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    < Danny Kurmann

    Im Spätherbst nach Zermatt

    Es gibt Tage und Routen, da hat man als Wanderer das Matterhorn fast gänzlich für sich allein. Prädestiniert dazu ist die Spätherbst-Höhenwanderung von Zermatt via Trift, Höhbalmen und Arben nach Zmutt. Es ist eine Tour grandioser Ausblicke.


    Im Spätherbst nach Zermatt

    Es gibt Tage und Routen, da hat man als Wanderer das Matterhorn fast gänzlich für sich allein. Prädestiniert dazu ist die Spätherbst-Höhenwanderung von Zermatt via Trift, Höhbalmen und Arben nach Zmutt. Es ist eine Tour grandioser Ausblicke.

     

    Man kennt’s, man hört’s allenthalben. Und es klingt so: «Was, du gehst nach Zermatt?! Dort ist Kommerz total. Zudem ist’s überlaufen und überbaut». Nun, was soll man dazu sagen?

    Es war im letzten Jahr, 5. Oktober. Späte Ankunft in Zermatt. Vor dem Bahnhof ein paar Kutscher mit ihren Pferden, es sind auffallend wenige – Zwischensaison. Beim Hotel Monte Rosa (Belle Époque vom Feinsten), respektive in der ebenerdigen Whymper-Stube einen Kaffee; kein Gedränge, am Tisch vorne am Fenster sind zwei Männer und eine Frau am Essen, Käsefondue, es riecht einladentd; sie plaudern und nippen am Weisswein; die Frau vom Service ist freundlich und lässt mich wissen, dass die Hütte auf Fluhalp bereits dichtgemacht hat – die Wandersaison ist zu Ende. Nun, soll ich in der Stube sitzen bleiben und ebenfalls Fondue essen?

    Stattdessen in die Triftschlucht. Erst durch eine schmale Gasse (bei der Grampi-Bar), danach geht’s steil hoch. Neuste (Hotel-)Architektur und uralte bäuerliche Holzbauten stehen sich auf engstem Raum gegenüber; auf dem Giebel eines noch unfertigen Neubaus sitzen Arbeiter und verzehren ihr Mittagsbrot; ihnen zu Füssen breitet sich einer der bekanntesten Kurorte des Alpenbogens aus; ein feiner Schleier liegt über dem Dorf – ist’s Herbstnebel? Kommt’s von den Cheminées? Ich vernehme das Bimmeln kleiner Glocken; langhaarige Ziegen rupfen an trockenem Gras; die Sonne scheint schräg und mild in den Hang, man heisst sie gerne willkommen, auf der gegenüberliegenden Talseite sitzen sie im Schatten.

    Exklusiv für Wandernde
    Es geht weiter bergauf; doch das Wandern auf diesem lichten Waldweg ist eine Wohltat, der von Lärchennadeln übersäte Boden federt jeden Tritt sanft ab. Auf Alterhaupt ist die Pension Edelweiss ebenfalls bereits geschlossen – Spätherbst, Saisonschluss. Hier nach links abschwenken, weiterhin aufwärts, und weiterhin auf menschenleerem Pfad. Der Wald bleibt zurück, ein schmaler Pfad, mitten durch einen Alpenrosen-Hang. Und urplötzlich, als hätte jemand ein Fenster aufgerissen, sieht man’s vor sich: das Matterhorn. Der Anblick ist grandios und unweigerlich pflichtet man jenen bei, die sagen: den schönsten Blick aufs Matterhorn gibt’s auf Höhbalmen! Dort (auf 2675 m) hat’s ein Holzbänklein; es wirkt etwas staksig, aber ein zweites mit einer derartigen Aussicht gibt’s nirgends auf Erden: vor einem das «Horu», der Hörnligrat, die gewaltige Matterhorn-Nordwand. Zudem Breithorn, Liskamm, Castor, Pollux, Rimpfischhorn, Rothorn, Täschhorn, Dom…

    Was diese linke Seite von Zermatt, respektive die Seite um die Trift ebenfalls derart speziell macht: sie ist nicht mit Seilbahnen erschlossen. Wer zum Holzbänkli auf Höhbalmen mit dieser grandiosen Aussicht will, geht zu Fuss. Höhbalmen, das ist das Privileg der Wandernden. Ein Geschenk an Fussgängerinnen und Fussgänger – und obwohl kaum zu glauben: es gibt Tage, da ist man da oben mutterseelenallein.

     

    Geschenkte Tage
    Herbst in Zermatt. Die Lärchen leuchten goldgelb. Abends wird’s kühl, in den Gemeinschaftsgärten hinter dem Bahnhof decken die Hobbygärtner ihre Gemüsebeete vorsorglich mit Folien, am Morgen liegt Reif, der Himmel ist blau und wolkenlos, die Luft ist klar. Es sind geschenkte Tage, die letzten des Herbsts. Wie viele mögen einem noch vergönnt sein? Morgen bereits könnte es kippen. Wetterumsturz. Mit Schnee oder Dauerregen, mit Nässe und Nebel. Der Herbstzauber wäre vorbei, die Berge verhüllt, man sähe nichts – man bliebe zu Hause.

    Jetzt aber nochmals zur Trift. Und weiter zur Rothornhütte. Im spärlich mit vertrocknetem Gras bewachsenen Kessel des Viehbodens mäandern die Bachläufe, das eiskalte Wasser auf den alten Zähnen im Mund lässt einen zusammenzucken. Der Weg vor einem zielt auf eine Gletschermoräne, sie ist weit und leicht gebogen – irgendwie elegant.  Aber das hier ist keine Tanzbühne; niemand schaut zu, weit und breit kein Mensch. Wie bloss mag das damals gewesen sein? Als die Menschen noch kein Telefon hatten, kein Funkgerät? Man läge hier draussen, wäre verletzt, mit gebrochenen Knochen; man würde um Hilfe schreien – aber da wäre niemand! Keiner würde dich hören!

