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    < Frühling – wie machen es die ersten?

    Ein Spaziergang durch Raum und Zeit

    St. Gallen – ein Weltkulturerbe, ein UNESCO-Weltkulturerbe! Damit kommt die Bedeutung der Kloster-anlage von St. Gallen gut zum Ausdruck. Der Stiftsbezirk ist in jedem Fall einen Besuch wert. Aber St. Gallen ist noch weit mehr. Darum, auf zum Stadt-Spaziergang!


    Beten und Arbeiten, ora et labora – der Wahlspruch der Benediktiner ist auch den reformierten St. Gallern in Fleisch und Blut übergegangen. Gelegentlich hört man, St. Galler seien weltgewandt, ehrgeizig, tüchtig, belesen. Und dann gibt’s jene, die auf die Bescheidenheit der Ostschweizer tippen. Und andererseits gibt es welche, die die St. Galler als prunksüchtig und humorlos bezeichnen. St. Galler hätten keinen Charme, behaupten sie, und das Portemonnaie stecke ihnen tief in der Tasche. Und ihr Dialekt, diese klare und deutliche alemannische Sprache, sei ein Gräuel für die Ohren. Nun, ist da was dran? Unisono wollen wir diese Äusserungen nicht von der Hand weisen; aber bei der einen und anderen scheint uns eine Erklärung angebracht. Machen wir uns also auf die Socken.

    Das Erbe von Gallus

    Im Jahre des Herrn 612 liess sich der Wandermönch Gallus aus Irland (oder kam er nun doch aus Gallien!) im Hochtal der Steinach nieder und legte damit, ob gewollt oder ungewollt, den Grundstein für die Klostergründung. Diese erreichte unter ihrem ersten Abt (dem Priester Otmar, der 719 zum Abt gewählt und 40 Jahre später ins Exil auf die Insel Werd verbannt worden war) eine erste Blüte. Bis ins 11. Jahrhundert hatte sich das Kloster St. Gallen schliesslich zu einer der wichtigsten Bildungsstätte nördlich der Alpen entwickelt; St. Gallen war ein Brennpunkt der abendländischen Wissenschaft, oder, um ein Zitat aufzugreifen: St. Gallen war ein High-Tech-Zentrum des Frühmittelalters. 

    Die ehrsamen Tugenden der Benediktiner – so auch der Leitsatz „ora et labora“, bete und arbeite – färbten auf die Bevölkerung der Stadt ab. Für Kaufleute zahlte sich insbesondere die Arbeit im Leinwandhandel aus. Obwohl die Stadt flächenmässig von bescheidenem Ausmass war (weniger als 5 km2), unterhielt sie eine Lateinschule, verhielt sich aber insgesamt haushälterisch. Anders das Gebaren der Fürst-äbte: sie erlagen allmählich den Versuchungen des Reichtums und steuerten dem Ruin entgegen. Ja es kam gar soweit, dass Äbte grosse Gebiete ihres Besitzes an die Stadt verpfänden mussten, so etwa Untereggen und Steinach. Die Stadt ihrerseits versuchte, auf Kosten des Klosters zu expandieren. Soweit kam es allerdings nicht: der ab 1463 amtierende Abt Ulrich Rösch, ein Bäckerssohn aus Kempten, sanierte den Klosterhaushalt. Er, der bis 1491 in diesem Amt wirkte, gilt daher als der zweite Gründer des Klosters St. Gallen.

    Auswirkungen der Reformation

    St. Gallen blieb trotz des verlorenen Zweiten Kappeler-Kriegs (bei dem auch der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli 1531 sein Leben liess) reformiert. Das Kloster indes wurde erneut installiert. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass das Benediktinerkloster territorial von der Stadt und Republik St. Gallen umschlossen wurde. Das einschneidende Ereignis war jedoch, dass zwischen Kloster und Stadt eine Mauer hochgezogen wurde, die sogenannte Schiedemauer. Nur gerade ein einzelnes kleines Tor führte von dem einem zum anderen Staatsgebilde. Wollte der Fürstabt seine Lande besuchen (zwischen Bodensee und Wil und im Toggenburg), musste er daher zuerst die reformierte Stadt durchqueren. Umgekehrt war die Stadt von der Fürstabtei umschlossen. Wollten die Kaufleute ihrerseits ihren europaweiten Geschäften nachgehen, mussten auch sie zuerst äbtische Lande durchqueren.

