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    Standpunkt

    UMWELT UND POLITIK


    HANS-GERD MARIAN, NATURFREUNDE DEUTSCHLAND

    Naturfreund sein, heißt politisch sein

    „Gemeinsam würden sie in einen Reisebus passen, die 62 Milliardäre, die zu Beginn dieses Jahres zusammen so viel besaßen wie die komplette ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – immerhin etwa 3,5 Milliarden Menschen. Im Vorjahr hätte man noch 80 Superreiche gebraucht, um die Waage zu ihren Gunsten ausschlagen zu lassen. Wenn der Trend so weiter geht, reicht am Ende des Jahrzehnts ein Kleinbus.

    Das Geld dieser Superreichen stammt aus multinationalen Konzernen, die kaum Steuern zahlen, aus dem Verkauf von Waffen, aus dem Schüren von Kriegen, aus der Ausbeutung von Frauen, Kindern und Männern rund um den Globus und aus der grenzenlosen Ausplünderung der Natur.

    Bei schreiend ungerechten Verhältnissen wird man leicht zum Sozialisten. Dennoch klingt das Bekenntnis der NaturFreunde, dass sie den Idealen des demokratischen Sozialismus verpflichtet sind, oft nur verschämt. Warum denn eigentlich?

    Politisch zu sein heißt, Zusammenhänge zu erkennen und die Verhältnisse grundlegend verändern zu wollen. Im Kapitalismus geht es immer darum, auf das eingesetzte und stets wachsende Kapital einen neuen Profit zu generieren. Kapitalismus ist das Regime der Kurzfristigkeit schlechthin. Nachhaltigkeit aber setzt darauf, wirtschaftliche Entwicklung dauerhaft mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit zu verbinden. Solidarität und Nachhaltigkeit sind für die NaturFreunde zentrale Werte, die wir in unseren Gruppen und Naturfreundehäusern leben wollen.

    Wenn uns etwas von anderen Naturschützern und Natursportlern unterscheidet, dann unser Anspruch, politisch zu wirken, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Darauf können die NaturFreunde stolz sein, müssen den Anspruch aber auch im Tagesgeschäft einlösen – und nicht nur im Rückblick der Sonntagsreden auf vergangene Zeiten.“

    Diese Zeilen schrieb ich in einer der letzten Ausgaben der NATURFREUNDiN, dem Mitgliedermagazin der NaturFreunde Deutschlands. Ich erhielt dafür viel Zuspruch aus unserer Mitgliedschaft. Die Zeiten ändern sich und werden wieder politischer. 

     

    Die Naturfreunde sind als Selbsthilfeorganisation entstanden und verstanden sich als proletarische Gegengründung zum elitären, klar rechts und völkisch ausgerichteten Alpenverein, auf dessen Hütten schon 1923 die ersten Hakenkreuzfahnen wehten. Damit waren sie an ein Milieu gebunden, in dem Parteien der Arbeiterbewegung, Gewerkschaft und Naturfreunde zusammenwirkten. Mit der Veränderung der Verhältnisse hin zu einer „Erlebnisgesellschaft“ mit zunehmend individualisierten Lebensentwürfen ab den achtziger Jahren, der Durchökonomisierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und dem Angriff des Neoliberalismus auf den Sozialstaat veränderten sich die Bedingungen grundlegend.

    Der politische Freizeitverband 

    Einen Einblick in Schweizer Verhältnisse erhielt ich damals während einer Ausbildung am Verbandsmanagementinstitut in Freiburg. Dort ging es grundlegend darum, dass Organisationen wie etwa der SAC erst einmal ihre Positionierung klären müssten, wenn sie auf einem breit gefächerten Verbände- und Freizeitmarkt punkten wollten. Ich weiß nicht, wie es dem SAC seither ergangen ist, aber der Deutsche Alpenverein hat sich von seinen Standesdünkeln befreit und sich als die Dienstleistungsorganisation rund um die Berge klar positioniert und profiliert. 

