< Xaver Hutter

Auf der Durchreise

Sevilla-Barcelona: Radeln durch Spanien


Radeln von A nach B, von Sevilla in Andalusien nach Barcelona am Meer. In der Extremadura oft über trockenes weites Land. Mit Stopps in quirligen Bars und imposanten Kathedralen, mit Durststrecken und Glücksmomenten – aber stets just passing through, auf der Durchreise.

Die Hitze, ja, sie kann in Südspanien umwerfend sein. Und zwar bereits vor Mitte Juni. Im Sommer 2017 zeigten die Thermometer in Andalusien zeitweise 40,43, 45 Grad an. Und einmal, es war an einem Nachmittag in der Extremadura, waren’s gar 47 Grad. Zwei Wochen später, an einem Morgen in Aragon, waren’s weniger als 10.

Extremadura – wie klingt das? Nach Extra? Nach extrem? Extra: extra heisst ausserordentlich, überragend, speziell, jenseits. Und genauso war’s mitunter beim Radeln. Die Extremadura, in der Sommerhitze, extrem: eben erst hat einem der Wirt in der Bar die Wasserflaschen aufgefüllt («Wollen Sie dazu auch ein paar Eiswürfel?»), und bereits ist das Wasser wieder lauwarm. Wie warm ist eigentlich der eigene Urin? Ja, etwa so ist jetzt dieses Wasser in den Plastikflaschen.

Und, übrigens: extreme Hitze hin oder her – hinter Extremadura steckt kein extra; der Name verweist auf «extremos del Duero» was so viel bedeutet wie jenseits des Flusses Duero.

So viel Platz, so viel Raum!

Einmal, es war, nachdem man in Guadalupe losgefahren war: der Morgen war angenehm, aber es ging gleich steil hoch. Die Abhänge bewaldet, respektive überzogen von dichtem Buschwerk. Erinnert an die Macchia auf Korsika. Da und dort sind darin eine Art Inseln auszumachen: es sind Gärten und Plantagen der Bauern; Olivenbäume, Korkeichen, hin und wieder auch Kastanien. Die Strasse ideal zum Radeln: zweispurig zwar, aber nicht zu breit! Keine jener schnurgeraden, mit Abfall gesäumten Strassen, auf denen man sich als Velofahrer wie eine Schnecke vorkommt. Oder aber auf denen sich die Beine des Radlers in Kolben verwandeln, die, einer Maschine gleich, unentwegt auf und ab bolzen. Man kennt solche Strassen! Die N-630 ist so eine, zumindest auf einigen Streckenabschnitten. Die N-630, das ist die alte Hauptstrasse von Sevilla hinauf nach Norden, also nach Mérida, Cáceres, Salamanca und so weiter. Man nennt sie auch die Via de la Plata. Seit parallel dazu die Autobahn (die A-66) verläuft, ist sie für Radler keine Hölle mehr; man wird heute auf der 630 weitgehend verschont von den Vierrädern, aber konzipiert war sie eben doch für Autos und das heisst: breit, langgezogen, kaum Kurven, stattessen weite Radien. Unbestritten indes: auf der 630 kommt man voran. Sie lädt ein zum runden Pedalen, nonstop, unentwegt, in niedriger Übersetzung, auf und ab, wie die Nadel der Nähmaschine. Man zieht auf diesen Asphaltbändern dahin, schnurgerade, wie der Flieger am Himmel, der bei klarem Wetter eine schmale, perfekte weisse Linie hinter sich ins Blau zeichnet.

Apropos Guadalupe: das Städtchen in der Sierra de Guadalupe ist zwar klein, bloss 2000 Menschen wohnen ganzjährig im Ort, aber zeitweise platzt es aus allen Nähten, so jeweils am 12. Oktober, wenn mit dem Jahrestag der Entdeckung Amerikas auch der spanische Nationalfeiertag begangen wird. Hierhin, ins Kloster Guadalupe, soll vor 500 Jahren der in kastilischen Diensten segelnde Kolumbus vor seiner Amerikaexpedition gepilgert sein; seither erlebt die «Santa Maria de Guadalupe» einen kaum zu überbietenden Siegeszug: sie gilt nicht nur als Schutzpatronin Spaniens, sondern gleich aller spanisch-sprechenden Länder. Heute existieren auf unserem Globus viele «Guadalupes», angefangen von den südlichen USA, über Mexiko bis nach Costa Rica, Kolumbien, Bolivien. Das «Ur-Guadalupe», das spanische: es ist in jedem Fall einen Stopp wert; und zwar nicht nur wegen der hier im Kloster zu sehenden über 50 Kilo (!) schweren Bücher und der Original-Gemälde von El Greco, Goya und Zurbarán. Nun, wie gesagt, die Strasse Richtung Norden ab Guadalupe ist nicht von der Art einer N-630. Sie (die EX118) lädt zu Beschaulichkeit ein. Bei diesem links und rechts Schauen sieht man allerlei. Manchmal ein wildes Tier, mitunter auch einen Menschen. Einmal war’s ein Mann: mutterseelenallein wässerte er da draussen, im weiten grünen Teppich der Macchia, ein eingepferchtes Gemüsegärtchen. Ja, so ist es hier: es hat viel Platz, viel Raum! In der Extremadura leben, statistisch gesehen, 26 Personen pro km2 und in der Sierra de Guadelupe lediglich deren 8. Im Schweizer Mittelland sind es, zum Vergleich, 426. 

