Das Neuste auf Instagram
Inserate
    < Ans Meer radeln

    Aussteigen statt bloss umsteigen

    Deutschschweizer lassen Sion, die Hauptstadt des Kantons Wallis, meist links liegen; es zieht sie in die Seitentäler, nach Zinal, Grimentz, Nendaz. Dabei gibt’s mindestens sieben gute Gründe, in Sion einen Halt einzulegen.


    Aussteigen statt bloss umsteigen

    Deutschschweizer lassen Sion, die Hauptstadt des Kantons Wallis, meist links liegen; es zieht sie in die Seitentäler, nach Zinal, Grimentz, Nendaz. Dabei gibt’s mindestens sieben gute Gründe, in Sion einen Halt einzulegen.

     

    Selbstverständlich zählen die beiden Burghügel, die Valeria mit der ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Bischofs-kirche und die Tourbillon, zu den triftigsten Gründen für einen Halt in Sion. Aber davon später, hier sei ein anderer vorweggenommen: es sind die Beizen. In Sion gibt’s diesbezüglich wahre Schmuckstücke. Kleine Cafés, wo man sich zum Apero trifft und wo die über Jahre gereifte Innen-Ausstattung wie ein Geschichtsbuch der hier verkehrenden Stammgäste zu lesen ist. Was da an Bildern, Fotos und sonstigem Strandgut zu entdecken ist, belebt – und ist vielleicht der Schlüssel für ein Gespräch mit dem Tischnachbarn. Eines dieser (Altstadt-)Cafés ist das Grenette an der Rue du Grand-Pont (beim sehenswerten Rathaus); und direkt gegenüber serviert das Croix fédérale feinste Käsespezialitäten (Raclette!); es ist dies übrigens ein Stammlokal der Naturfreunde der Sektion Sion. Ebenfalls an der Grand-Pont lädt die Oentothek Le verre à pied zu Degustationen ein; und gutes Essen gibt’s unweit davon in der Brasserie du Grand-Pont.

    Zweiter Grund

    Ein zweiter Grund für einen Halt in Sion: der Wakkerpreis. Sion hat diese Ehrung durch den Schweizer Heimatschutz im 2013 erhalten. Wer damit indes kleine schmucke Häuschen mit roten Geranien in Blumenkistchen assoziiert, liegt falsch. Vielmehr gewürdigt wurde die Neugestaltung des öffentlichen Raums. So etwa ist die Place du Midi heute eine autofreie, von Bäumen gesäumte Strasse; wie viel damit an Lebensqualität gewonnen worden ist, wissen jene zu würdigen, die sich an die Verhältnisse erinnern, die hier bis 1999 geherrscht haben. Ähnliche Aufwertungen erfahren haben seither auch die Espace des Remparts, die Rue du Grand-Pont, die Rue de Lausanne und die Place Maurice Zermatten.

    Dritter Grund

    Ein dritter Grund für einen Halt in Sion ist der (wiedererstandene) Wochenmarkt. Unter Deutschschweizern (insbesondere von GA-Besitzern) liegt diesbezüglich ja vor allem der Samstagsmarkt von Domodossola im Trend. Der Freitagsmarkt von Sion mag diesem von der Dimension her zwar nicht ganz die Stange zu halten, vom Charme her aber sehr wohl. Für Touristen bietet der Markt von Sion eine hervorragende Gelegenheit, die besten Erzeugnisse aus der Walliser Landwirtschaft – vom Käse und Fleisch bis zum Wein und Obstsaft – in einem ansprechenden Ambiente kennen zu lernen. Der Freitagsmarkt in der Altstadt von Sion (jeweils bis 14 Uhr) ist die Reise auf jeden Fall wert.

    Vierter Grund

    Ein vierter Grund für einen Halt in Sion ist die Musik: oben auf der Valeria, in der Basilika Notre Dame findet sich – so betonen es die Sittener mit sichtlichem Stolz – die älteste noch bespielbare Orgel der Welt. Sie dürfte ums Jahr 1430 erbaut worden sein; gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde sie zudem um einige Register erweitert. Dank regelmässiger Restaurierungen hat sie nicht nur ihr Aussehen sondern auch ihren Wohlklang behalten. Im Sommer 2017 findet hier die 48. Ausgabe des Orgel-Festivals mit renommierten Organisten statt.

