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    Wenn der „Auerhahn“ zugedreht wird…

    Obwohl das Auerhuhn seit über vierzig Jahren geschützt ist, scheint sein fatales Schicksal besiegelt zu sein. Es gibt nur noch eine Handvoll dieser aus einer anderen Zeit entflohenen Vögel. Wildhüter sind sich sicher: Wird nicht sofort gehandelt, gehören die Waldkönige auch im Neuenburger Jura bald der Vergangenheit an.


    Es ist traurig, ja gar schmerzhaft, sich die Neuenburger Wälder ohne ihren König vorzustellen. Der Auerhahn mit seinem majestätischen Aussehen ist im Schatten der jurassischen Bergkette über Jahrhunderte regelrecht aufgeblüht. Seine bis zu den Füssen gefiederten Beine und seine mit kleinen, abstehenden Hornstiften versehenen Krallen erlauben es ihm, sich leichtfüssig über den frischen Schnee zu bewegen. Wie auch viele andere Tierarten, wurde er während der letzten Eiszeit in dieser Region sesshaft.

    Eine Bestandsaufnahme im jurassischen Bogen schätzte 1964 die Population auf 1‘500 Tiere. „Heute leben wohl nur noch sechs Auerhähne und vier Auerhennen im Kanton“, bilanziert Jean-Claude Garin, Hilfs-Wildhüter in der Region von La Vraconnaz, an der Grenze des Kantons Waadt, dem es in dieser Hinsicht nicht viel besser geht. Sein Kollege Christian Zbinden spricht von „maximal acht Hühnern“. Mehrere Refugien, Orte wo sich der Auerhahn alljährlich fortpflanzt, wurden ab Mitte des 20. Jahrhunderts im Creux-du-Van beim Jordan (La Brévine) und beim Chasseral unter Schutz gestellt. Leider konnten diese Massnahmen den steten Rückzug dieser Spezies nicht eindämmen. Schlimmer noch: Dieser Rückgang „beschleunigte sich ab den 80er Jahren“, ergänzt Christian Zbinden.

    Überalterung der Wälder und Monokulturen

    Das Verschwinden der Auerhühner hat verschiedene Ursachen, stellen sowohl Biologen als auch Wildhüter fest. Die Zerstückelung der Wälder hat die Tiergruppen geteilt. Dieser Standvogel verträgt sich schlecht mit dem motorisierten Verkehr. Ausserdem habe der starke Fuchsbestand und die Rückkehr des Luchses, der die Anzahl natürlicher Feinde (u. a. Marder, Wildschweine) seit seiner Neu-Ansiedelung im Jahr 1974 vergrössert hat, ebenfalls den Rückgang der Auerhühner beschleunigt. Diese sind besonders im Winter, wenn es überall an Nahrung fehlt, am anfälligsten. Auch an die Menschen, konnte sich das Auerhuhn nie gewöhnen. Besonders Wanderer, die von Hunden begleitet werden, drängen es zu manchmal tödlichen Anstrengungen.

    Ein anderer Punkt ärgert Jean-Claude jedoch besonders: Die Waldwirtschaft. Es gibt einerseits die unerlässliche, lange vergessene Alterung der Wälder. „Alte Bäume sind wichtig, aber manche müssen auch entfernt werden. Sonst sterben eine oder zwei Generationen kräftiger Bäume“, erläutert Jean-Claude. Grosse und alte Bäume nehmen eine grosse Fläche in Anspruch, unter welcher kleine Fruchtbäume ohne Licht nicht gedeihen können. Und ohne Vogelbeerbäume, Himbeer- oder Heidelbeersträucher kann das Auerhuhn seine für den Winter unablässigen Fettreserven nicht aufbauen.

    Andererseits prangert Jean-Claude Garin die Industrialisierung der Wälder an: „Ein Jahrhundert lang wurde der Fichte (Rottanne) den Vorzug gegeben und alles andere entfernt. Der Grund? Die Fichte verkauft sich gut! Diese Monokultur ist gefährlich, denn sie lässt keinen Platz für Artenvielfalt zu“. Ein weiterer herber Schlag für die kleinen Fruchtsträucher und Bäume und indirekt für den Auerhahn. Christian Zbinden stimmt dem zu: „Es braucht auch Weisstannen, denn der Auerhahn ernährt sich im Winter fast ausschliesslich von ihnen“.

    „Lasst sie endlich in Ruhe!“

    Neue Lebensräume wie beispielsweise helle Lichtungen wurden neu erschaffen, damit sich der Auerhahn mit seinen vier Kilo auch wieder wohl fühlt. „Zu wenig“, bemängelt Jean-Claude. „Zu spät“, setzt Christian nach. Angesichts der fehlenden Resultate zog letzterer – wegen seiner Leidenschaft für diesen grossen Vogel – eine kleine Anzahl dieser Tiere in Gefangenschaft auf und wollte sie aussetzen, um die Population wieder zu stärken. Bund und Kanton widersetzten sich aus genetischen Gründen dieser Wiedereinführung, denn die Vögel des Hüters stammten nicht vom gleichen Stamm wie jene der übrigen Tiere. Der Fall kam 2009 vor das Bundesgericht, welches – zum Leidwesen von Zbinden – den Gegnern Recht gab.

    Bleibt dem Auerhuhn überhaupt noch eine Chance?

     

    „Die gelungene Wiederansiedlung des Bibers im Kanton Neuenburg macht Hoffnung. Doch es müssten mehr neue Vögel ausgesetzt werden“, sagt Christian Zbinden.

     

    Jean-Claude Garin glaubt ebenfalls daran: „Aber nur wenn auch die dazu geeignete Forstwirtschaft betrieben wird“. Das grösste Vorbild für die Auerhuhn-Liebhaber ist der grosse Kanton. Im Gegensatz zur Schweiz oder zu Frankreich konnte Deutschland in den vergangenen fünf Jahren die Population im Schwarzwald auf fast 600 Tiere stabilisieren.

    „Die natürliche Umgebung ist dort besser und die Tiere geniessen einen echten Schutz. Sobald bei uns eine Schutzzone errichtet wird, strömen alle Vogelbeobachter, Ornithologen und Biologen hin. Diese Vögel müssen endlich in Ruhe gelassen werden!“,

     

    protestiert Christian Zbinden und empfiehlt ausserdem, die lästigen Zählungen aufzugeben.

    Für ihn ist klar: „Wenn nichts unternommen wird, reden wir in zehn Jahren nicht mehr darüber“. Und ohne Auerhahn werden die Neuenburger Hautes Joux ihre Majestät verlieren.


    22.04.2015 12:14 Alter: 3 Jahre
    Ausgabe 1 | 2015, Natur erleben
    Von: Valentin Tombez | Fotos: Bruno Badilatti