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    Ans Meer radeln

    Radeln, radeln, Tag für Tag, bis zum Atlantik. Bordeaux als Ziel. Es zieht einem hin, magnetisch. Die Fahrt führt durchs ländliche Frankreich – teilweise auch auf dem Weg der Jakobspilger.


    Ans Meer radeln

    Radeln, radeln, Tag für Tag, bis zum Atlantik. Bordeaux als Ziel. Es zieht einem hin, magnetisch. Die Fahrt führt durchs ländliche Frankreich – teilweise auch auf dem Weg der Jakobspilger.

    Man ist nicht Don Quijote und mag nicht gegen Windmühlen ankämpfen – ergo besteigt man im Bahnhof Lyon abermals einen Zug und lässt die Agglomeration hinter sich. In Givors, 20 km südlich von Lyon, endlich in die Pedalen – und in der Nachmittagshitze das Einrollen in St. Etienne, der Hauptstadt des Departements Loire. 

    Bas-en-Basset ist kein extraordinäres Dorf; aber dort gibt’s einen Campingplatz. Fünf Euro für die Nacht, das Zelt direkt hinter dem Erdwall der träge vorbeifliessenden Loire. Extra für den weit nach 20 Uhr eintreffenden Radler aus der Schweiz liess die Frau am Empfang (als Büro diente ihr ein stickig-heisser Wohnwagen) die Dusch-Kabinen noch einen Moment länger offen. Und – zur Einstimmung aufs ländliche Frankreich bestens geeignet – jeweils mittwochs und sonntags gibt’s in Bas-en-Basset einen Markt: vom Frotteetuch, den Pistazien bis zu frischem Gemüse findet man dort so ziemlich alles.

    Nein, mit Fistelstimme hatte die 66-jährige Frau vom Campingplatz nicht gesprochen. Im Gegenteil. Ihre Stimme klang rau; da machte sich wohl auch der Einfluss der einen oder anderen Zigarette bemerkbar. Und es war etwas Derbes in ihren Witzeleien, eher laut als leise. Und auch ihr Aussehen wirkte ungehobelt. Aber herzhaft war sie! Unkompliziert und erfrischend unversnobt – bienvenue en France rural!

    Le Puy, Gorge d’Ailler, Aubrac 

    Irgendwann während so einer Fahrt bildet sich aus den überaus zahlreich aufgenommenen Begegnungen mit Menschen und den Anblicken von Dörfern und Städtchen ein Puzzle. Gewiss, es liesse sich auch im Nachhinein problemlos in seine Einzelteile zurückverfolgen, dazu helfen einem die Strassenkarte und die Notizen im Logbuch, aber man lässt die Eindrücke ineinanderfliessen – so wie aus den vom Pianisten einzeln angeschlagenen Tönen eine Ode entsteht.

    Herausragend: man schaut zurück auf die Stadt Le Puy mit ihrer bis ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Kathedrale (sie gehört zum Unesco-Weltkulturerbe). Ein grandioser Ort. Seit dem Mittelalter bereits ein Treffpunkt von Jakobspilgern (auf ihrem Weg nach Santiago). Man staunt über die unübersehbare Botschaft dieser Stadt: dies hier ist Christenland! Zuoberst auf jedem der Stadthügel, respektive auf jedem dieser schlank in den Himmel ragenden Vulkanschlote thront ein christliches Wahrzeichen: sei’s die Kirche St-Michel d’Aiguilhe (Heiliger Michael auf der Nadel) oder, auf dem Rocher Corneille, die 16 Meter hohe Marien-Statue, die Notre-Dame de France – gegossen aus dem Metall über 200 eingeschmolzener, im Krimkrieg (1853-56) erbeuteter Kanonen.

    Dann wieder ist der Radler draussen, umgeben von Weideland, weit und breit kein Haus, Zeit zum Sinnieren, auch über die Vergänglichkeit religiöser Wahrzeichen; Rinder heben ihre Köpfe, halten für einen Moment inne, man blickt in ihre grossen Augen, lässt die Tiere stehen, radelt weiter. Auf schweisstreibende Aufstiege (z.B. nach Montbonnet, 1108 m) folgen rasante Abfahrten (nach Monistrol, 550 m, in der Gorges d’Ailler), um unvermittelt in erneute Aufstiege überzugehen (z.B. nach S-Roche, 1300 m). In der Nachmittagshitze dösen Weiler und Dörfer vor sich hin, selbst Saugues (953 m) erscheint wie ausgestorben. Braut sich in der schwülen Hitze ein Gewitter zusammen, umschwirren schwarze Fliegen den Radler, im Aufstieg ist man zu langsam, um ihnen zu entfliehen.

