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    < Neue Brücke, neue Möglichkeiten!

    Durch die Stadt der Türme

    Was in Paris der Eiffelturm, in Bern das Münster und in Luzern die Kappelbrücke, das sind in Bellinzona die Burgen: Wahrzeichen der Stadt – einer Stadt notabene, die mal zu Mailand gehörte und um die wiederum Schweizer wie Franzosen gekämpft haben. Und warum sind in Bellinzona die Strassen rot?


    Die Burgen von Bellinzona sind eine Sensation. Seit dem Jahr 2000 zählen sie zum Weltkulturerbe der UNESCO. Etwa 45‘000 Besucher kommen jährlich ihretwegen in die Stadt, viele davon aus Übersee. Was sie zu sehen bekommen, ist in der Tat erstaunlich. Aus dem natürlichen Fels wachsen die aus tausenden einzelner Steine gebildeten Mauern von Castel Grande, hohe Türme ragen ins Blau des Himmels, der ganze Felshügel ist eine Festung, man geht über gepflasterte Wege, steigt Treppen hoch, Steinstufen, die Mauern der Gebäude sind mit Schiessscharten durchsetzt, oben auf den Mauern die Zinnen, man ist hoch über den Dächern der Stadt, schaut hinunter auf die Fassade der Kollegiatskirche, durch Rundbogen-Tore gelangen wir von Innenhof zu Innenhof, dann erneut auf eine Aussenmauer, eine Ringmauer, und wir sehen, dass diese bis weit hinunter in die Stadt führt, wir folgen ihr, wir gehen auf der Mauerkrone und einmal gar gehen wir in ihrem Innern, wir staunen über die Raffinesse – und so geht das weiter, Castel Grande ist ja erst der Anfang. 

    Schlösser, Burgen, Fantasien 

    In der nächsten, der zweiten Burg von Bellinzona, in Montebello (bis 1490 ausgebaut), sind es der Schlossgraben und die Zugbrücke, die vorab ins Auge stechen. Oder vielleicht müsste man sagen: die unsere Fantasie anregen. Denn, es ist doch so: Burgen und Schlösser – das hat mit Mittelalter zu tun und ergo sind da die Ritter und die Könige, der Held und die Angreifer, die Prinzessin und die geheimnisvolle Kammer im Turm, und da sind der Zwinger und das Verliess! Das ist Stoff, aus dem einst Jugendromane gezimmert worden sind; Ivanhoe und Robin Hood stürmten derartige Burgen. Bei der schweizerischen Variante dieser Geschichten gab es die Eidgenossen mit ihren Schlachten, von Morgarten und Sempach bis Murten; und noch ist’s nicht lange her, als jene Krieger an Schweizer Schulen hoch im Kurs gestanden sind, die Geschichtsbücher der Primarschüler waren reich an Abbildungen von Hellebarde tragenden Schweizern.

    Eine dritte Einladung zum Fantasieren bietet schliesslich die Burg ganz oben am Hang, die Sasso Corbaro; das Castello thront als isolierter, freistehender Horst gut 200 Höhenmeter über der Stadt. Wer zu Fuss hochsteigt, ist ab Altstadt eine halbe Stunde unterwegs, der Aufstieg aber lohnt sich. Wer hier oben steht, geniesst Überblick. Man erkennt den Verlauf der vom Alpenhauptkamm abfliessenden Täler, das sind Korridore, hier (und nirgends sonst) findet der Transit statt, hier laufen die Passrouten von Nufenen, Gotthard, San Bernardino und Lukmanier zusammen, hier mündet die Verbindung von Domodossola via Centovalli in die Ebene von Magadino, hier bei Bellinzona bündeln sich diese Routen zu einem Strang, um sich weiter südlich – um in die Lombardei, um nach Mailand zu gelangen – erneut in verschiedene Achsen aufzuteilen. Und also wird klar, warum diese Talsperre genau hier derart massiv ausgebaut worden ist – und zwar von Mailand, zum Schutz vor den auf Expansion drängenden Schweizern. 

