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    Pausieren im Puschlav – abseits vom Schuss

    Ein Blick aufs NFS-Partnerhaus San Romerio


     

    Pausieren im Puschlav – abseits vom Schuss


    Direkt über dem Abgrund, als wär’s ein Adlerhorst, 800 Meter über dem Lago di Poschiavo, thront das romanische Kirchlein von San Romerio. Dahinter stehen drei vier weitere Gebäude aus rohem Stein. Eines davon dient als Gasthaus; Naturfreunde-Mitglieder übernachten hier zu einem Vorzugspreis.

    Text und Fotos: Herbert Gruber

    Die Alpe San Romerio (1793 m) liegt weiss Gott nicht gerade um die Ecke. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, ist allein von Zürich aus gut sechs Stunden unterwegs. So husch-husch gelangt man nicht auf diese Alp. Doch darin steckt viel Gutes: weil der zum Geniessen fähige Mensch bereits die Anreise über die Albula- und Bernina-Bergstrecke als Trumpfkarten dieser Alp wahrnimmt.

    Nun, diese Bergstrecke, von Thusis bis Tirano (122 km), mit ihren 196 Brücken und 55 Tunneln ist derart sensationell, dass man als Passagier nur selten in einem leeren Zug sitzt – zumal die Linie mittlerweile auch als UNESCO-Weltkulturdenkmal gilt. Entsprechend oft und ausgiebig wird sie denn auch besungen; eine frühe Hymne auf die vor 107 Jahren eingeweihte Bernina-Bergstrecke (ab Pontresina) lässt der Autor Hans Schmid in seinem 1923 veröffentlichten Buch „Bündnerfahrten“ verlauten; dort heisst es: „Auf der Fahrt von Alp Grüm nach Poschiavo hinunter kann man nicht links oder rechts sitzen, man muss Spielraum haben und bald links, bald rechts zum Fenster hinausschauen können (…). In zwei Sätzen stürzt sich die Bahn von Alp Grüm nach Poschiavo und mit einer technischen Verwegenheit sondergleichen haben die Ingenieure das Tracé an den wilden Berghang hingeschmissen. Der technische Spuk mit dem Kirchlein in Wassen an der Gotthardlinie, die Kehren in Dazio grande im Tessin und die Schleifen der Albulabahn zwischen Bergün und Preda sind ein Kinderspiel gegen das Satanswerk der Ingenieure auf der Südrampe des Berninapasses“.

    Wandern – und/oder weitwandern?

    Wer (aus der Deutschschweiz kommend) die Alpe San Romerio mit dem geringsten Wanderaufwand erreichen möchte, bleibt in Poschiavo (1014 m) noch ein paar Minuten länger im Zug sitzen, gelangt nach Le Prese, schaukelt entlang des Lago di Poschiavo und steigt erst im Bahnhof von Brusio aus dem Zug. Brusio, das ist jener Ort, wo das rote Berninabähnchen ein weiteres Mal eine verblüffende Kapriole schlägt: in einer offenen Schleife (anstelle eines in den Berg verlegten Kehrtunnels) zieht es hier unter seinem eigenen Viadukt hindurch. Und ja: Brusio ist auch jener Ort, wo am kommenden 15. Oktober das grosse Kastanien-Fest gefeiert wird!

    Zurück zur Anreise (auf die Alp) ohne viel Wanderaufwand: im gelben Minipostauto lässt man sich ab Brusio (780 m) über ein Dutzend engster Haarnadelkurven hinauf nach Viano (1281 m) chauffieren; das sind auf wenige (aber umso spektakulärere) Strassenkilometer gut 500 Höhenmeter; und gegen einen zusätzlichen Aufpreis setzt der Chauffeur die Fahrt fort bis Piaz (1678 m). Von dort sind’s dann zu Fuss bis zur Alpe San Romerio (1793 m) noch knapp 30 Minuten.

    Wer, im Gegensatz dazu, den Besuch auf der Alpe San Romerio mit einer längeren oder gar langen Fussreise verbinden möchte, beginnt die Wanderung entweder in Poschiavo (mit einem sanften Aufstieg) oder aber bei der Bahnstation von Miralago (mit einem steilen Aufstieg). Den ultimativ langen Anmarschweg zur Alpe San Romerio jedoch gibt’s über die (rote) Via Alpina: das ist der Weitwanderweg, der in 161 Etappen vom fernen Trieste herkommend, an der Alpe San Romerio vorbei, bis nach Monaco führt...