    Baumlos, rauh und weit ist die Hochebene des Aubrac. Kilometer weit ziehen sich uralte Trockensteinmauern über die kargen Weiden. In der Ferne vor einem geht das Grün des Graslandes ins Bläuliche über, am Horizont werden Land und Himmel eins. In den Cafés und Bistros der Ortschaften zieren Landschaftsgemälde und Fotos der heimischen Fauna die Wände, das Vieh auf den kargen Weiden trägt Hörner, man erzählt Geschichten über die Jagd, im Dorfladen von Nasbinals gibt’s Käse und gutes Brot, man isst währschaft, und das Wasser an den Dorfbrunnen mit den steinernen Umrandungen sprudelt frisch – kurzum, ein Paradies für Radler.

    St-Côme, Estaing, Conques 

    Irgendwann ging’s dann nur noch runter, Kilometer um Kilometer (mit einem Gefälle von 8%), und man realisiert, wie hoch oben man gewesen ist. Der Col d’Aubrac scheitelt auf 1340 m, St-Côme-d’Olt aber, dieses 1300-Seelen-Städtchen mit seinen drei Stadttoren und der gotischen Kathedrale, liegt noch auf gut 300 Metern. Wenige Kilometer flussabwärts, ebenfalls direkt am Lot, finden sich mit Espalion (mit gotischer Bogenbrücke) und Estaing gleich zwei weitere Schmuckstücke; den wohl schönsten Anblick auf das pittoreske Estaing bietet sich bei der Anfahrt über die linksufrig verlaufende D100. Übrigens, das auf dem Hügel, neben der Kirche thronende und das Städtchen dominierende Château d’Estaing ist seit 2005 im Besitz des früheren Staatspräsidenten Valery Giscard d’Estaing. Und zudem: «Olt» (siehe St-Côme-d’Olt) steht in der hier im Süden Frankreichs verbreiteten okzitanischen Sprache für Lot (den Namen des Flusses). Wer dem Klang dieser Sprache nicht im Bistro hat lauschen können, findet sie zumindest in schriftlicher Form auf den Strassen- und Ortsschildern: diese sind oft zweisprachig.

    Verglichen zum Aubrac wirkt die Landschaft hier unten üppig, das ist kein Weideland mehr, hier steht der Mais mannshoch und die Abhänge sind von Laubwald (viele Kastanien) überzogen, man überquert Bäche und radelt entlang von Bächen, und just an so einem grünen Abhang klebt das heute autofreie Conques (auf Okzitanisch: Concas): es ist ein Jahrhunderte alter Wallfahrtsort (nachdem im Jahr 866 die sterblichen Überreste der Heiligen Fides, die als junges Mädchen in Agen enthauptet worden ist, in einem Reliquienschrein hierher in Sicherheit gebracht worden sind). In den Sommermonaten machen Dutzende Jakobspilger hier Station und stehen abends staunend vor dem Jüngsten Gericht, respektive vor dem Tympanon über dem Haupteingang zur Kathedrale. Je länger man im Umfeld der Klosterkirche Sainte-Foy von Conques verweilt, umso eindrücklicher nimmt man’s wahr: hier, in diesem abgelegenen Dorf in den Hügeln des Aveyron, inszeniert sich das Christliche, das Katholische. Hier wird erlebbar, dass dieses Katholische mehr ist als ein Ethikprogramm, mehr als Political Correctness; es ist (auch) ein Kult, ein gemeinschaftlich gepflegter Kult mit eigener Riten, mit eigener Musik, eigener Architektur, mit eigenen Texten und Geschichten und klar zugeteilten Farben und Formen.

    Finale am Canal de la Garorne

    Von Cajarc am Lot (152 m) steigt die Strasse, durch trockenen Eichenwald und später dichte Macchie führend, hinauf nach Limoghe (320 m). Jeweils donnerstags und sonntags gibt’s dort in den Strassen vor der Dorfkirche (bis 13 Uhr) den Markt mit seinem reichen Angebot an regionalen, kulinarischen Köstlichkeiten. Und in diesem Limoghe war es, wo einem ein Rentner aus Grenoble (er war erst 60) seine Narben an Schultern und Knie zeigte: Spuren eines Velounfalls. 40 Tage lang habe er nach dem Unfall bewegungslos auf einem Schragen gelegen. Er, der zuvor mit seinem Rennvelo über sämtliche Savoyer-Strassen-Pässe geradelt ist, inklusive Col du Gabilier (2642 m). Mittlerweile, so sagt er, möchte er lieber mal mit Sack und Pack im Ausland auf Velotour gehen; aber er getraue sich nicht – weil er keine Fremdsprachen beherrsche.

