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    < Neue Skitourenberge erhält das Land

    Im 2018 nach Kirgistan?

    Tourismus: Verständnis und Entwicklung fördern


    Einige vergleichen die Landschaft Kirgistans mit der Schweiz. Indes: dieser Vergleich hinkt. Kirgistans höchste Berge sind über 7000 Meter, das Klima ist kontinental, die Bevölkerungsdichte gering und der Tourismus steckt in den Kinderschuhen. Insgesamt gute Gründe, das Land zu besuchen.

    Text: HEDY ZÜGER Fotos: PAUL ZÜLLIG, WOLFGANG SCHROFF, IRENE RUOSS

    Wir haben in Kirgistan zwei eindrückliche Wanderwochen erlebt.“ Dies antworteten 16 Naturfreunde auf die Frage nach ihren Sommerferien im 2017. Kirgistan? Für viele Schweizer ein unbekanntes, vielleicht geheimnisvolles Land, irgendwo ostwärts, Richtung China.

    Als mittelasiatischer Staat grenzt Kirgistan im Süden tatsächlich an die Volksrepublik China sowie an Tadschikistan, westlich an Usbekistan und im Norden an Kasachstan. Ein Zweig der 6400 km langen Seidenstrasse zog sich einst durch Kirgistan. Daran erinnern auch diverse Bauten, so etwa die restaurierte, aus dem 15. Jahrhundert stammende Karawanserei Tasch Rabat; es ist dies jenes Bauwerk, das auf 20-Som-Geldnote des Landes abgebildet ist.

    Zu den bedeutendsten steinernen Zeitzeugen werden zudem die Ausgrabungen in der alten, ins 10. Jahrhundert zurückreichenden Hauptstadt Balasagun gezählt, ferner die überaus zahlreichen Petroglyphen. Dabei handelt es sich um Grabsteine, in die das Gesicht der Verstorbenen gemeisselt worden sind; diese Gedenksteine stehen meist auf freiem Feld. Älteste noch zu sehenden Petroglyphen Kirgistans (viele mit Motiven aus der Tierwelt) reichen ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück. Reisen in Kirgistan sind aber vor allem der vielfältigen Landschaften wegen attraktiv. Vom Tal aus der Blick auf die Kulisse aus schneebedeckten, bis über 7000 Meter hohen Bergen, die den breiten Horizont ausfüllt; auf 3000 Metern über Meer zwei der weltweit grössten Bergseen: der Songköl mit 278 km2 und der Yssykköl mit gar 6236 km2 (zum Vergleich: der Bodensee misst 536 km2). Touristen bietet sich von Juli bis September Gelegenheit, an deren Ufern zu baden. Die Strände werden wenig genutzt. In der Nähe der Seen sind zudem kurze bis mehrstündige Wanderungen möglich.

    Spuren der alten UdSSR…

    In Bishkek, der Hauptstadt des Landes, wird vielerorts russisch (gilt als zweite Amtssprache) gesprochen; wer als Tourist Kenntnisse der russischen Sprache mitbringt, wird sie nutzen. Auf dem Land hingegen ist Kirgisisch die überwiegende Umgangssprache; geschrieben wird das Kirgisische in kyrillischer Schrift (vor 1941 noch wurde dazu die lateinische Schrift verwendet). Die Russen machen heute lediglich noch etwa sieben Prozent der sechs Millionen Einwohner aus, während die ursprüngliche, die kirgisische Bevölkerung mit 73 Prozent die Mehrheit bildet. Usbeken, Uiguren und weitere Ethnien sind kleine Minderheiten. Und apropos Bevölkerungsdichte: von den sechs Millionen Einwohnern des Landes (mit einer Fläche von annähernd 200‘000 km2) leben etwa 940‘000 in der Hauptstadt.