    Alles anders, und wie war es?

    Es gehört zum Faszinierenden von Bellinzona, wie diese «Stadt der Türme» mit ihrer Vergangenheit umgeht. Wir sollten bedenken: als 1803 auf Drängen von Napoleon (dem Herrscher von Frankreich) der Kanton Tessin entstanden und Teil der Schweiz geworden ist, da hatte es für die Castelli von Bellinzona schlecht ausgesehen. Während Castel Grande (vormals «Burg Uri») zwar zeitweilig noch als Gefängnis genutzt wurde, verkamen Montebello (Schloss Schwyz) und Corbaro (Schloss Unterwalden) zu Ruinen; und nur weil der Kanton Tessin damals dafür keine Käufer gefunden hatte, sind sie noch heute im Besitz der öffentlichen Hand. Was die führenden Kräfte dann aber ab 1980 mit ihren Restaurierungen in die Wege leiteten, ist umso erstaunlicher, es ist eine lustvolle Inszenierung. So etwa breitet sich am Fuss von Castel Grande heute die Piazza del Sole aus (früher ein Autoabstellplatz, heute ein Sonnenplatz im wahrsten Sinne des Wortes). Und – um bei diesem einen Beispiel zu bleiben – von eben dieser Piazza del Sole aus gelangen wir zu einem architektonischen Streich, den man ebenfalls gesehen haben muss: eigentlich ist das Ganze bloss ein Spalt im Fels, im Burgfels; aber durch diesen Spalt treten wir ein in eine Katakombe; der Spalt im Fels ist hoch und schmal, man steht davor und erinnert sich an Alibaba und die 40 Räuber; die sind damals auch vor einem Felsen gestanden, hatten Simsalabim geflüstert und siehe da: eine Spalte öffnete sich und sie konnten eintreten. Ähnlich ergeht es uns heute: eine Scharte im Granit gibt uns Durchlass ins Innere des Berges, aber dort in dieser Katakombe treffen wir nicht auf einen Goldschatz sondern auf einen Personenlift; und dieser befördert uns innert Sekunden um 20 Meter in die Höhe, und wie wir ins Freie treten, stehen wir vor den obersten Zinnen von Castel Grande, jener Festung, die Mailand ab 1475 als Schutz vor den Svizzeri hatte ausbauen lassen und die 30 Jahre später dennoch als «Burg Uri» in den Besitzstand der Eidgenossen übergegangen war.

    Mit anderen Worten: ein Besuch der Burgen von Bellinzona kann uns daran erinnern, in welch rascher Folge in Europa politische Gebilde, respektive «Ländereien» entstanden und zerfallen sind. Damals, als die Castelli von Bellinzona erbaut wurden, gab es kein Italien; stattdessen ein Dutzend oder mehr sich konkurrierender (und bekriegender) Republiken und Herzogtümer, zudem den päpstlichen Kirchenstaat, der weit über die Grenzen des heutigen Vatikanstaats herausgereicht hat. Ähnliches galt für Frankreich, Spanien, Österreich. Insbesondere über das Söldnerwesen, bei dem die Herrscher der umliegenden «Länder» Heere von 5000, 6000 Mann aus der Schweiz «ausmieteten», hat die damalige Schweiz bei vielen dieser Verschiebungen aktiv mitgewirkt.

