicht mehr auszumachen.

    Und diese Kuriosität der Natur strotzt vor Kontrasten: Während sie in der übrigen Schweiz nahezu verschwunden ist, gedeihen in den Goudebas, verteilt auf diverse Standorte, bis zu 300 Pflanzen auf wenigen Quadratmetern. Nähert man sich ihnen zwecks besserer Beobachtung, stellt man ihre rührende Fragilität fest. Und diese gemahnt uns zusätzlich daran, dass die Schachblume auf der Liste der bedrohten Pflanzen steht.

    Ihr Verschwinden dürfte zurückzuführen sein auf die intensiv betriebene Landwirtschaft, die Trockenlegung der Grundstücke sowie die Monokulturen. Und wahrscheinlich hat auch das Pflücken der Blumen dazu beigetragen. „Das sind allerdings nur Annahmen“, meint Dylan Tatti, Doktorand der Biologie an der Universität Neuenburg, der die Pflanze über zwei Jahre in den Goudebas beobachtet hat, um einen Teil dieses Informationsmangels zu füllen und eine Verbesserung ihres Schutzes zu ermöglichen. Sicher ist, dass das Fortkommen der Schachblume eng mit dem Wasser verbunden ist.

    Die Füsse im Wasser


    Die Gegend der Goudebas scheint nur ihretwegen geschaffen worden zu sein. Von bewaldeten Bodenerhöhungen begrenzt, fliesst parallel zum Moor einer der Zuflüsse des Doubs: die Rançonnière. Zum Glück aber ist nicht sie es, die – oft verschmutzt – das Moor mit Wasser versorgt. „Das Wasser des Moores stammt hauptsächlich von den kleinen Bächen aus den umgebenden Bodenerhöhungen“, erklärt Dylan Tatti. Und diese Bächlein führen dank der üppigen Vegetation klares Wasser, das sich durch das Moor schlängelt. Im Winter kommt es zudem regelmässig vor, dass sich am Ende des Moores, wenn der Doubs über die Ufer tritt, ein kleiner See bildet.

     

    Der Wasserreichtum beschleunigt das Wirken der Natur im Reservat, das sich im Laufe von Wochen rasch verändert. Innerhalb desselben Moores entstanden mannigfaltige Biotope, das Ganze ist ein Paradies für Amphibien und Insekten; überhaupt ist die Fauna in den Goudebas sehr reichhaltig, insbesondere auch die Vogelwelt. Und darin scheint die Schachblume vor allem eine ästhetische Rolle zu spielen. Dylan Tatti bringt es auf den Punkt:

    „Es handelt sich um eine Pflanzenart, die sich innerhalb einer Gemeinschaft von verschiedenen Pflanzen wohl fühlt, in welcher sie die Schöne spielt.“

     

    Lenkt der Wandernde an einem sonnigen Frühlingstag seinen Gang in die Goudebas, betritt er eine Welt von eindrücklichem Zauber. Schmetterlinge gaukeln von Blüte zu Blüte, Spinnen harren regungslos aus – mag sein, dass sie mit dem Beobachten eines Graureihers allzu beschäftigt sind, der etwas weiter davon entfernt der Nahrungssuche nachgeht. Im Moor herrscht tiefe Ruhe, einzig unterbrochen vom Laut der leicht in den weichen Grund tretenden Stiefel.


    Und jetzt, im Frühling, ist es die Schönheit der blühenden Schachblume, die unsere Aufmerksamkeit in besonderem Mass erheischt. Auswärtige Besucher sollten indes zur Kenntnis nehmen, dass diese Kuriosität der Natur die Einheimischen mit nicht geringem Stolz erfüllt. Hatte man die Blume in alten Zeiten ihrer harntreibenden und  Haut aufweichenden Eigenschaften geschätzt, wird sie heute von den Ortsansässigen vor allem ihrer Schönheit und Einzigartigkeit wegen geliebt.

    Entsprechend halten die einheimischen Senioren, die die Goudebas oft und gerne aufsuchen, ein aufmerksames Auge auf „ihre“ Schachblumen – und sie werden nicht zögern, das Wort an den Besucher zu richten, wenn ihnen dieser als allzu interessiert an ihrem Schatz erscheint. In diesem Sinne sei an das Gebot erinnert, hier ja keine dieser Schachblumen zu pflücken – dieser Griff könnte einem teuer zu stehen kommen!

     

    Hin zu den Schachblumen

     

    Das Flachmoor der Goudebas liegt in der Gemeinde von Les Brenets im Neuenburger Jura. Ab der Uhrenmacher-Stadt Le Locle (Bahnhof SBB, 920 m) verkehrt eine winzige Zugskomposition ins Dorf Les Brenets (849 m). Das Moor findet sich zirka 1 km südwestlich des Dorfes, rund 100 Höhenmeter tiefer, beim Zufluss der Rançonnière in den Doubs. 

     

    Achtung: die Blütezeit, und damit die sichtbare Schönheit der Schachblume ist von kurzer Dauer; sie setzt je nach Witterung gegen Ende März oder Anfang April ein.

     

    Gut 5 km flussabwärts von Les Brenets stürzen die Wasser des zum Lac des Brenets aufgestauten Doubs in einem 27 Meter hohen Wasserfall (Le Saut du Doubs) in die Tiefe (Restaurant nebenan). Ab Les Brenets ist der Saut du Doubs in 20 Minuten auch per Schiff zu erreichen (eingeschränkter Fahrplan bis 7. Juni). Der Doubs bildet ab hier für gut 40 km die Landesgrenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Beidseitig verlaufen Wanderwege. Eine beschauliche Flusswanderung (ca. 5 ½ Std.) führt von Les Brenets via Saut du Doubs, Le Châtelot und Graviers bis Maison Monsieur (mit Auberge); von dort per Postauto (verkehrt ab Mai bis Oktober) hinauf zum SBB-Bahnhof nach La Chaux-de-Fonds.


    30.03.2015 16:10 Alter: 2 Jahre
    Natur erleben, Ausgabe 1 | 2015
    Von: Valentin Tombez