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    Ein Blick zurück… bis zum Lhotse

    Mit seinen 12 historischen Aufnahmen aus frühen Ausgaben des «Naturfreunds» blickt der NFS-Tischkalender 2017 zurück in die Geschichte der Schweizer Naturfreunde. Auf einem der 12 Fotos sind auch die Erstbesteiger des Lhotse (8516 m) zu sehen – einer davon war Mitglied der Naturfreunde.


     Ein Blick zurück… bis zum Lhotse

    Mit seinen 12 historischen Aufnahmen aus frühen Ausgaben des «Naturfreunds» blickt der NFS-Tischkalender 2017 zurück in die Geschichte der Schweizer Naturfreunde. Auf einem der 12 Fotos sind auch die Erstbesteiger des Lhotse (8516 m) zu sehen – einer davon war Mitglied der Naturfreunde.

    Auf dem in Duplex-Qualität gedruckten Foto zu sehen sind fünf wettergegerbte Bergsteiger in karger, vereister Umgebung; die Hände der Männer stecken in den Taschen ihrer auffallend weit geschnittenen Hosen oder Jacken, vor und neben ihnen verstreut liegen Rucksäcke, Seile, Eispickel. Dieses Foto präsentierte der «Naturfreund» in seiner Winter-Ausgabe des Jahres 1956/57. Zwei der Männer auf dem Bild (es entstand auf 7890 Meter über Meer) haben soeben (am 18. Mai 1956, nachmittags um 15 Uhr) als erste Menschen den Lhotse (8516 m) bestiegen; es sind dies Ernst Reiss und Fritz Luchsinger. Ersterer war Mitglied der Naturfreunde-Sektion Meiringen; zu jener Zeit arbeitete er als Flugzeugmechaniker auf dem Militärflugplatz Unterbach bei Meiringen.

    Ernst Reiss (damals 36-jährig) und Fritz Luchsinger (damals 35, Instruktionsoffizier in Thun) waren Teil der elfköpfigen von der Schweizer Stiftung für alpine Forschung lancierten Expedition mit den Zielen: Erstbesteigung Lhotse und Zweitbesteigung Everest. Die Ziele hat die Expedition bekanntlich mehr als erreicht: nebst dem Erfolg am Lhotse, gelang der Seilschaft Ernst Schmied/Jürg Marmet die Zweitbesteigung des Everest, und Hans-Ruedi von Gunten und Dölf Reist kurz darauf die Drittbesteigung.

    Anreise mit Ochsenkarren 

    Über diese Expedition (unter Leitung des Juristen Albert Eggler aus Brienz, ein Hauptmann der Gebirgstruppen) liegen zahlreiche Berichte vor. Und eben: eines dieser Dokumente, eine 4-seitige Reportage, findet sich in der Winter-
    Ausgabe des «Naturfreunds» aus dem Jahr 1956/57, verfasst von Ernst Reiss persönlich. In jener vor 60 Jahren erschienenen Ausgabe des «Naturfreunds» zu blättern wirkt eigenartig, das Papier des Hefts ist vergilbt, ungewohnt ist das grosse Format des Hefts (25x36 cm); das Eindrucksvollste aber ist der Text von Ernst Reiss. Es erzählt von einer Art des Reisens, die so völlig anders ist. Heute veranschlagen kommerzielle Anbieter für eine Everest-
    Besteigung inklusive An- und Rückreise 50 bis 60 Tage. Damals waren die Bergsteiger dafür viele Monate unterwegs! Was damals am 18. Mai 1956 mit dem Erfolg am Lhotse gekrönt wurde, hatte bereits im Januar mit der Bahnfahrt nach Genua und der anschliessenden Schiffsreise nach Bombay/Indien begonnen. Statt Direktflug eine Schiffsreise! Und danach wochenlang auf dem Landweg. «Bis zur letzten indischen Grenzstation haben wir uns ordentlich an Hitze und Sandstaub gewöhnt, nur die unzähligen Moskitos plagen uns in der Nacht unaufhörlich», notierte Ernst Reiss dazu. Und weiter heisst es: «Am Morgen des 3. März verlassen wir Jaynagar (an der Grenze zu Nepal), begleitet von 22 schwerbeladenen Ochsenkarren durch eine nahezu wüstenartige Landschaft nach Chisopani am Fusse der nepalischen Vorberge. Nach dieser Quälerei von Mensch und Tier bietet ein Flussbad im Kamla höchsten Genuss».