    Zeichen und Bilder lesen

    Gestern, heute, morgen: die Burgen von Bellinzona ermöglichen uns Blicke in alle drei Dimensionen. Und je nach Gusto können wir dabei Details wahrnehmen oder eher nach dem Gesamtüberblick streben. Schauen wir uns etwa eine der Aussenmauern genauer an, fallen die in den vorspringenden Mauerboden eingelassenen Öffnungen auf; der Fachjargon bezeichnet sie als Maschikulis. Sollten Angreifer versuchen, die Burg mittels Leiterangriffen zu erstürmen, konnten die Verteidiger durch diese Öffnungen Steine, Brandsätze und Pech abwerfen – ohne sich dafür über die Mauerbrüstung hinauslehnen zu müssen. Bin ich bei meinen Betrachtungen indes mehr auf Gegenwärtiges bezogen, erkennt mein Auge in der Ebene südlich der Stadt die in die Bergflanke führenden hellen Betonportale des Monte-Ceneri-Eisenbahntunnels, der (als Teil der NEAT) in drei Jahren dem Verkehr übergeben werden soll. Beim Überblicken des von Norden herkommenden, auf der linken Talseite geführten Bahntrasses (darauf verkehren täglich etwa 200 Züge) öffnet mir mein Begleiter, übrigens ein Mitglied des Stadtparlaments von Bellinzona, oben auf der Burg Montebello gar noch einen Blick ins übermorgen: zwar wird momentan (auf die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels hin) der Bahnhof von Bellinzona aufwändig renoviert, aber dereinst – so die Planspiele – dürften die Fernverkehrszüge Bellinzona und Arbedo umfahren, und zwar auf der rechten Talseite, respektive in einem Tunnel zwischen Claro und Giubiasco.

    Apropos Bahnhof Bellinzona: die zur Kollegiatskirche und also zur Altstadt leicht abfallende Viale della Stazione (man benutzte für sie lange Zeit die französische Bezeichnung Boulevard de la Gare) ist seit 1929 (damals lud die Stadt ein zum Eidgenössischen Schützenfest) mit rotem Porphyr-Stein gepflastert. Das sei, so erklärt es mein politisch liberaler Begleiter, dem Gedanken der Französischen Revolution geschuldet, also dem Gedanken des Aufbruchs und der Freiheit. Und wir sehen: dieses liberale Rot (nebst dem Blau) findet sich im Wappen des auf Drängen von Napoleon 1803 gegründeten Kantons Tessin; und das gleiche Rot (nebst dem Blau) findet sich im Wappen der Stadt Paris. Eine andere, nicht zu übersehende Hommage an Paris findet sich übrigens gleich wenige 100 Meter davon: es ist der 13 Meter hohe Obelisk auf der Piazza Indipendenza, im Jubiläumsjahr 1903 hier nach Plänen eines in Paris lebenden Tessiners (Natale Albisetti) aus Tessiner Granit errichtet. Jener auf der Place de la Concorde in Paris ist 22 Meter hoch und wurde 1835 errichtet.

    Ein weiteres Detail: auf der Fassade der Kirche San Rocco auf der Ostseite der Piazza Indipendenza ist ein Mann mit Pilgerstab abgebildet, der mit dem rechten Finger auf eine Stelle an seinem Oberschenkel zeigt. Was es damit auf sich hat? Der Mann mit Pilgerhut zeigt auf eine Wunde, eine Pestwunde an seinem Bein. Er, San Rocco, wurde in Europa einst weitum als Heiler verehrt. Zu seinen Lebezeiten (wahrscheinlich um 1350 in Montpellier/Frankreich geboren), wirkte Rochus als Pestheiler erst in Rom, danach vor allem in Oberitalien, bis Venedig. Und damit nochmals auf die oberste der drei Burgen von Bellinzona: als Reaktion auf die Schlacht bei Giornico (1479, die Eidgenossen belagerten Mailand) liess der Herzog von Mailand die Sasso Corbaro (Schloss Unterwalden) im Eiltempo errichten. Der dazu aus Florenz engagierte Bauingenieur (Benedetto Ferrini) starb kurz vor deren Fertigstellung – an der Pest.


    02.08.2016 11:47 Alter: 1 Jahre
    Ausgabe 2 | 2016, Unterwegs
    Von: Herbert Gruber