    Und dann ist Schluss mit all den Steigungen: 173 km nach Conques ist Moissac mit seiner 350 Meter langen Kanalbrücke erreicht (ein vor bald 200 Jahren für den Warentransport erbauter Kanal führt über den Fluss Tarn). Von dort geht’s auf den Veloweg entlang des Canal de la Garonne; dieser verbindet Toulouse mit Bordeaux. Als Reiseradler ist man hier im Ferienland, alles flach, keine Autos, kein Verkehr, kein Lärm, nur noch diese Allee mit dem zwischen Baumreihen träge dahinfliessendes Wasser des Kanals, ab und zu ein Boot und eine Schleuse, grüne Beschaulichkeit. Wobei die Illusion des konfliktfreien Lebens auch hier hauchdünn ist; bei Valence (nur wenige Kilometer vor Agen, wo übrigens die in Conques verehrte Fides geboren und umgebracht wurde) stossen zwei AKW-Meiler unaufhörlich gewaltige Dampfwolken in den Himmel.

    Bei La Réole (Zeltplatz) schliesslich ist’s fertig mit der Kanalfahrt; dort führt eine Hängebrücke über die Garonne, und Radler benutzen ab hier mit Vorteil die Nebenstrassen via Sauveterre, Créon und Latresne – um in einer letzten gemütlichen Tagesetappe (ca. 60 km) nach Bordeaux zu gelangen. Bis zum Atlantik sind’s dann bloss noch 60, 70 Kilometer.

    Der Spuk mit pochendem Puls

    Einmal, noch vor Le Puy, wolkenloser blauer Himmel, die Strasse parallel zur Loire, auf der Karte ist sie als D-103 rot eingezeichnet. Einer Schlange gleich zog sich das Asphaltband in diesem engen Tal dahin, links davon und leicht erhöht das nicht minder schwungvoll angelegte Trassee der Eisenbahn – insgesamt eine elegante Anlage. Aber für den gemächlich dahinrollenden Reiseradler eine Dimension zu gross. Für solche Strassen ist man als Senior zu langsam unterwegs. Die Kurven sind zu weit, zu langgezogen; man hat nicht das Tempo, für das sie angelegt sind. Und just da passierte es: urplötzlich war es da, kam von hinten, ein Surren, noch unerkannt, innert Sekunden war’s Realität, dazu Stimmen, Wortfetzen, Männerstimmen. Und schon waren sie links von mir, ein Pulk von Rennradlern, in hautengen, farbstarken Veloshirts; sie zogen an mir vorbei als würden sie fliegen; zwei drei Grussworte, alles in Windeseile. Es sind 20, 25 Radler. Und mir blitzt der Entscheid im Kopf: jetzt anhängen! Ich trete voll in die Pedale, schaffe es ans Hinterrad des letzten von ihnen; wir sausen dahin, mit 40, 42 km/h, ich am Limit, der Blick geheftet ans Rad vor mir, zwei drei Zentimeter Abstand, jetzt nicht lockerlassen, dranbleiben.

    Wie lange dies gedauert hatte? Nicht lange, vielleicht zehn, zwölf Minuten. Aber sie waren endlos. Bereits ab den ersten Sekunden war klar: lange würde ich nicht mithalten können. Es war ein Spuk, mit Pulsschlag 180. Diese Dominanz der Radler, ohne jeglichen Zweifel, war berauschend: wie ein Trupp hatten sie die gesamte Breite der Strasse eingenommen, im Schwarm schwirrten sie entlang der Stützmauern des Eisenbahntrassees; zu dritt und zu viert sausten sie nebeneinander dahin, einmal hatte mir einer von ihnen mit der Hand auf den Rücken geklopft und mir ein Grinsen geschenkt, mir fehlte der Atem für Worte, aber ich sah, wie an der Spitze des Pulks die Fahrer einander abwechselten, und dies – so schien es – vollzog sich jeweils ohne jegliche Hektik, als würde der Fahrer bloss leicht nach links driften und sich dann nach vorne schieben. Sonnenverbrannte, muselbepackte Beine pedalten in hoher Übersetzung. Ein Ballett auf der Strasse, ein Ballett der Kraft und des Elans – aber so rund und elegant wie ein gut getanzter Walzer.


    30.03.2017 10:44 Alter: 180 Tage
    Ausgabe 1 | 2017, Unterwegs
    Von: Herbert Gruber