    Der weitere Anmarschweg mit all dem Material (10 Tonnen Gepäck, inklusive Sprengstoff) erfolgte mithilfe von 350 Trägern. «Anfangs führt unsere Nord-Süd-Passage durch das wildreiche Gebiet des Terai, über den Bergrücken bei Basari und nach langem Abstieg zum breiten Sun Khosi. Zwei Einbaumfähren sind vier Stunden lang damit beschäftigt, die ganze Kolonne überzusetzen. Der nächste tausendmetrige Anstieg bringt uns auf die aussichtsreichen Höhenzüge von Manebanjang und weiter zu dem malerischen Bezirkshauptort Okhaldunga. Ähnlich wie vor einigen Tagen überfällt uns vor Mitternacht ein heftiges Gewitter. Die Sahibs (Europäer) springen in den Unterhosen aus den Zelten, damit bessere Verankerungen vorgenommen werden können».

    Via Ringmo und Kloster Taksindu wird 20 Tage nach dem Grenzübertritt in Jaynagar das Dorf Namche Bazar erreicht, Reiss nennt es «das Zermatt des Himalaya», und am 7. April schliesslich erreicht die erste Gruppe der Expedition das Basislager am Fusse des Eisfalls des Khumbu-Westkars. «Drei Wochen wird es dauern», so Ernst Reiss, «bis wir mit vielen künstlichen Brücken und Seilgeländern den Weg zu unserer Hochbasis auf 6500 Meter Höhe am Fusse der Lhotse-Nordwestwand ausgebaut haben, und ebenso lange Zeit wird vergehen, bis wir von den höchsten Lagern in der Nähe des Südsattels den Lhotse oder Everest angehen können».

    Von der EPA bis zu Bhend, Grindelwald… 

    In nachfolgenden Abschnitten erzählt Reiss vom weiteren Vorgehen und selbstverständlich auch vom Tag der eigentlichen Gipfelbesteigung des Lhotse zusammen mit seinem Seilpartner Fritz Luchsinger (der zwei Wochen zuvor noch an einer akuten Blinddarmentzündung erkrankt war). Und er schliesst seinen Bericht mit den Worten: «Auch im Abstieg und auf dem Rückmarsch sind wir von grossem Glück beschert; ohne Unfall und voller Freude geht es mit jedem Tag der Heimat näher».

    Übrigens: einer der wichtigsten Geldgeber der 1956er-Expedition war die «Einheitspreis AG», respektive das von Karl Weber geleitete Warenhaus EPA. Die Ära dieses Hauses ist längst vorbei; ältere Naturfreunde indes erinnern sich bestens an die EPA. Sie steht für eine Zeit, als man noch einkaufen und nicht shoppen ging. Vorbei ist im Weiteren auch die hohe Zeit der «Bhend-Pickel»: der auf dem Lhotse-Foto zu sehende Eispickel ist ein solcher, hergestellt im Familienunternehmen von Alfred Bhend, Grindelwald. Das Unternehmen Bhend gibt’s zwar noch, aber der Alpinist von heute verwendet gänzlich andere Pickel; die traditionellen Bhend-Pickel (mit dem langem Stiel aus Eschenholz) indes sind Sache eingeschworener Liebhaber.


    12.01.2017 16:16 Alter: 132 Tage
    Ausgabe 4 | 2016, Natur erleben, Aktuelles