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    Im Wendekreis des Milans

    Einsam und verlassen stünde das Naturfreundehaus Moléson irgendwo hinter den letzten Hügeln des Freiburgerlandes – wäre da nicht Rico Zwahlen. Der Wahlwestschweizer kennt die Region besser als mancher Raubvogel und erzählt, weshalb dieses vergessene Stückchen Schweiz mehr als ein Wendekreis sein sollte.


    Im Wendekreis des Milans

    Einsam und verlassen stünde das Naturfreundehaus Moléson irgendwo hinter den letzten Hügeln des Freiburgerlandes – wäre da nicht Rico Zwahlen. Der Wahlwestschweizer kennt die Region besser als mancher Raubvogel und erzählt, weshalb dieses vergessene Stückchen Schweiz mehr als ein Wendekreis sein sollte.

     

    Siehst du den Milan? Er fliegt jeden Tag hierher und putzt auf dem Dach seine Flügel. In seinen ersten Jahren stellte ich mir vor, dass er sich im Winter weigerte, seine Eltern nach Rimini zu begleiten. Dann legte ich ihm ab und zu ein paar Fleischreste hin. Maintenant il vole de ses propres ailes, wie die Welschen sagen, nun fliegt er mit den eigenen Flügeln.“ Diese Worte stammen von Rico Zwahlen. Er hat noch viele Geschichten dieser Art auf Lager und teilt sie auch gerne mit seinen Gästen, im Chalet le Moléson. 

     

    Seit über 20 Jahren kümmert sich der Hüttenwart um dieses idyllisch gelegene Naturfreundehaus. Trotz der abgelegenen Lage scheint es keinen Mangel an Gästen zu geben, es läuft wie geschmiert. Als Rico das Chalet 1995 übernahm, standen die Zeichen eher schlecht. „S‘hätt alles klapperet“, erinnert sich der Hüttenwart. Ein verlottertes Haus, viele Wechsel beim Personal – schlechte Voraussetzungen für wiederkehrende Gäste. Doch mit Rico strömte frischer Wind ins Chalet und mit ihm auch die Kundschaft. Eine Bedingung stellte Rico damals aber klar: ohne Hüttenwart-Studio übernehme er hier gar nichts, das sei das mindeste. So wurden im ersten Stock zwei Massenlager in ein putziges Studio umgebaut. Zudem wurde auch ein kleines Büro eingerichtet. Eine Investition, die sich lohnen sollte. Denn Rico blieb, und er blieb nicht untätig. Fast im Alleingang erneuerte er den Schopf, reparierte die Stromleitungen, kümmerte sich um Dachschäden – wohl nicht immer suva-tauglich, doch das Haus ist heute in bestem Zustand und das ist nicht zuletzt Rico zu verdanken.

    Pfannen sofort reinigen!

    Im Winter sind meistens Gruppen zu Gast im Moléson. Es lohne sich nicht, das ganze Chalet für weniger als acht Leute einzuheizen, sagt Rico. Deshalb steht in seinem kleinen Studio der einzige elektrische Ofen des Hauses.

     

    Wird das ganze Haus gebucht, so räumt Rico auch mal das Feld und überlässt die Hütte gänzlich den Gästen. Vor allem wenn jüngere Gäste das Haus für ein Wochenende buchen, lässt er sie lieber unter sich. Aber Achtung: Wehe, es steht und liegt nicht alles wieder am selben Plätzchen, wenn der Hüttenwart zurück ist. Deshalb sind die Räume gespickt mit kleinen Bedienungsanleitungen, so dass jeder ohne den Hüttenwart auskommen könnte. Pfannen sofort reinigen, denn es warten noch andere Gäste! Klospülung zehn Sekunden laufen lassen, damit sich auch der nächste Gast ins Klo traut! Bitte nehmen Sie das Holz in Holzkammer 5 (je nach Tag). Würde man jede einzelne Botschaft durchlesen, wäre das Ferienwochenende im Nu vorbei. Immerhin gab es bisher dank Ricos Zettelchen noch nie Probleme. Nur wenn es um den Gasherd geht, scheinen die meisten Gäste dann doch auf die Hilfe des Hüttenwarts angewiesen zu sein. 