    Prunk und puritanische Demut 

    Apropos der eingangs erwähnten Vorliebe zum Prunk: beim Spaziergang durch die Stadt sticht diesbezüglich vorab die barocke Kathedrale (1766 fertiggestellt) ins Auge. Dieser Bau fasziniert. In ihrem Innern nehmen uns die monumentalen Deckengemälde in Beschlag; die Weite des Kirchenschiffs ist ein berührendes Erlebnis. Unbedingt sehenswert ist das hölzerne, reich verzierte (vor 250 Jahren geschnitzte) Chorgestühl mit den beiden Orgeln. Allerdings: der Chor kann normalerweise nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden! 

    Bei allem Prunk dieser Kathedrale (sie ist Teil eines Ensembles, in welchem auch die weltbekannte barocke Stifts-Bibliothek mit ihren über 600‘000 Bänden untergebracht ist): dieser Prachtskirche fehlt ein eigentlicher Haupteingang! Ja, so ist es: ein Hauptportal sucht man hier vergebens. Warum dem so ist? Schlicht und einfach aus Platzgründen. Die Schiedmauer, die man zwischen Stadt und Kloster hochgezogen hatte, stand dem Bau eines gebührend grossen Portals im Weg.

    Was städtische Prunkbauten, respektive bauliche Demonstrationen von Macht und Grösse betreffen, so entstanden diese erst gut 100 Jahre nach dem Bau der Kathedrale. Hier waren es insbesondere die Stickereibarone, die sich damit ihre Denkmäler setzten (siehe auch den Beitrag ab Seite 16). Dabei auf der Strecke blieben unter anderem das alte Rathaus und die aus dem 10. Jahrhundert stammende Stadtmauer. Die treibenden Kräfte in der Stadt strebten stattdessen nach einem weltoffenen, in die Zukunft gerichteten St. Gallen. 

    Bauliche Zeugen Alt-St. Gallens gibt es heute indes gleichwohl noch zahlreiche zu entdecken. Eine Besonderheit stellen dabei die Häuser mit Erkern dar. Insgesamt sind in der Stadt über 100 solcher Erker auszumachen, über 30 davon in der Innenstadt, die einen eher einfach, die anderen kunstvoll verziert; die meisten entstanden in der Zeit zwischen 1650 und 1720. Das geübte Auge findet sowohl aus Holz geschnitzte, wie auch von Steinmetzen gefertigte „Erggel“. Zu den bekanntesten und schönsten zählen der Kugel-Erker (ein Erker versehen mit einer Weltkugel, an der Kugelgasse) und der Erker am „Haus zum Pelikan“; dieser erzählt uns eine ganz besondere Geschichte: wir sehen in den vier Brüstungsfeldern die vier Erdteile (Australien war damals hierzulande noch nicht bekannt) und womit man diese assoziiert hatte (auf dem Feld „Amerika“ sehen wir beispielsweise einen federngeschmückten Mann mit einem Papagei in der Hand). Über dem Erker thront zudem ein goldener Pelikan – ein in der christlichen Ikonographie häufig verwendetes Symbol für Jesus Christus. Übrigens: im „Haus zum Pelikan“ findet sich ein ansprechendes Café.

