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    < Wandern durchs Land der Kirschen

    Die Auserwählten

    Familie Schumacher war es zu eng. Vom Küchenfenster aus sah sie in den Stall des Nachbarn. Der strenge Bauernalltag war in dieser Eingrenzung kaum mehr zu ertragen. Schumachers entschieden sich, ihr Leben umzukrempeln. Nun gehört ihnen eine halbe Insel.


    Rund siebzig Bewerber hatten denselben Traum: Sie wollten den Hof auf der St. Petersinsel (im Bielersee) übernehmen, den die Familie Mühlemann nach dreissig Jahren wehmütig verlassen hatte. Das Grundstück umfasst fast die ganze Halbinsel und gehört der Burgergemeinde Bern. Diese wollte die Insel nicht etwa an den Höchstbietenden verpachten, sondern an den Vielversprechendsten. Wichtig sei ihnen ein nachhaltiges Projekt, das gut auf diese Insel passe. Die biologische Bewirtschaftung der Familie Schumacher kam der Burgergemeinde gerade recht. Und so zogen die Schumachers im Frühling 2012 samt Kühen und Ziegen auf die St. Petersinsel.

    Befristete Idylle

    Christine, Markus und ihr Sohn Jonas begannen ein neues Leben im Paradies. Hier stimmt einfach alles, denkt sich Markus jeden Morgen, wenn er sein Landgut betrachtet. Und Christine betont, dass sie noch nie so schnell so tiefe Wurzeln schlagen konnte. Doch die Idylle hat einen Haken: Schumachers Zeit auf der Insel ist befristet. Spätestens in 15 Jahren, wenn das Ehepaar das Pensionsalter erreicht hat, muss es die Insel wieder verlassen. Wo sollen sie dann hin? Eine Antwort auf diese Frage haben Schumachers bisher nicht gefunden. Immerhin keimt mit Jonas die Hoffnung auf, noch ein Standbein auf der Insel zu behalten. Der 23-jährige besucht zurzeit die Betriebsleiterschule und möchte den Hof einmal übernehmen.

    Ein grosser Hof: 36 Mutterkühe und deren Kälber tummeln sich auf den Weiden der St. Petersinsel. Zehn Monate lang dürfen sie zusammen bleiben. Nach dieser Periode würde ohnehin die natürliche Absetzung des Nachwuchses erfolgen. In der Milchwirtschaft werden die Kälber bereits viel früher von ihren Müttern getrennt. Auch ein Grund, weshalb Schumachers sich vor 15 Jahren auf die Natura-Beefs – wie die zehnmonatigen Kälber genannt werden – spezialisiert haben. 

    Ciao Massimo

    Die Isolation durch die natürliche Wassergrenze ist wohl mitverantwortlich dafür, dass das Verhältnis der Familie zu ihren Tieren noch enger geworden ist. So erinnert sich Markus gerne an Ziegenbock Massimo zurück, der ihm immer an den Hosen zog. Nicht zuletzt nach Massimos Abschied trafen die Schumachers eine wichtige Entscheidung: Um sich emotional abzuschirmen, nummerieren sie die männlichen Ziegen und die Kälber seither durch.

    Was die Beefs nicht ahnen: nach der Schlachtung kehren sie auf die Insel zurück. Acht davon werden im benachbarten Kloster-Restaurant verspeist. Den Rest liefert Christine in 10-Kilo-Mischpaketen ihren Privatkunden direkt nach Hause. 

    Unser Ausflugstipp:

    Genüsslicher Spaziergang auf dem Heideweg über die Chüngeliinsel zum Pavillon der St. Petersinsel – und anschliessend per Schiff nach Biel.

    Start: 1. Erlach. Anreise mit Postauto ab SBB-Bahnhof Ins oder Le Landeron. Ziel: Biel. Route: Erlach – Chüngeliinsel – Insel-Pavillon (schöner Aussichtspunkt) – 2. Restaurant & Klosterhotel St. Petersinsel – Schumachers Biohof – Schiffsanlegestelle. Ab hier per Kursschiff via Ligerz und Twann nach 3. Biel. Dauer: 1 Std. Wanderzeit. Länge: 5 km. Essen: Das wunderschöne Restaurant & Klosterhotel St. Petersinsel kredenzt Fisch, Fleisch und Wein aus der unmittelbaren Umgebung. Weitere Infos: www.st-petersinsel.ch  

     

    Schumachers Biohof: Gleich neben dem Kloster befindet sich Schumachers Biohof. Bei ihrem Gourmet-Häuschen können sich Besucher mit Hofprodukten eindecken.

    Weitere Infos: www.schumachers-biohof.ch

     

    Tücken der Isolation

    Eine Insel ist nicht gerade der beste Standort für eine Direktvermarktung. Zwar strömen bei schönem Wetter sehr viele Menschen am Hof vorbei, allerdings nur zu Fuss. Und die meisten transportieren das Angus-Fleisch lieber im Magen als auf dem Rücken. Ausserdem bemühen sich die Schumachers, die Insel nur ausserhalb der Stosszeiten im eigenen Auto über die schmale Zufahrtsstrasse (es ist der sogenannte Heideweg) zu verlassen. Glücklicherweise überredete Jonas seine Eltern, letzten Herbst die Bootsprüfung zu machen, so können die Schumachers den Spaziergängern auf dem Heideweg eine Staubwolke ersparen.

    Trotz Wasserspass und Traumlage ist das Pensum der Schumachers nicht zu unterschätzen. Nebst dem Biohof-Betrieb sind sie auch noch für die Wartung der zahlreichen Grillplätze verantwortlich, kümmern sich im Winter um das geschlossene Klosterhotel und bieten demnächst auch Schlafen im Stroh an. Nur mit den Reben haben sie nichts am Hut. Er trinke lieber Rivella, gesteht Markus. Ob das gut zu den Angus-Steaks passt?


    24.08.2015 12:15 Alter: 2 Jahre
    Ausgabe 2 | 2015, Natur erleben
    Von: Emanuel Hänsenberger