     

    Nun wäre es ein Trugschluss, wenn die Naturfreunde ihre politische Ausrichtung ablegten, in der Hoffnung, als unpolitischer Dienstleister weniger anzuecken. Die Positionierung und ein potentielles Alleinstellungsmerkmal der Naturfreunde liegen genau darin, zu betonen, der politische Freizeitverband zu sein. Nachhaltigkeit und Solidarität sind die Werte der Naturfreunde, die zur Geschichte des Verbandes passen. Warum sollte jemand Hüttendienst leisten, wenn es nur um eine Dienstleistung ginge, die sich jemand kaufen kann? Es spricht nichts dagegen, in unseren Angeboten Kunden- und Dienstleistungsorientierung einzufordern. Aber wir verkaufen in unseren Naturfreundehäusern nicht zuerst Betten und Schlafplätze, sondern Werte und Lebensgefühl. 

     

    Während die Bindungskraft des Milieus, aus dem die Naturfreunde stammen, abnimmt, bleiben die Naturfreunde zu milieugebunden. Hier liegt eine Herausforderung für die Organisation. Die Naturfreunde müssen sich stärker öffnen, wenn sie gesellschaftlich eine Rolle spielen wollen. Unter jungen Leuten ist die Suche nach nachhaltigen Lebensstilen und nach Gemeinwohl verbreitet. Und viele, die ihr Arbeitspensum in der kapitalistischen Effizienzmaschine fast abgeleistet haben, spüren in ihrem sechsten Lebensjahrzehnt, dass da noch was Anderes kommen sollte. Hier können wir anknüpfen und für eine demokratische Transformation der Gesellschaft werben.

    Privatisierte Natur? 

    „Berg frei!“ ist der Gruß der Naturfreunde seit 1895. Auch heute geht es um die Frage, ob Natur privatisiert wird oder der Allgemeinheit zur Verfügung steht. Die Errichtung eines Nationalparks im Teutoburger Wald (Nordrhein-Westfalen) scheiterte an einem Waldbesitzer, der trotz der Fürstenenteignung von 1926 die Hälfte des Gebietes besitzt, um dessen Unterschutzstellung es gehen sollte. Der Weg der Naturfreunde ist noch nicht abgeschritten.

     

    Die Naturfreunde waren von Anfang an international gesinnt. Die Blochers, Hofers und Petrys können uns deshalb nicht gleichgültig sein. Wenn deutsche, österreichische und Schweizer Neonazis im Toggenburg gemeinsam „abhitlern“, sollten die Naturfreunde dem etwas entgegensetzen.

     

    Der Bundesvorsitzende der NaturFreunde Deutschlands ist ein Sozialdemokrat wie auch ich einer bin. Deswegen sind die Naturfreunde kein Teil der SPD und es hindert uns nicht, als Naturfreunde deren immer noch neoliberal angehauchte Wachstums- und Freihandelspolitik zu kritisieren. Wir sind nicht parteipolitisch als Naturfreunde, aber eben politisch. Wer sich auf den „Blümliverein“ reduzieren lässt, wird in Zukunft keine Rolle spielen.

     

    Hans-Gerd Marian*

     

    Bundesgeschäftsführer der Naturfreunde Deutschlands

     

    *Hans-Gerd Marian, Bundesgeschäftsführer der NF-Deutschland, 1958 geboren, Diplom-Fundraiser, Historiker, Studium an den Universitäten Bochum und Freiburg (Schweiz).

    REINHARD DAYER, NATURFREUNDE ÖSTERREICH

     

    Sollen die Naturfreunde politisch sein?

    Ich bedanke mich für die Einladung zu dieser Frage aus Sicht der Naturfreunde Österreich Stellung zu nehmen, wird sie im Rahmen der Naturfreunde-Landesverbände doch sehr unterschiedlich gesehen und praktiziert.

    In Österreich sind die Naturfreunde der große alpine Freizeit- und Umweltverein. Wir leben ein modernes Statut, ein Leitbild und passen unsere Ziele stets neuen gesellschaftlichen Herausforderungen an. Unsere Mission „Wir leben Natur“ bringt schon zum Ausdruck, dass die Aufgaben der Naturfreunde in der Förderung und Ausübung des Berg- und naturnahen Freizeitsports unter ökologischen Rahmenbedingungen und auf Basis qualitativ hochwertiger Ausbildung liegen.