    Neben diesen Erkern war im streng reformierten St. Gallen nur noch das Erstellen von reich verzierten Wasserspeiern als äusseres Zeichen des eigenen Reichtums erlaubt. Also lohnt sich in der Gallus-Stadt ein Blick hinauf zu den Dachrinnen ganz besonders. Das wohl häufigste Motiv dieser Wasserspeier ist der Drachen. Was wiederum einen Bezug zum ehemaligen Kloster nahelegt: der Drachen widersetzt sich bösen Geistern, Hexen und dergleichen. 

    Dem Drachen begegnen wir indes noch an anderen Stellen: wer die Benediktinerkreuze auf den Türmen der Kathedrale genau betrachtet, findet darin (waagrecht) Buchstaben NDSMD und (senkrecht) CSSML. Diese Buchstabenfolge bedeute auf lateinisch: CRUX SACRA SIT MIHI LUX und NON DRACO SIT MIHI DUX. Was auf Deutsch übersetzt so viel heisst wie: „Das heilige Kreuz sei mein Licht. Der Drache sei mein Führer nicht!“

    Von der Klosterschule zur Universität 

    Von der Stiftsbibliothek, deren Gründung zurückreicht bis ins 8. Jahrhundert und die in einem Saal untergebracht ist, der auch von Fachleuten als eine der weltweit schönsten profanen Barockbauten bezeichnet wird (jährlich rund 120‘000 Besucher), haben wir bereits gesprochen. Dass dieser Schatz im Zuge der Reformationswirren kaum Schaden genommen hat, ist dem berühmtesten St. Galler zu verdanken: Joachim von Watt, genannt Vadian. Er, der selbst ein bedeutender Reformator war, wirkte in St. Gallen nicht nur als Bürgermeister und Arzt; sondern Vadian war auch gekrönter Dichter. Als Humanist war er zudem der Begründer der nach ihm benannten Bibliothek Vadiana. Diese ist heute in die Kantonsbibliothek St. Gallen integriert.

    Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Klosterschule. Aus ihr sind zahlreiche Gelehrte und Bischöfe hervorgegangen. In dieser Hinsicht stand und steht die Stadt dem Kloster jedoch keineswegs hintenan. Dass dabei nicht nur das kaufmännische Denken im Vordergrund gestanden hat, belegt die bereits vor der Reformation durch die Stadt ins Leben gerufene Lateinschule. Mit der Reformation wurde die Schule, zumindest für die Knaben, für die Stadt-Bürger öffentlich. Pioniergeist zeigte die Stadt zudem mit der im Jahr 1899 gegründeten Handelsakademie; sie gilt weltweit als eine der ersten Handels-Hochschulen. Daraus ist schliesslich die Universität St. Gallen hervorgegangen – eine bis zum heutigen Tag anerkannte Kaderschmiede der Wirtschaftswissenschaften.

    Grenzen der Bescheidenheit …

    Besuchern, die sonntags durch die Altstadt von St. Galler flanieren, erfahren es am eigenen Leib: nur wenige Restaurants um den Stiftsbezirk sind am Tag des Herrn geöffnet. In der Geschichte dieser reformierten Stadt ist dies jedoch keine Besonderheit. So wie das Herumstolzieren in prunkvollen Kleidern hier einst verpönt war, so waren auch Wirtshausbesuche nur sehr eingeschränkt möglich. Eine Fasnacht gab’s hier nicht, bei Hochzeitsfeiern durfte eine gewisse Anzahl von Gästen nicht überschritten werden, und zwei Mal im Laufe der Geschichte galt auf dem Stadtgebiet gar ein Rauchverbot. Beerdigungen hatten ohne Personenkult zu erfolgen, und Grabsteine durften nicht mit Namensnennungen versehen werden – so finden wir zwar in der Stadt ein Vadian-Denkmal, die Grabstätte dieses einflussreichen St. Galler Gelehrten (er war ein Freund des Reformators Ulrich Zwingli) suchen wir jedoch vergebens. Umso mehr Zeit bleibt daher für den Gang durch das Innere des Stiftsbezirks…!


    21.03.2016 15:15 Alter: 2 Jahre
    Unterwegs
    Von: René Uhler