     

    Der langjährige Naturfreund scheint auch wirklich jeden zu kennen, der das Haus jemals betreten hat, ob Zwei- oder Vierbeiner. „Im Schopf lebt eine Hermelin-Familie. Im Sommer rufen sie mich. Ich warte dann unten beim Bach und sie kommen mit ihren Jungen baden“, schwärmt Rico. Auch der Fuchs oder die Marder im Schopf-Dach sind bei Rico willkommen. Die Tiere scheinen sich an ihn und an die Hütte gewöhnt zu haben. So wie auch die Freiburger. Seit das Chalet 1920 von der Naturfreunde-Sektion Lausanne auf Freiburger Boden – ausschliesslich mit Materialien aus dem Nachbarskanton – erbaut und benutzt wurde, konnte sich die Lokalbevölkerung nie richtig mit diesem Naturfreundehaus anfreunden. Doch wer Rico kennenlernt, versteht schnell, weshalb diese alte Fehde noch viel tiefer begraben liegt, als das Chalet unter der meterhohen Schneeschicht. 


    Südländische Sitten

    Die Willkommenskultur hat Rico in Marokko aufgeschnappt. Dort führte er jahrelang Skitouren über die verschneiten Gipfel des Hohen Atlas: „Als ich diese Bergkette zum ersten Mal aus dem Flugzeugfenster erblickte, verliebte ich mich sogleich in sie.“ 15 Jahre flog er jeden Winter nach Marokko, um dort als Guide Touristen den Weg zu zeigen. So fanden auch ein paar Tajine-Rezepte in Ricos Kochrepertoire, die er auf Anfrage gerne zubereitet. Kommt man von einer ordentlichen Schneetour zurück, gibt es kaum etwas Schöneres.

     

    Wer einen guten Draht zu Rico findet, kommt mit etwas Glück auch in den Genuss einer geführten Schneeschuhwanderung. Die Region um das Chalet Moléson steht dem Haut-Atlas in seiner Wildheit und Weitsicht in Wenigem nach. Kaum hat man seine Rackets über die Bergschuhe gestülpt, schon findet man sich stapfend in einer prächtigen Landschaft wieder. Gleich hinter dem Haus geht es zunächst stotzig durch märchenhafte Wälder, um dann über schneebedeckte Ebenen auf Bergkuppen zu gelangen. Von hier aus gleitet die Sicht über den Genfersee bis weit hinter die ersten französischen Gipfel.

    Die magische Stille

    Runter geht‘s wesentlich schneller, als würde man eine Rolltreppe hinabsteigen, nur eben zwischen 20 Meter hohen Tannen durch. Und auch Rico legt in seinem stolzen Alter ein beeindruckendes Tempo vor. Vorbei an fast zugeschneiten Wanderwegschildern, über Flächen, wo im Sommer die Kühe weiden, runter ins Tal. Stets umgeben von dieser magischen Stille, die einem in überlaufenen Skigebieten stets verwehrt bleibt.

     

    Sind das Moléson und seine Umgebung unter einer dicken Schneeschicht begraben, scheinen alle Geräusche verschwunden zu sein. Nur wenn jemand nachts im verschachtelten Ganglabyrinth des Chalets auf Klosuche geht, ist es aus mit der Stille. Dann knarrt sich jeder Schritt durch das Gerippe der 100-jährigen Hütte. Doch das kommt selten vor – denn nach einem Tag im Moléson, ist der Schlaf garantiert tief genug.

     

    Abends zieht sich Rico in sein Studio zurück, betrachtet in einem verstaubten Album Fotos aus vergangenen Zeiten, wirft einen Blick auf seine sechs Tajines, die auf einer Kommode stoisch auf ihren nächsten Auftritt warten, und zieht genussvoll an seiner alten Tabakpfeife.

     

    Rico Zwahlen erinnert an den Milan: trotz vieler Flüge in den Süden kam er stets zu diesem wilden Fleckchen Erde zurück, hierhin, verborgen zwischen dem Dent de Lys und dem Lac Léman, zum Naturfreundehaus Moléson.


    12.01.2017 16:03 Alter: 132 Tage
    Ausgabe 4 | 2016, Unterwegs, Aktuelles
    Von: Emanuel Hänsenberger