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    Seitenblicke im Seitental

    Von der Couronne Impériale, der kaiserlichen Krone der Viertausender, von der begehbaren Grotte ins Innere des Gletschers, vom über 100 Jahre alten Wein im Lärchenfass, von Hotelpalästen aus der Pionierzeit des alpinen Tourismus bis hin zu den Spuren eines nomadisierenden Bergvolks – das Val d’Anniviers ist eine bezaubernde Welt.


    Seitenblicke im Seitental

    Von der Couronne Impériale, der kaiserlichen Krone der Viertausender, von der begehbaren Grotte ins Innere des Gletschers, vom über 100 Jahre alten Wein im Lärchenfass, von Hotelpalästen aus der Pionierzeit des alpinen Tourismus bis hin zu den Spuren eines nomadisierenden Bergvolks – das Val d’Anniviers ist eine bezaubernde Welt.

     

    Der Zauber um diese Talschaft beginnt bereits mit der Anreise. Kaum, dass das Postauto vom Bahnhof Sierre losgefahren ist und die Rhone überquert hat, geht’s über Serpentinen den Hang hoch, der Blick fällt auf die smaragdgrünen Fabrikdächer der ehemaligen Alusuisse bei Chippis, rechts davon thronen auf einem Felsriegel die Gebäude des Trappistinnenklosters Géronde (das über einen eigenen Weinberg verfügt), und Minuten später schwenkt die Strasse ein in den hochgelegenen Taleingang. Das ist das Entrée: ein enges V-Tal mit steilen Flanken, in die eine der beiden die in den Fels gekerbte Strasse; wo’s nicht anders ging wurden Tunnel gebohrt (bei den Pontis), und man fragt sich, wer und was alles in Lauf der Jahre (s)ein Ende in der Schlucht des tief unten schäumenden Wildbachs, der Navisence, gefunden haben mochte.

    Und alsbald öffnet sich vor einem eine neue Welt: das vermeintliche Seitental wird zum Haupttal, die Welt wird wieder breiter und weiter, und sie bietet Raum für Geländeterrassen, darauf scharen sich Häuser um eine Kirche samt Friedhof, da und dort ein Turm als unübersehbares Wahrzeichen einer Dynastie. Und in diesem Haupttal wiederum haben beidseitig Bäche eine Vielzahl von Seitentälern in die Abhänge gegraben, schmale Strassen und Pfade zweigen nach links und rechts ab, das Auge sucht nach deren Verlauf, und wo es nicht mehr fündig wird übernimmt die Fantasie; und man malt sich aus, dieses Wegnetz an Forst- und Alpstrassen nach der Schneeschmelze per Velo zu erkunden.

    Nomaden und ihr Gletscherwein

    Anniviers, Val d’Anniviers. Was klingt aus diesem Namen? Es gibt jene, die daraus das Lateinische „ad nivers“ heraushören, was so viel bedeutet wie nahe dem Schnee oder beim Schnee. Das lässt sich ohne weiteres nachvollziehen: die Gletscher der umliegenden Bergriesen sind nah – angesichts der fünf 4000er (Matterhorn, Weisshorn, Zinalrothorn etc.) spricht man hier gerne von der Couronne Impériale, der kaiserlichen Krone. Und von dieser Nähe zum (allerdings doch nicht mehr so sicheren) «ewigen Eis» haben die Einwohner von Grimentz im Übrigen auch beim Ausbau und Lagern ihres Gletscherweins profitiert, respektive sie tun es noch heute. Es ist dies ein Wein, den es allein hier, im Bergdorf Grimentz (auf 1553 m) gibt. Und zwar nur aus dem Fass. Nie wird und nie wurde dieser Wein in Flaschen abgefüllt! Die Tradition um seine Produktion reicht weit zurück, das älteste Fass im Keller des Bürgerhauses von Grimentz stammt aus dem Jahr 1886 – und man muss es wörtlich nehmen: dieses eine Lärchenfass enthält Wein, der bis auf ein Jahr so alt ist wie das Fass selbst. Man nennt es das Tonneau de l’Eveque, das Bischofsfass; es ist ein 900-Liter-Fass.