    Nun, der Wege sind viele. Und einige dieser Routen sind uralt. So alt wie das im 11. Jahrhundert erstmals erwähnte Kirchlein auf San Romerio. Im Mittelalter nämlich, so berichten es die Historiker, habe der Säumerweg von Süden, also von Tirano, respektive vom Veltlin herkommend, über den Romerio-Felssporn nach Norden geführt (und nicht unten durch den sumpfigen Talboden). Darum sei auf San Romerio in jener Zeit ein Kloster entstanden, darum hätten Augustinermönche und Nonnen hier oben eine Pilgerherberge (respektive ein Xenodochium) errichtet, darum denn auch diese Kirche.

    Verweilen, pausieren

    Gänzlich autofrei ist San Romerio heute nicht. Zufahren (von Piaz her auf schmalster, nicht asphaltierter Strasse) darf der Alpbesitzer; zufahren dürfen zudem sein nebenan wohnender Bruder und der eine oder andere hier tätige Bauer. Aber das fällt nicht ins Gewicht. Wer heute als Gast auf San Romerio weilt, ist weg vom Schuss. Von weit, weit oben sieht man hinunter aufs Tal; man sitzt 800 Meter schier senkrecht über dem Seespiegel, an dessen Ufer kurvt – wie eine Spielzeugeisenbahn – ein Rhb-Zug gegen Süden; man überblickt die Talenge von Brusio, in der Ferne dahinter sind Aussenquartiere von Tirano auszumachen; den südlichen Abschluss bildet ein erster Wall der Bergamasker Alpen. Und umgekehrt, gegen Norden hin, reicht der Blick in die Welt der 4000er, hinauf ins Berninamassiv.

    Wer auf San Romerio ein paar Stunden, oder gar zwei, drei Tage verweilt, wird allmählich wahrnehmen, dass hier jemand eine eigentliche Oase hat entstehen lassen. Und dieser jemand ist der aus Brusio stammende Gino Bonguliemi mit seiner Familie. Als jüngstes von sieben Kindern hat er die Alp 1989 von seinem Onkel übernommen. Was er seither hier alles hingekriegt hat, ist erstaunlich – und einer, der darüber ebenfalls mitunter selbst ins Staunen kommt, ist Gino selbst. Nun, er hat Grund dazu. Heute gibt’s Duschen in diesem Haus (das vor 30 Jahren eine blosse Hütte war), es gibt Gästezimmer, wohlige Betten, es gibt eine Gaststube und es gibt elektrisches Licht. Es gibt alles! Und rund ums Haus, all die Arbeiten am Terrain, die Terrassen und Trockensteinmauern!  Und dann der Gemüsegarten! Er ist ein Bijou. Am überraschendsten ist dessen Üppigkeit. Die Salate wachsen dicht an dicht, wie ein grüner Teppich; und in diesem Garten ebenfalls zu sehen ist ein Gewächs, das einst als eine Basis der lokalen Küche gegolten hat, das dann aber nahezu völlig abgedrängt worden ist und heute, auch im Zuge der Slow-Food-Bewegung, eine kleine Renaissance feiert: es ist der Buchweizen.

    Und von diesem Garten führt der Weg entweder direkt in die Küche (und auf den Teller), oder aber in den Crot. So ein Puschlaver Crot ist – ein Lagerhaus aus Stein, oder treffender: es ist ein Kühlschrank, wie er natürlicher nicht sein könnte! Auf San Romerio gibt es zwei davon. Gino hat sie eigenhändig errichtet. Aus Hunderten von Steinplatten, einzeln aufeinander geschichtet, schwer wie ein Zementsack, Zentimeter genau eingefügt, wie die Schindeln auf einem alten Bauernhausdach. Über vier Jahre hat Gino in seiner Freizeit an dem einen der beiden Crot gearbeitet. Wem die Gelegenheit zufällt, einen Blick ins Innere dieses iglu-förmigen Gebäudes zu werfen, wird im Herzen berührt. Da gibt’s keinen Mörtel, keinen Verputz, keine Stützen. Im runden, gewölbten Innern des Crot lagert in zwei, drei übereinander angebrachten Regalen allerlei Gemüse und Salat, von den Karotten bis zu den Radieschen; und ganz unten, auf dem Erdboden, fliesst dem Rand der inneren Steinmauer entlang ein etwa 20 Zentimeter breites Bächlein, dessen (Quell-)Wasser ist auch mitten im Sommer kaum über 5°. Darin in Tupperware eingesetzt ein paar Lebensmittel, die besonderer Kühlung bedürfen. Und dann, vom Besucher als eine Art kleine Zugabe empfunden: das Wasser, das hier im Crot zum Kühlen der Nahrungsmittel genutzt wird, hat zuvor nebenan eine kleine Turbine betrieben – zur Stromerzeugung.