    Wenn man ernsthaft in diesen gesellschaftlich relevanten Bereichen tätig sein will – und das tun die Österreichischen Naturfreunde – dann ergibt sich sehr rasch die Notwendigkeit für zielorientiertes politisches Handeln. So sind wir zum Beispiel ständig gefordert, den Begehrlichkeiten der Wirtschaft nach weiteren ungezügelten technischen Erschließungen unserer Landschaft mit Lift- und Seilbahnanlagen für noch größere Skigebiete Einhalt zu gebieten, Angriffe auf Naturschutzgebiete abzuwehren und zu verhindern, dass Erholung suchende Menschen, damit vor allem unsere Mitglieder, aus dem Wald und der Natur ausgesperrt werden. Grundbesitzer und Jäger, unterstützt von ihren Interessensvertretungen, sind in Österreich eine mächtige Lobby und unsere Gegner beim Kampf um das freie Wegerecht im Wald und in Alpin-Regionen. So konnten wir vor wenigen Wochen einen geplanten Anschlag eines Ministeriums auf das Forstgesetz durch medialen und politischen Druck mit Erfolg abwehren. Unsere Kampagne „Freie Fahrt für RadfahrerInnen auf Forststraßen“ werden wir so lange auf der Agenda haben, bis wir das Ziel klarer gesetzlicher Regelungen erreicht haben. Und ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, dass die Naturfreunde Österreich mit anderen Interessensgruppen den Bau von Großkraftwerken im Alpenraum verhindert und die Schaffung von Nationalparks durchgesetzt haben. Natürlich setzen wir uns aktuell auch dafür ein, den Klimawandel abzubremsen und fordern, dass die Wirtschaft ressourcenschonend und nachhaltig gestaltet wird. Bei unseren 150 Hütten und Häusern leisten wir als nicht unwesentlicher Wirtschaftsbetrieb auch selbst Beiträge zum Klimaschutz.

    An diesen Beispielen, die ich beliebig fortsetzen könnte, möchte ich zeigen wie sehr die Arbeit der Naturfreunde in Österreich als moderne Freizeit- und Outdoor-Organisation mit politischer Arbeit und sozialem Engagement für weniger privilegierte Gruppen in unserer Gesellschaft verbunden ist. Wir sind stolz darauf, Dienstleister zu sein, weil wir uns mit den Wünschen und Bedürfnissen bestimmter Bevölkerungsgruppen und unserer Mitglieder identifizieren, diese aufgreifen und uns intensiv für die reale politische Umsetzung im Rahmen unserer statutarischen Ziele und Aufgaben einsetzen.

    Um in der Öffentlichkeit und auf politischer Ebene in den Gemeinden sowie in den Parlamenten auf Landes- und Bundesebene überhaupt wahr- und ernstgenommen zu werden, bedarf es großer Kompetenz, die man sich über einen langen Zeitraum inhaltlich und personell glaubwürdig und mit entsprechender Mitgliederstärke erarbeiten muss.

    Ich bekenne mich also ganz eindeutig dazu, dass die Naturfreunde natürlich politisch agieren müssen.
    Ich bin allerdings auch davon überzeugt, dass die Naturfreunde in keinem nationalen Landesverband über die inhaltlichen, personellen, organisatorischen und finanziellen Ressourcen verfügen, um zu allen nationalen und internationalen politischen Themen und Problemen unserer Zeit Stellung zu nehmen. Eher sind das persönliche Eitelkeiten zu Lasten eines eindeutigen Profils der Naturfreunde. Die Botschaften müssen glaubwürdig und unverwechselbar der Naturfreundeorganisation zuordenbar sein und sollten Alleinstellungsmerkmale aufweisen.

    Mein Resümee: Politik ist Dienstleistung am Menschen. Glaubwürdig an den inhaltlichen Kernthemen der Naturfreunde orientiert, war politische Arbeit in unserem Verein in der Vergangenheit erfolgreich und wird es auch in Zukunft sein.

    Alles Gute den Naturfreundinnen und Naturfreunden in der Schweiz!

    Ein herzliches Berg frei

    Reinhard Dayer

     

    Bundesgeschäftsführer
    der Naturfreunde Österreichs

     

    Reinhard Dayer, 1953 geboren, seit 1983 Bundesgeschäftsführer der NF-
    Österreichs. Gut 20 Jahre lang engagierte er sich zudem in der Kommunal-
    politik, davon neun Jahre als Bürgermeister.


    12.01.2017 16:19 Alter: 334 Tage
    Naturfreunde aktiv