    Fünfter Grund

    Ein fünfter Grund für einen Halt in Sion sind die Suonen, diese uralten künstlich angelegten Wasserleitungen, die das Wasser der Gebirgsbäche in die Dörfer brachten und den Bauern zur Bewässerung ihrer Besitztümer dienten. Noch vor 100 Jahren waren im Wallis 300 solcher Suonen mit einer Gesamtlänge von 2000 km in Betrieb. Als ab den 1950er Jahren zusehends «moderne» Wasserleitungen aufkamen, wurde der Unterhalt der historischen Kanäle vernachlässigt, viele wurden aufgegeben. In neuster Zeit erleben sie, durch den Tourismus, eine Art Renaissance; eine dieser Suonen ist die anno 1453 angelegte Bisse de Claveau. Sie nimmt bei Icogne (1026 m) die Wasser der Lienne auf und führt nach Sion (491 m). Diese Suone ist noch heute im Betrieb; sie durchfliesst eine mit Trockensteinmauern gestützte spektakuläre Terrassenlandschaft und bewässert die Weinberge von Ayent, Grimisuat und Sion. Und wie bei anderen Suonen, so dient auch der parallel zur Bisse de Claveau führende Kontrollweg heute als Wanderweg; er bietet einzigartige Ausblicke! Iscogne, als Ausgangsort (oder Zielort) dieser Suonenwanderung (13, 5 km), ist ab Sion per Postauto erreichbar.

    Sechster Grund

    Ein sechster Grund für einen Halt in Sion ist – selbstverständlich die Kirchenburg der Valeria! Sie ist das urtümlichste Wahrzeichen der Stadt, sie überragt alles, man sieht sie von weit, sogar bereits von Leuk aus. Deren Kernstück ist die Basilika Notre Dame, sukzessive erbaut zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Umgeben ist die zuoberst auf dem Felsrücken thronende Kirche von einer Ansammlung weiterer Gebäude; allesamt aus lokalem Stein erbaut und allesamt in diesem erdig graubraunen Farbton – es ist ein stimmiges Ensemble. Wer etwas begreifen möchte von der Geschichte dieser Stadt (und dieses Kantons, der 1815 zur Eidgenossenschaft gestossen ist), ist auf der Valeria an der besten Adresse. Das hier in den ehemaligen Wohngebäuden der Chorherren eingerichtete kantonale Geschichtsmuseum erzählt von alten und neuen Kämpfen in diesem Land (auch mit Schneekanonen), es erinnert an alte mächtige Walliser Herren (zu denen etwa der schillernde Bischof Mattäus Schiner und sein Gegenspieler George Supersaxo gehörten), und mit seinen Grab-Stelen mahnt es daran, dass Sion als eine der wichtigsten Fundstellen der jüngeren Steinzeit im gesamten Alpenraum gilt.

    Siebter Grund

    Ein siebter Grund für einen Halt in Sion ist die Burg Tourbillon. Im Vergleich zur Valeria hat diese wehrhaft und trutzig wirkende Anlagen – sie stammt aus dem 13. Jahrhundert – bezüglich Bausubstanz zwar weniger zu bieten, indes ergeben sich von dort oben weite Ausblicke aufs Rhonetal und auf diese beidseitig von Bergen umgebene Stadt; es ist eine moderne und geschichtsträchtige Stadt, mit einem herben Charakter. Und da man von hier oben so schön den Überblick hat, sei noch vermerkt: unten in der Altstadt, im Untergrund der Theoduls-Kirche (hier treffen sich vor allem die deutschsprachigen Walliser) wurden Überreste einer römischen Badeanlage freigelegt. Im Rahmen einer offiziellen Stadtführung kann auch diese Anlage besichtigt werden. Übrigens: Theodul gilt als erster Bischof des Wallis; er ist Landespatron des Kantons Wallis und Schutzpatron der Winzer; und St. Theodul ist auch unter der Namensform St. Theodor und St. Joder bekannt.


    06.04.2017 16:18 Alter: 135 Tage
    Ausgabe 1 | 2017, Unterwegs
    Von: Herbert Gruber