    Auf der Krone der Moräne wird’s eng und enger. Beidseitig ist’s steil. Geht man hier nun auf Permafrost? Wie wird diese Landschaft in 30 Jahren aussehen? Gletschereis verbreitet Kühle; aber was, wenn dieses Eis nicht mehr da ist? Wenn es auch drüben am Gornergrat, am Breithorn, am Monte Rosa geschmolzen sein wird?

    Nichts bleibt ewig. Auch die alte Rothornhütte wird’s bald nicht mehr geben. Das Baugesuch für einen Neubau liegt vor. Wenn’s dann in zwei, drei Jahren so weit sein wird, wird sich das Auge an ein gewandeltes Verständnis von Ästhetik gewöhnen müssen.

    Im Abstieg auf Viehboden nochmals Rast. Man lauscht dem Rauschen des Wassers, seinem Plätschern, seinem Gurgeln. Manchmal schwillt’s an, dann wieder ab. Je nach Wind. Mal vernimmt man’s eher von rechts, dann wieder eher von links. Das überrascht. Weil der Hauch des Windes auf der Haut nur leicht spürbar ist und er gleichwohl viel Wirkung hat.

    Auf Wiedersehen…
    Kurz vor 19 Uhr unten im Dorf in die katholische Pfarrkirche. Das Grüppchen der Betenden ist wieder beieinander; zehn, zwölf Personen – Frauen in der Mehrheit. Und die Sitzordnung ist die gleiche wie gestern und vorgestern. Morgen wird sie wahrscheinlich gleich sein. Ausser, jemand ist erkrankt. Es gibt in Zermatt übrigens auch eine englische Kirche, die St. Peter’s Church, sie steht leicht erhöht im oberen Dorfteil; ab etwa Mitte Oktober (bis kurz vor Weihnachten) aber ist sie verweist, der letzte Volontär wird zurück nach England gegangen sein. In der katholischen Kirche jedoch sitzen auch jetzt, im Oktober, in der Zwischensaison, Abend für Abend einige Beter beieinander. Der Besucher kann sich zu ihnen setzen. Und mit ihnen in einen Gleichklang einstimmen. Die Worte ergeben den Rhythmus. Der Katholik erinnert sich – an den Rosenkranz. An diese Perlenkette mit den 55, respektive mit den 59 Perlen. Die Rosenkränze für Männer waren meist braun oder schwarz, jedenfalls dunkel. Frauen-Rosenkränze waren heller, aber poppig waren sie nie, eher pastellfarbig. Doch jetzt, in Zermatt, bloss dasitzen; nachbeten und mitbeten, mit geschlossenen Augen und offenen Ohren. 20 Minuten lang. Weder nach hinten, noch nach rechts oder links äugen. Bloss hören und darauf bedacht sein, dass man mit jeder Silbe im Takt bleibt.

    Um 19.30 Uhr ist’s im Oktober in Zermatt bereits dunkel. Vor der Kirche, im Licht der Strassenlampen, stehen die Beter eine kurze Weile noch beieinander. Eine der Frauen fragt den Besucher, ob er auch morgen Abend wieder «in den Rosenkranz» komme. Sie ist vor 51 Jahren aus einem Bauernweiler im Luzernbiet nach Zermatt gezogen. Und nichts, rein gar nichts an ihrer Frage erinnert mich an Kommerz.

    Übrigens: die katholische Kirche von Zermatt ist jene mit Paolo Parentes eigenartig lustiger Arche-Noah-Deckenmalerei; mit Haifisch, Elefant, Känguru und einem Jungen in Badehose. Vergleichbares ist hierzulande rar.

     

     

    Zermatt – die Seite ohne Seilbahnen
    Die Westseite von Zermatt ist allein den Wandernden vorenthalten; es führen keine Seilbahnen in die Höhe. Die Route auf dem Edelweissweg von Zermatt via Alterhaupt auf Höhbalmen bietet zudem einen der besten Ausblicke aufs Matterhorn.
    Route: Zermatt (1616 m), Alterhaupt (1961 m, Pension/Restaurant), Höhbalmen 2675 m), Arben (2312 m), Zmutt (1936 m), Zermatt (1616 m).
    Alternative: auf Alterhaupt (1916 m) nicht links abzweigen, sondern geradeaus durch die Schlucht zum Hotel du Trift (2337 m,) und dann auf Höhbalmen.
    Zeit: ca. 7½ Std. Mit ca. 1400 m Auf- und Abstieg.
    Schwierigkeit: T3.
    Unterwegs einkehren: Pension Edelweiss auf Alterhaupt, Hotel du Trift und Jägerstube Zmutt; die beiden ersteren gehen Ende Wandersaison in die Winterpause. Umso ruhiger ist’s danach auf den Wanderwegen.
    Mehr wandern: ab Hotel du Trift (2337 m) auf Bergweg (T4, blau-weiss) in ca. 2½ Std. zur Rothornhütte (3198 m, ab Mitte September geschlossen). Oder ab Hotel du Trift in ca. 3½ Std. aufs Mettelhorn (3406 m). Zudem kann die Höhenwanderung «Zermatt-Höhbalmen» bis zur Schönbielhütte (2694 m, T3) verlängert werden. 


    10.11.2017 10:06 Alter: 34 Tage
    Ausgabe 3 | 2017, Unterwegs
    Von: Herbert Gruber