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    < Luzia Suda

    Neue Brücke, neue Möglichkeiten!

    Mit ihren 270 Metern gilt die Hängebrücke über das Sementina-Tal als eine der längsten der Schweiz; sie existiert seit einem Jahr. Sie fasziniert Einheimische wie Auswärtige gleichermassen.


    Der Einschnitt, den der Sementina-Bach gegraben hat, ist tief; es ist eine dunkle Schlucht. Die Abhänge auf beiden Seiten sind steil, Bäume und Sträucher klammen sich mit ihren Wurzeln an den Flanken fest, und tief unten schäumen die Wasser der Sementina. Man erzählt, dass früher, vor 60, 70 Jahren, noch irgendwelche verschlungenen Wege bestanden hätten, um von der einen Seite zur anderen zu gelangen. Aber diese hätten das Tal viel höher oben traversiert; also dort, wo der Einschnitt nicht mehr gar so tief ist. Von jenen alten Pfaden ist heute nichts mehr zu sehen. Längst haben die Menschen aufgehört, hier oben Landwirtschaft zu betreiben; die steinigen Böden haben eh nie viel abgeworfen.


    Und nun also diese Brücke! Wo gestern kein Durchkommen mehr war, gibt’s jetzt diese Hängebrücke. Aus Distanz betrachtet, sieht sie aus wie ein Strich in der Landschaft, als wär’s das Hochseil für einen todesmutigen Seiltänzer. Die Dinge aber liegen anders; innert kürzester Zeit hat sich dieser 270 Meter lange und zwischen 81 und 97 Zentimeter breite Steg zu einem Publikumsmagnet gemausert. Nicht wenige kommen extra dieser Hängebrücke wegen hierher; sie lassen sich per Seilbahn von Monte Carasso (Bellinzona) in die (vorzüglich restaurierte) Siedlung Curzutt tragen und erreichen die Brücke auf dem neuangelegten Wanderweg in einer halben Stunde. Indes, es lohnt sich, für diesen Ausflug etwas mehr Zeit zu reservieren. 

    Ein guter Nachmittag

    Gut starten lässt sich der Ausflug in Sementina (260 m), auf der rechten Seite des Ticino. Erst folgen wir westwärts haltend für einen guten Kilometer dem Wanderweg durch die Weinberge, dann geht’s, ein schmales Zubringersträsschen mehrmals querend, recht steil den nun bewaldeten Hang hoch. Eine erste Pause lohnt sich bei der Kapelle von San Defendente (638 m). Anschliessend geht’s, nur noch leicht ansteigend, ostwärts weiter. Vermehrt leuchten nun aus dem Braun und Grün des Kastanienwalds helle, weisse Stämme von Birken heraus. Und wer mag, erheischt durch das Dickicht der Blätter freie Blicke hinaus auf die Magadino-Ebene; und muss erkennen, wie auch diese (Landwirtschafts-)Fläche zunehmend von Bauten überstellt und von Strassen durchkreuzt wird.

    Und dann hängt sie vor einem: die Carasc-Wanderbrücke. Wie eine Banane: beidseitig liegen die Brückenköpfe auf 696 Meter über Meer, in der Mitte aber, an ihrem tiefsten Punkt, hängt die Brücke um 15 Meter tiefer. Und wer dort, in der Mitte dieses 270 Meter langen Stegs, in die Tiefe schaut, steht 130 Meter über dem Bachbett der Sementina. Gewiss, man kann sich über den landesweit zu beobachtenden gegenwärtigen Hängebrücken-Boom wundern (und sich fragen, ob das Wandern solcher Sensationen bedarf), das Werk der hier bei Sementina tätig gewesenen Ingenieure und Bauarbeiter bleibt darob jedoch nicht minder gekonnt – und spektakulär. 

    Pause in Curzutt 

    Auf erneut ansteigendem, gut ausgebauten Pfad erreichen wir, nach diesem Bau aus der Neuzeit, einen Bau aus tiefer Vergangenheit: die Kirche von San Bernardo; sie ist als «Denkmal von nationaler Bedeutung» eingestuft. Äusserlich wirkt sich eher unscheinbar, in ihrem Innern jedoch ist sie fast gänzlich mit Fresken ausgemalt. Sollte sie geschlossen sein, kann der Schlüssel (schier ein Kunstwerk für sich!) im Restaurant des nahen Curzutt bezogen werden.

    Auf der gesamten Route, von Sementina bis hierher, haben die Wegbauer neue Brunnen gebaut. Dennoch kommt einem die Pause in Curzutt sehr gelegen. Zumal dieses Dorf eine Augenweide ist. Und dies ist dem Engagement der Stiftung Curzutt/San Bernardo zu verdanken; mit Hilfe von Bund, Kanton, Gemeinden und privaten Organisationen führt diese Fondazione seit 1996 die Restauration dieser uralten Siedlung voran; dadurch ist aus dem Bauerndorf von gestern ein Feriendorf von heute geworden – und erst noch ein auto-freies! Unterkunftsmöglichkeiten gibt’s hier diverse, darunter auch günstige Angebote für Gruppen/Familien. Und vieles, was Erholungssuchende hier in Anspruch nehmen können (z.B. das Restaurant mit guter Küche!), wird von offiziell arbeitslosen Menschen bereitgestellt: das Projekt Curzutt bietet ihnen Möglichkeiten für Kurzeinsätze. Und der Besucher kann über sie erfahren, wie es sonst noch so ausschaut im Tessin


    20.07.2016 16:56 Alter: 1 Jahre
    Ausgabe 2 | 2016, Unterwegs
    Von: Herbert Gruber