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    Meditationen auf Chastè

    Inspiriert durch unser aktuelles Leitthema "Inseln und Halbinseln der Schweiz" besucht Kolumnist und Autor Klaus Sorgo die Halbinsel Chastè am Silsersee im Engadin.


    Böig peitscht der Wind das Wasser. Ich komme von der Station Sils-Seglias her. In Baselgia waren die Läden an vielen Fenstern geschlossen. Tote Saison – kalte Betten. Es herrschte Grabesstille. Der Kapelle am Rande des Dorfes habe ich einen Besuch abgestattet. Im einfachen Innenraum lag eine aufgeschlagene Bibel. „Johannesevangelium“ las ich. Dazu fiel mir “Gottes neue Welt“ ein. Von da war der Weg zu Friedrich Nietzsche nicht mehr weit. Gleich nach einem allein stehenden Haus begann die waldige Landzunge. Auf ihrer Südseite schlängelte sich der Weg erst entlang des Ufers, um dann nach kurzer Strecke in das Innere des Waldes einzubiegen. An Lärchen in frischem Grün vorbei stieg ich bis zur Spitze der Halbinsel Chastè. Über dem Ufer des Sees stehe ich hier nun auf einem Granit. An einem grauen Fels entdecke ich die Tafel mit Nietzsches bekanntem Gedicht und lese:

    OH MENSCH! GIEB ACHT!

    WAS SPRICHT DIE TIEFE MITTERNACHT?

    „ICH SCHLIEF, ICH SCHLIEF - ,

    „AUS TIEFEM TRAUM BIN ICH ERWACHT: -

    „DIE WELT IST TIEF,

    „UND TIEFER ALS DER TAG GEDACHT.

    „TIEF IST IHR WEH -,

    „LUST - TIEFER NOCH ALS HERZELEID:

    „WER SPRICHT: VERGEH?

    „DOCH ALLE LUST WILL EWIGKEIT -,

    „- WILL TIEFE, TIEFE EWIGKEIT!“

     

    Zwar bin ich zum ersten Mal an diesem Ort. Doch dass dem Philosophen hier ein Denkmal gesetzt ist, wusste ich. Jetzt habe ich es vor Augen. Die Sprache ist mir immer noch nicht einfach verständlich. Zeile für Zeile spreche ich mir die Worte vor. Tiefe…Lust… Ewigkeit… Diese Worte bleiben haften. Über das, was der Verfasser dieser geheimnisvollen Zeilen zum Ausdruck habe bringen wollen, wurde viel spekuliert und geschrieben. Daran verschwende ich jetzt keinen Gedanken.

    Die Worte sollen ungefiltert auf mich wirken. Ich habe sie so manches Mal schon gelesen. Hier in der weiten Landschaft des obersten Engadin aber wirken sie anders auf mich als zu Hause in den eigenen vier Wänden. Das Bild vom entschlossenen Helden, vom unbezwingbaren Krieger, mit dem Nietzsches „Übermensch“ meist erklärt wird, liegt mir in diesem Augenblick fern. Vielmehr spricht mich in den Versen die Stimme eines um Lust und Leid der menschlichen Seele wissenden Menschen an. Seine mit grossem Ernst vorgetragene Sorge erreicht mich.

    „Oh Mensch, gib Acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?“

    Gilt die Mahnung nicht einem Denken, dem es an Einsicht in die Nachtseite des Lebens mangelt? Einem blinden Glauben an ständigen Fortschritt, wie er die öffentliche Meinung häufig beherrscht. Wer nur gelten lassen will, was berechenbar ist, dem wird entgegen gehalten: „Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.“ In Stein gehauen ist angedeutet, dass hohe Ansprüche an die Welt allein nicht genügen, wenn nicht auch die Tiefe des Daseins in Rechnung gestellt wird.

    „Tief ist ihr Weh.“

    Das Leiden nimmt zu in einer Welt, die nichts wissen will von dem, was der Natur angetan wird - der äusseren und wie auch der inneren in den Seelen der Menschen. Der „Übermensch“, das wäre, wie Martin Heidegger schreibt, derjenige, der den Übergang schafft in eine Zukunft ohne Rache.

    Scheint es nicht, Technik und Wissenschaft würden heute im Bestreben, sie restlos zu beherrschen, Rache an der Natur nehmen? Wohl mussten unsere Vorfahren vor wenigen Generationen noch darum kämpfen, in einer feindseligen Natur zu überleben. Aber gilt das noch uneingeschränkt bei jedem Eingriff in die Landschaft? Wo in Wirtschaft und Politik schönere Weltenversprochen werden, sind Zweifel angebracht. Das Angebot von Neuheiten ist zum Zwang geworden. Wo bleibt die Rücksicht auf Althergebrachtes, das immer schneller der Vergangenheit angehört?

    „Doch alle Lust will Ewigkeit.“

    Ich ahne, was mit diesem Satz gemeint sein könnte. Die Natur macht mit ihren Kreisläufen die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, wie es Nietzsche nennt, offenbar. „Wer spricht: Vergeh?“ Gilt es nicht auch in der Kultur, zu prüfen, ob Altes weichen muss, sobald Neues angepriesen wird? Die Pflege von Vertrautem hat ihren eigenen Wert. Wo dem entgegen gehalten wird, es lasse die Zeit sich nicht zurückdrehen, wäre zu fragen, welche Zeit da gemeint ist. Aus freien Stücken innehalten zu dürfen, wer würde das nicht schätzen? Denn: „Alle Lust will Ewigkeit!“

    Weisse Gischt schlägt ans Ufer. Gedankenverloren schaue ich dem Spiel der Elemente zu. Bewegtes Wasser übt eine magische Wirkung auf mich aus. Im Horchen finde ich Ruhe. Währenddessen ist der Blick zum Piz da la Margna hinauf gerichtet. Die Hänge dieses schönen Bergs sind oben noch mit Schnee bedeckt. Weiss gleisst er in der Sonne.

    Ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen. Vergangenheit kehrt zurück. Skitouren im Frühsommer. Unvergessliche Eindrücke voll Lust und Freude. In mir ist ein Fluss wie all die Male, wenn ich im sulzigen Schnee ins Schwingen kam. Dieser Phantasie überlasse ich mich, bis eine heftige Bö, die mir fast den Stand raubt, ihr ein abruptes Ende setzt. Wo war ich da eben gewesen? Ereignisse, die Jahre zurückliegen, haben mich ins Glück zurückversetzt. In ein immer gleiches zeitloses Glück. Ewige Augenblicke, in denen der Lauf der Zeit in den Ausstand trat. Ob es gestern gewesen ist oder morgen sein wird, dem Erleben bleibt es einerlei.


    22.06.2015 12:10 Alter: 2 Jahre
    Ausgabe 2 | 2015, Natur erleben
    Von: Klaus Sorgo | Foto 1: Tanja Kreis, Foto 2: Swiss Image/Robert Bösch