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    Angehrns Kaien-Klan

    Wichtiger als die Hütten sind deren Warte, jene Naturfreunde also, die tagein tagaus die Naturfreunde­häuser beleben. Jeder dieser «Wärter» hat seine ganz eigene Geschichte und seine Art, das Haus zu warten. So trifft man im Kaienhaus jedes Jahr an drei bis vier Wochenenden auf Originale wie Ruedi Angehrn und dessen Klan.


    Die ersten Sonnenstrahlen stechen durch die Fenster des Opens external link in new windowKaienhauses. Ein Gesicht wird sichtbar. Ein Gesicht, das einmal unter einer dicken Schneeschicht begraben war. Ein Gesicht, das bereits vielen Menschen auf der ganzen Welt ein Lächeln schenkte. Ein Gesicht, das vom Leben gezeichnet wurde. Ruedi Angehrn, der Mann hinter der Visage, zeichnet nun selbst ein paar Stichwörter auf eine schwarze Tafel. Heute wird ein guter Tag, denkt er sich.

    Daniela, ruft Angehrn, die Tafel ist fertig. Angehrns Lebenspartnerin holt die beschriftete Tafel und wird sie unten beim Eingang aufhängen. Wir bilden eine gute Kameradschaft, sagt Angehrn, ich bin der Kamerad und sie schafft. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn schon streift Angehrn wieder durch das Haus, stellt Stühle auf, lernt Gäste kennen, trommelt sein Team zusammen, kümmert sich um die Finanzen. Er lässt sich nicht bremsen, sagt Daniela, mit einer Mischung aus Sorge und Bewunderung in ihrem Blick.

    Ein Weltenbummler im Kaienhaus

    Seit 25 Jahren gehört die Wartung des Kaienhauses zu jenen Beschäftigungen in Angehrns Leben, die ihn nie gelangweilt haben. Er sei ein Alteingefleischter, sagen manche Kollegen. Altes Fleisch mag an Angehrn dran sein, aber eingefleischt war er noch nie. Stets auf Achse bereiste er – meist beruflich – die ganze Welt. Als Dozent in Russland, als Bergsteiger im Himalaya und nicht zuletzt als Mitglied der Naturfreunde Internationale in Osteuropa. Angehrn ging nicht ungern nach Ungarn, er liebte es.

    Prächtige Aussicht ins Appenzellerland.

    Das Telefon macht sich bemerkbar. Nicht zum ersten Mal heute. Ist es bei euch oben sonnig, fragt eine Frau, die in St. Gallen unter einer fetten Nebelschicht sitzt. Die Vermutung ist berechtigt: wie so oft sticht an diesem Tag nicht viel mehr als das Kaienhaus aus dem Wolkenmeer heraus. Atemberaubend. Vor allem für die Asylantin Maia, die in ihrem Heimatland Georgien noch nie einen Berg bestieg. Sie holt tief Luft und dringt dann sorgfältig mit einem grossen Messer in den Hauskäse ein.

    Fatuma beobachtet sie aus den Augenwinkeln und lächelt. Maia ist wegen ihr hier. Und ich bin wegen Ruedi hier, sagt Fatuma. Vor ein paar Jahren unterrichtete Angehrn Deutsch in einem Asylantenheim. Seither kommt die junge Äthiopierin regelmässig mit und hilft in der Küche aus. 

    Warten beim Warten

    Wie lange bist du schon hier, fragt ein Gast, der in der Küche seine Thermosflasche nachfüllt. Sechs Jahre, sagt Fatuma. Ist es schön, fragt der Gast. Anders, sagt Fatuma.

    Etwas ernüchtert verlässt der Gast die Küche. Er weiss nicht, dass Fatuma lieber eine feste Anstellung als ein Wanderparadies gefunden hätte. Doch sie wartet noch immer auf ein Arbeitsvisum. Immerhin: es bereitet ihr wesentlich mehr Spass im Kaienhaus zu „warten“, als im Asylantenheim.