    In der Vergangenheit war der Genuss von Gletscherwein (man spricht hier vom „Glacier“) einzig den Bürgern der Gemeinde Grimentz vorenthalten. Heute ist dies nicht mehr ganz so streng, mittlerweile bietet die Bürgergemeinde sogar Führungen durch ihren Weinkeller und die weiteren Räumlichkeiten des Bürgerhauses an. An den Wein aus dem Bischofsfass aber lässt der Kellermeister indes nach wie vor niemanden. Dieser bleibt für ganz spezielle Ereignisse reserviert; für den Besuch des Bischofs zum Beispiel oder jenen eines Bundesrates. Indes ist Kellermeister Jean Vouardoux gerne bereit, das Prozedere um diesen Gletscherwein auch Nicht-Einheimischen zu erklären. Grob gesagt wird keines der Gletscherwein enthaltenden Fässer (andere Holzfässer in diesem Keller enthalten Fendant, Petite Arvine Malvoisie) je gänzlich geleert; vielmehr werden einem Gletscherwein-Fass jährlich nur geringe Mengen entnommen und dann mit Wein aus dem nächst jüngeren Fass wieder nachgefüllt. So wird der 1886er Wein im Bischofsfass mit jenem aus dem 1888er Fass „ergänzt“. Oder man nimmt vom 1934er Glacier, um das Fass mit dem 1888er Wein nachzufüllen; und man nimmt vom 1969er Glacier und füllt damit das Fass mit dem 1934er Wein auf. Einer ihrer Freunde habe ausgerechnet, so erzählt der Kellermeister, dass mit dieser Regelung das Bischofsfass – aus dem pro Jahr maximal nur 25 Liter entnommen werden dürfen – bis ins Jahr 2127 noch letzte Tropfen des 1886er Weins enthalten werde.

    Was die Geschichte um diesen Gletscherwein ebenfalls offenbart: dass man in dieser Talschaft die Tradition hochhält (und in Wert zu setzen weiss). Wahrscheinlich spielt dabei auch die Nostalgie eine Rolle; man neigt dazu, das Gestern zu verklären, man romantisiert – und also finden sich entsprechende Bezüge zur Vergangenheit allenthalben. Und zu dieser Vergangenheit gehört die Transhumance. Es ist dies ein Nomadismus, nach welchem die Menschen des Val d’Anniviers noch bis in die frühen 1950er Jahre lebten: im Jahresverlauf pendelten sie zwischen ihren Bergdörfern (wo sie nebst ihrem Vieh etwas Getreide anbauten) und ihren (Wein- und Obst-)Gärten bei Sierre (533 m). Das heisst, die Bergler verfügten über Landeigentum sowohl oben im Dorf wie unten im Rhonetal. Die Menschen aus Grimentz etwa hatten ihr Sierre-Quartier bei Villa (wo die Bürgergemeinde noch heute einen Weinkeller besitzt). Eine erste Talwanderung der Grimentzer zur Arbeit in den Reben erfolgte Ende Februar/Anfang März; auf Ostern hin ging man retour ins Bergdorf, pflanzte die Kartoffeln, bestellte die Felder, ab Mai/Juni ging’s auf die Maiensässe und nachfolgend zu den Alpweiden. Im Herbst erneut ins Tal zur Traubenernte und vor Wintereinbruch wieder retour ins Bergdorf. Wer heute als Tourist in diesem Bergtal unterwegs ist, trifft in Gaststuben und Hotels allenthalben auf historische Fotos oder Zeichnungen aus jener „alten“ Zeit. Sie stehen im Kontrast zum aktuellen materiellen Standard und zum heutigen Mobilitätsverhalten. Aber vielleicht steckt hinter diesem Präsentieren der Geschichte auch ein Anteil Stolz: seht her, aus welch hartem Holz wir geschnitzt sind!

    Und übrigens: just aus dieser nomadisierenden Lebensform der alten Anniviarden wird eine zweite Interpretation des Namens dieser Talschaft abgeleitet: „Anniviers“ rühre demnach nicht vom Lateinischen ad nivers, sondern verweise auf eben diese alljährliche, «annuale» Wanderschaft, also auf das Nomadenleben dieser Bergler.

    Zauberhaftes mit Mischtönen

    Weisshorn, Bishorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn – gewiss, die 4000er gehören zu den Lockvögeln der Talschaft. Zinal etwa, das Dorf zuhinterst im Tal, das einst den Bauern aus Ayer und Vissoie als Maiensäss gedient hat, ist heute ein Wochenend- und Feriendorf für Alpinisten und Skifahrer (vor zwei Jahren wurden mittels einer neuen Seilbahn die Skigebiete von Grimentz und Zinal miteinander verbunden). Und so wie andernorts, haben die Bauunternehmer auch in dieser Talschaft dem Traum vom eigenen Chalet in den Bergen noch so gerne entsprochen; das Gesamtergebnis lässt sich eher nicht als Augenweide bezeichnen. Indes, Kritik daran kommt heute nicht mehr allein von den Grünen; auch aus der Tourismusbranche selbst sind Stimmen zu hören, die dankbar dafür sind, dass die „Üsserschwitzer“ seinerzeit der Zweitwohnungs-Initiative zum Durchbruch verholfen haben.