    Ein junger Russe in Kirgistan erklärt einer Besucherin: „Meine Grosseltern sind damals nicht gefragt worden, ob sie sich in Kirgistan niederlassen wollten; sie sind von der russischen Regierung 1941 einfach hierher umgesiedelt worden.“ Und ein Deutsch-Russe aus Kirgistan, der 1994 nach Deutschland emigrierte, wo er einen Taxibetrieb führt, erinnert sich an die Kolchose, in der er aufgewachsen ist: „Wir pflanzten ausschliesslich Wassermelonen an; diese wurden in ganz Kirgistan verteilt.“

    …und Unterstützung von Helvetas

    Nach Auflösung der Sowjetunion (1991), respektive der UdSSR, wurden die Kolchosen in Kirgistan aufgehoben und das Land den Bauern zurückgegeben. Wassermelonen, Aprikosen, Zwetschgen und Äpfeln bereichern heute in Kirgistan das Obstangebot; die heissen, kontinentalen Sommer lassen sie früh reifen. Es gibt in den Urwäldern zudem Wildobst- und Walnussvorkommen. Aus Kirgistan soll der Urapfel stammen, sehr alte Apfelsorten sind nachweisbar. Für deren Erhalt setzt sich insbesondere auch die Entwicklungsorganisation Helvetas mit Spezialisten aus der Ostschweiz ein.

    Geldgeber Russland – oder Deutschland? 

    Die Mehrheit der Kirgisen bezeichnen sich als sunnitische Muslime, die Russen hingegen gehören der russisch-orthodoxen, also der christlichen Religionsgemeinschaft an. Moscheen und orthodoxe Kirchen sind Teil des kulturellen Erbes. Ein einzigartiges Gotteshaus der russischen Orthodoxie steht in der Stadt Karakol, unweit des Yssykköl-Sees: ganz aus Holz erstellt, bedarf die aus dem Jahr 1895 stammende Kirche (die während der Sowjetzeit u.a. als Warenlager und Club verwendet worden ist) allerdings dringend einer fachmännischen Restaurierung. Ob das nötige Kapital dazu aus Russland oder doch eher aus der EU fliessen wird? Wir tippen auf Deutschland, das in Kirgistan bereits heute Projekte im Bereich der Gesundheitsvorsorge und des Naturschutzes finanziert. Kirgistan zählt weltweit zu den Staaten mit tiefsten Einkommen. Der Eindruck, wonach es den Kirgisen wirtschaftlich gut geht, täuscht. Er entsteht unter Touristen vorwiegend auf den Flaniermeilen grösserer Städte, in Bazaren und auf Märkten; oder im ZUM, einem auch von Touristen oft aufgesuchten Einkaufszentrum in Bishkek. Das ZUM steht europäischen Konsumtempeln in nichts nach; und die nach westlicher Mode gekleideten jungen Frauen verstärken dieses – eher trügerische – Bild vom finanziellen Wohlergehen.

    Viele Kirgisen sind in der Landwirtschaft tätig und der wichtigste Viehmarkt des Landes, in der Hauptstadt Bishkek, lohnt einen Besuch. Dabei ist festzustellen, dass die meisten Bauern mit ihren Tieren gut umgehen. Auf der Rundreise durch das Land treffen Besucher auf Schaf- und Kuhherden, auf Pferde und Yaks, selten auf Kamele. Die Kirgisen leben heute nicht mehr als Nomaden; indes ziehen im Sommer nach wie vor viele auf die hoch gelegenen Alpen – und verdienen sich mit dem Vermieten ihrer Jurten an Touristen einen willkommenen Zusatzverdienst. Übrigens: Jurten und andere Filzartikel werden noch immer im Land hergestellt; zudem allerlei Teppiche – nicht wenige dieser Artikel gelangen über den üblichen Exporthandel (oder aber durch Reisende als Mitbringsel) in die Schweiz. „Bevor ich den Job hier am Steuer dieser kleinen Touristenbusse hatte, war ich während zehn Jahren Rotkreuz-Fahrer. Und noch früher arbeitete ich in der einzigen Goldmine unseres Landes“, erzählt der Bus-Chauffeur. Mehr lässt er über seinen früheren Arbeitgeber, eine kanadische Unternehmung, nicht verlauten. Bekannt ist, dass die Betreiber der Goldmine zwar 1000 Kirgisen eine Arbeitsstelle bieten, den Gewinn aber nach Übersee mitnehmen und, schlimmer, schwere Umweltschäden zurücklassen.