    Vielleicht auch, weil Fatuma und Maia sich das Zimmer mit Lilli und Tatiana teilen. Die beiden Teenies wurden – wer hätte das gedacht – ebenfalls von Angehrn angeheuert. Sie besuchen seinen Deutschunterricht im Gymnasium Appenzell. Der beliebte Lehrer hatte nie grosse Mühe, seine Schüler für das Kaienhaus zu begeistern.

    Erste Arbeitserfahrungen und ein kleines Taschengeld sind genügend Gründe, weshalb auch immer wieder Schüler im Haus aushelfen.  So auch an jenem Dezemberwochenende im Jahr 1999, als der Lothar ganze Tannen wie Zahnstocher um das Kaienhaus blies. Angehrn behielt die Ruhe und lenkte seinen Klan mit Geschichten ab, sicherlich eines seiner grössten Talente.

    Die junge Garde

    Damals war die jüngste Garde im Hause Angehrn noch nicht geboren. Kim und Xenia, Angehrns Grosskinder, sind die jüngsten im Klan. Häufig packen sie fleissig mit an oder spielen mit Leila, dem Berner Sennenhund, der auch immer dabei ist. So bringt der Grossvater etwas Ruhe ins Eltern- und Leben ins Kaienhaus. Eine Win-win-Situation, wie Angehrn sie mag.

    Weniger mag er den Fernseher in der Kaienhaus-Stube. Aber der grüne Kacheloffen, der nun abgerissen werden soll, der dürfte wiederum bleiben, sagt Angehrn. Doch es scheint fast so, als wären dies nicht mehr seine Kämpfe. Wenn mir etwas nichts mehr bringt, dann suche ich etwas Neues, sagt Angehrn. Sein Lehramt endet im Januar, und auch wenn der Kontakt zur Jugend nun etwas abnimmt, ist die nächste Station bereits klar: Angehrn wurde kürzlich zum neuen Präsidenten der CVP Innerrhoden gewählt. Hier kämpfe man immer um die Sache, nie um die Person, das gefalle ihm.

    Strahlt die Sonne so schön wie heute, sind es plötzlich Hunderte, die zum Kaienhaus pilgern. Die Terrasse ist in Nullkommanichts voll und Angehrns Klan gefordert. Und siehe da, Ruedi Angehrn strahlt auch. Warum? So habe ich das viele Personal nicht umsonst mitgebracht, sagt er erleichtert.

    Hin zum Kaienhaus

    Zwischen Heiden und Rehetobel im Kanton Appenzell Ausserrhoden liegt auf 1114 m über Meer das Naturfreundehaus Kaien. Jedes Wochenende, jeweils von Samstag 14 bis Sonntag 17 Uhr, ist das Kaienhaus bewartet. Das Besondere daran ist, dass sich 20 verschiedene Hüttenwartteams wie Angehrns Klan in diesem Service engagieren. Zu verdanken ist dies einem gut organisierten Hüttenwartverein (präsidiert von Roland Brüllmann), den die Sektion Rorschach seit Jahren hegt und pflegt. Die Beliebtheit des Hauses zeigt sich an den Besucherzahlen: während an einem „normalen“ Wochenende zwischen 50 bis 100 Personen den Weg ins Kaienhaus finden, können es bei Spezialanlässen gut und gerne deren 300 sein! Zu den Spezialanlässen gehören der Hüttenzauber (9. Januar 2016), das Schneeschuhlaufen (22. Januar 2016) oder auch das Preisjassen (2. April 2016).

     

    Opens external link in new windowMehr zu den Wintertouren beim Kaienhaus.

     

    Reservations-Adresse: 

    Marlene Solenthaler, Gigeren 15, 9038 Rehetobel AR, 

    Tel: 071 870 07 23, reservation@kaienhaus.ch. 

    Opens external link in new windowwww.kaienhaus.ch


    05.01.2016 11:37 Alter: 2 Jahre
    Naturfreundehäuser
    Von: Emanuel Hänsenberger