    Ebenso klar ist, dass dieser Traum vom eigenen Chalet eine verlockende Idee ist. Eine Frau, die diesen Traum für sich früh verwirklichte, war die aus Genf stammende, 1903 geborene Schriftstellerin und Fotografin Ella Maillart; ab den 1930er Jahren hat sie auf abenteuerlichste Weise die Welt bereist, vom Kaukasus bis in die Wüsten Chinas. Im Jahr 1946 bezog sie im höchst gelegenen Dorf des Val d’Annivers, in Chandolin, ihr eigenes Chalet. Welch gegensätzliche Lebensweisen dabei aufeinander getroffen sind, ist aus heutiger Sicht nicht mehr ganz einfach nachzuvollziehen: hier die bäuerliche (Familien-)Tradition mit den Regeln von Kirche und Patriarchat, dort die allein reisende, nicht verheiratete, kinderlose Frau. Dass und wie die beiden Pole indes miteinander in Kontakt getreten sind, davon zeugt die Tatsache, dass Ella Maillart nicht nur die erste Frau war, die in Chandolin als offizielle 1. August-Rednerin auserkoren worden ist, sondern dass die Gemeinde ihr gar die Ehrenbürgerschaft  verliehen hat.

    Es lohnt sich, dem kleinen Maillart-Museum in Chandolin einen Besuch abzustatten. Von dort aus ersichtlich werden Verbindungen zu anderen, illustren VerehrerInnen des Val d’Anniviers; so hat der aus Neuenburg stammende Maler Edmond Bille in Chandolin gelebt (von ihm stammt das Fenster St. Jacques in der Kirche von Chandolin), seine als Schriftstellerin erfolgreiche Tochter Corinna Bille und der 1916 in Lausanne geborene Dichter Maurice Chappaz (der früh bereits die Schattenseiten eines überbordenden Tourismus anprangerte, so 1976 mit seinem Text „Die Zuhälter des ewigen Schnees“) weilten in Chandolin – und ja, auch der im Wallis so gern zitierte (und 1927 in Raron beigesetzte), aus Österreich stammende Dichter Rainer Maria Rilke hatte Chandolin besucht.

    Darf es etwas mehr sein?

    Eine Besonderheit des Wallis (und der Alpen allgemein) sind die Grandhotels. Sie verströmen mit ihrem Jugendstil einen wohltuend beruhigenden Charme; es sind Zeugen aus der Pionierzeit des alpinen Tourismus; sie laden ein zum zeitlosen Verweilen. Das „Ofenhorn“ im Binntal ist so ein Haus, auch das „Kurhaus“ in Arolla und das „Monte Rosa“ in Zermatt. Und just so ein Hotel ist das „Bella Tola“ in St. Luc (unterhalb von Chandolin). Den Grundstein für ein erstes Grandhotel vor Ort legte der aus dem Dorf stammende Bauer Pierre Pont im Jahr 1860; ein paar Jahre später, 1884, begann er mit dem Bau des heutigen Bella Tola.

    Vor gut 20 Jahren haben Anne-Françoise und Claude Fuchs dieses traditionsreiche – und zuvor nicht immer florierende – Haus übernommen und sukzessive zu einer Oase umgestaltet, wo die Gediegenheit der Belle Epoque auf wunderbare Weise aufblüht und wo dieses Altehrwürdige eine äusserst gelungene Symbiose eingeht mit den Wünschen der Moderne. Wenn es also einmal „etwas mehr sein darf“, gehört das Bella Tola in St. Luc zuoberst auf die Liste. Was dabei ebenfalls zählt: man hat Stil in diesem Haus, aber das ist nicht das gleiche wie Hochnäsigkeit.

    Und apropos Gletschergrotte: noch bis Ende März (vielleicht auch noch etwas länger!) gibt’s die Möglichkeit, einen Blick in die Höhle des Glacier de Zinal zu werfen. Der Anmarschweg zum Gletscher erfolgt auf Schneeschuhen, und dieser Weg wird derzeit von Jahr zu Jahr um 20 Meter länger. Beidseitig vermitteln einem die Moränen, was hier einst war: ein Eisstrom von schier unglaublicher Höhe und Länge. Und gleichwohl: steht der Wanderer schliesslich vor dessen Zunge, mahnt der Anblick an ein märchenhaft grosses Portal. Und in diesem Portal gibt’s eine Öffnung, ein Tor, und wer hier eintritt, sieht Farben und Formen, die von einer Einzigartigkeit sind, die nicht zum Diesseitigen zu gehören scheinen.


    06.04.2017 16:29 Alter: 135 Tage
    Ausgabe 1 | 2017, Unterwegs
    Von: Herbert Gruber