    Der Weg in die Freiheit

    Kirgistan war eines der ersten Länder, die sich aus der zerbröckelnden Sowjetunion lösten; es gehörte der UdSSR von 1924 bis 1991 an. Seither sucht das Land seinen eigenen Weg. Kirgisen können ihre politische Linie heute unter fünf Parteien, die keine religiöse Ausrichtung verfolgen dürfen, wählen. Kirgistan ist seit 2010 eine parlamentarisch-präsidentielle Republik. Dass demokratische Verhältnisse ein ernsthaftes Ziel sind, hatte sich auch daran gezeigt, als die ersten Präsidenten nach Korruptionsvorwürfen abgewählt wurden; es war damals im Land zu schweren Unruhen gekommen.

    Wie sehr man gegenüber dem Thema der Korruption sensibilisiert ist, zeigt sich übrigens auch im Bereich des Tourismus: Besucher werden gebeten, Trinkgelder in eine einheitliche Sammlung zu legen, die dann unter den Mitarbeitenden aufgeteilt werde.

    Die Kirgisen sind dienstfertig, pünktlich und bestätigen den Ruf des Landes, grösstmögliche Sauberkeit zu pflegen. Am Hauseingang, auch in Gästeunterkünften, werden stets die Schuhe ausgezogen. In den Jurten am Yssykköl-See, wo die Besucher aus der Schweiz ebenfalls eine Nacht verbracht hatten, galten Socken erst recht als Selbstverständlichkeit. Und als eine Mitreisende im städtischen Krankenhaus Bishkek die Augenklinik aufsuchte, zog man ihr und ihrer Übersetzerin Plastikhüllen über die Schuhe. Das Spital wirkte entsprechend hygienisch. Es gab keine Wartezeiten, die Behandlung überzeugte, die Medikamente wirkten.

    Touristen in der Pflicht

    Wenn nun Zürcher Naturfreunde auf Kirgistan aufmerksam machen und zu Reisen in dieses Land anregen, so legen sie Wert darauf, dass entsprechende Touren möglichst naturschonend und der Bevölkerung gegenüber respektvoll gestaltet werden. Ein entsprechender Anbieter ist die von zwei kirgisischen Frauen Reiseagentur Ecotours. Diese setzt auf eine Vermeidung, oder zumindest deutliche Reduktion von Abfällen; so etwa werden die Touristen dazu angehalten, nicht täglich neue Mineralwasser-Plastikflaschen zu kaufen (die dann irgendwo entsorgt werden), stattdessen können die Reisenden die eigene Trinkflasche täglich mit Tee auffüllen. Ebenso soll die Verwendung von Plastiktellern gänzlich ausgeschaltet werden. Aus personellen Gründen muss Ecotour indes die fürs 2018 vorgesehene Kirgistan-Reise kurzfristig annullieren; interessante Kirgistan-Trekking- und Kultur-Reisen (z.T. auch mit Einbezug von Helvetas-Projekten) bietet u.a. das vor gut 25 Jahren in Bern gegründete Reisebüro Globotrek an.

    In ihrer Werbung für Reisen und Wandertage in Kirgistan setzen Tourismusanbieter in der Regel auf die drei Karten Kultur, Geschichte und Natur. Dass sie damit nicht zu hoch greifen, hat der persönlich vorgenommene Augenschein deutlich bestätigt: Kirgistan mit seiner einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft bietet Erlebnisse und Eindrücke von ganz besonderem Zuschnitt.


    18.12.2017 13:51 Alter: 30 Tage
    Ausgabe 4 | 2017, Unterwegs, Aktuelles
    Von: Hedy Züger