    Zeit und Gelegenheit

    Ja, mit dem Verweilen ergeben sich neue Konstellationen und Zufälle. Man hört Geschichten über die Köhler, die auf San Romerio bis in die 1950er Jahre gewirkt haben (Gino, der einstmalige Schreinerlehrling, hat eigens einen Köhlerweg signalisiert); man beginnt die Folgen der aufgelassenen Alpen und deren Bewirtschaftung wahrzunehmen; man sieht, was gemeint ist, wenn von „Verbuschung der Alpen“ die Rede ist oder vom „Vordringen des Waldes“. Man hat Zeit, über die Biodiversität extensiv betriebener Alpen zu reden. Und man hat Gelegenheit darüber nachzudenken, wonach auch ein höherer Wildbestand dazu beitragen könnte, das Verbuschen zu verhindern oder aufzuhalten und ergo der Frage nachzuhängen, warum denn im November nochmals eine Sonderjagd auf Hirsche angesetzt wird.

    Möglichkeiten

    Wir haben (ob Frau oder Mann), als Wanderer, als Naturfreunde, die Gelegenheit, auf dieser Alp zu pausieren und allerlei Annehmlichkeiten zu geniessen. Das ist unser Privileg; und das ist ein Produkt der Leistungen von Gino (und seinem Team). Die Zufriedenheit seiner Gäste, deren Dankbarkeit, erachte er als grössten Lohn für sein Engagement, sagt Gino. Die Art und Weise, wie er dies sagt, die Worte, die er dazu wählt – nun, man ist berührt. Weil man begreift, vor einem Mann zu sitzen, der mit Leidenschaft, Herzblut und unglaublich viel Handarbeit über bald 30 Jahre lang an einer/seiner Vision für ein sinnvolles Leben gearbeitet hat. Die Möglichkeiten, die er einem damit bietet, sind beträchtlich (es gibt, hoch über dem Haus, sogar einen Yogaplatz unter freiem Himmel). Gleichwohl sollte der Reisende, bei dieser Gelegenheit, auch einen Halt in Poschiavo in Betracht ziehen; den Hauptort des Puschlavs darf man nicht ausser Acht lassen!

     


    Rabatt auf San Romerio
    Als Partnerbetrieb der Naturfreunde Schweiz erhalten NFS-Mitglieder bei Übernachtungen im Gasthaus auf San Romerio einen Rabatt von 10%.
    Anreise: per Zug via Chur, Pontresina, Poschiavo bis Brusio. Postauto von Brusio nach Viano (vorgängig reservieren!). Ab Viano ca. 2 Stunden Fussweg bis San Romerio. Alternativ (gegen Aufpreis von 10 CHF) fährt das Postauto weiter bis Piaz (siehe Text nebenan), von dort ca. 20 Minuten zu Fuss zur Alp San Romerio.
    Wandern: viele Möglichkeiten; reizvoll auch die Wanderung von Le Prese (am See, 964 m) via San Romerio (1793 m) nach Tirano (438 m); zirka 7.15 Std. mit 1000 Hm hoch und 1500 Hm runter).
    Essen und Schlafen: auf San Romerio ist regionale Küche angesagt (von
    Polenta bis Strozzapreti); viele Zutaten stammen aus dem eigenen, biodynamisch betriebenen Garten. Zum Übernachten bereit stehen 2er, 3er und ein 6er Zimmer; zudem gibt’s den Schlafsaal mit 16 Plätzen.
    Infos und Reservation: Alpe San Romerio, Gino Bongulielmi, 7743 Brusio, www.sanromerio.ch , e-mail: benvenuti(at)sanromerio.ch, Tel. 081 846 54 50.


    10.11.2017 10:56 Alter: 34 Tage
    Ausgabe 3 | 2017, Unterwegs