Bars und andere Oasen

In der einen der beiden Bars von Navalvillar de Ibor, einem Dorf nördlich von Guadalupe, die Plauderei mit Evanisto (75). Im Sommer lebt er in seinem Haus hier oben, im Winter in jenem in der Ebene; unten sei es im Sommer zu heiss. In den 1970er Jahren hat er in Deutschland gearbeitet, Autoindustrie. Ich frage ihn nach seinen Deutschkenntnissen. Er lacht und sagt «ein Grosses». Und an «Fräulein» erinnert er sich ebenfalls noch. Ansonsten? Oh, alles so lange her! Vergessen. Wir wechseln das Thema. Ich frage ihn, ob es in Belvis eine Herberge gebe; was Einfaches, Günstiges. Er bejaht. Und bei der weiteren Plauderei (mit Wörterbuch) vergeht die Zeit – draussen ist’s in der Zwischenzeit heiss geworden.

Anderthalb Stunden später, in Bohanal: kein Mensch auf der Strasse. Auch kein Hund. Zu heiss. Zeit für eine weitere Cola. Der Hausherr in der Bar fragt nach dem woher (Sevilla) und dem wohin (Barcelona). Er ruft seiner Frau, sie ist in der Küche. Sie solle nach vorne kommen und schauen, was da für einer eben in ihre Bar getreten sei. Sie wischt sich die Hände an der Schürze und begrüsst den Radler. – Als ich am Schluss bezahlen will, sagen sie, das gehe aufs Haus.

Draussen scheint’s noch heisser als zuvor. Und zuvor war’s doch schon heiss. Selbst bei der Abfahrt auf der EX118 zum Valdecañas-Stausee war die Hitze wie ein Backofen; aber jetzt ist’ noch verrückter. Weit vorne, am Horizont, im Dunst, ein Bergzug. Es sind die Spitzen der Sierra de Gredos; die höchsten davon gehen auf 2500 Meter. Ein Polizeiauto fährt auffallend langsam vorbei. Haben die einem einen besorgten Blick zugeworfen? Ist es dumm, bei 45 Grad zu radeln? Einmal, es war in Monasterio, hat einer davon gesprochen, wonach neulich ein Feldarbeiter infolge der Hitze verstorben sei. Sollte man zurück in die Bar? Nein, man will nach Belvis. Weil’s dort, so hat es Evanisto versichert, eine günstige Unterkunft hat. Weniger als 20 km später die Staumauer: Velo an den Baum lehnen, die Böschung runter kraxeln! Es ist steinig und stachelig. Rein ins Wasser. Es ist tief. Und was passiert? Es verschlägt einem den Atem! Was, wenn man jetzt den Krampf in den Waden kriegte!

Danach auf der anderen Seite wieder hoch, steil. Was man sich als Katzensprung vorgestellt hat, wird zum Büsserweg. Können sieben Kilometer tatsächlich derart lang sein!? Trockene Lippen, trockene Kehle, der Asphalt klebrig wie Kaugummi. Und dieses Wasser aus der Plastikflasche – man mag’s nicht mal mehr runterschlucken, man lässt’s vom Kinn tropfen; es ist warm wie Pis…

Nein, aus dem Hotel in Belvis wurde dann doch nichts. Es kamen ab Belvis nochmals ein paar Kilometer dazu, 17 oder 18 oder 19. Am Stadtrand von Navamoral hatte es jenes Lastwagen- Hotel: die Nacht für 25 Euro, im Zimmer Aircondition, das Essen reichlich und am TV sagten sie, das Thermometer in New York habe heute 50 und in Phoenix (Arizona) 53 Grad angezeigt.

Von Sevilla bis Barcelona: viele Kilometer, viele Bars. In den Dörfern gab’s den Milchkaffee für einen Euro, manchmal für 1.10 oder 1.20. Und zum Bier, auch zu jenem «sin alcohol», gibt’s meist ein paar Oliven. Oder man stellt sich an den Tresen und überschaut das Angebot an Tapas. Einmal, es war ausserhalb des Stadtzentrums von Zafra: man hatte eine Zeitlang bereits nach einer Oase gesucht, und da fand sich endlich dieses Loch in der Mauer: eine Bar. Draussen enorme Hitze, drinnen kühl. Man musste nochmals raus und den Pullover holen. Die Männer im Lokal schienen alle über 65, pensioniert; der Hitze und/oder der Enge der eigenen 4-Wände entflohen. Einer von ihnen klopfte dem Radler auf die Schulter; aber nicht wie ein Gorilla. Kein Geschrei, kein «great» und kein «yeah». Aber, so hatte der Rentner gesagt, ein zweites Bier sollte doch drin liegen.

Dieses Problem – oder lieber ein anderes?

Es gibt Dinge, die sind beim Radeln in fremden Landen und über längere Distanzen kaum zu vermeiden. Einige davon sind unangenehm. Zum Beispiel der Gegenwind. Insbesondere dann, wenn das Terrain (wie beispielsweise vor Burgos) weit und flach ist – und man, käme der Wind von hinten, mit 30, 35 km/h dahinsegeln würde!

Am unangenehmsten aber ist der Verkehr. Man mag zwar bereit sein, extra diesen oder jenen Umweg zu fahren und diesen und jenen zusätzlichen Hügel hoch zu strampeln, aber gänzlich ist den Autos auf so einer Tour nicht zu entgehen. Wäre man einheimisch, fände sich wahrscheinlich der eine oder andere zusätzliche Schleichweg; aber so, als Fremder? Da gibt’s dann eben ab und zu eine Durststrecke. Da muss man durch. Nicht schön, aber «nichts zu machen». Und man erinnert sich, was einer, in einem anderen Kontext zwar, neulich gesagt hat: «Hättest du dieses Problem nicht, würdest du im Nu ein anderes finden».

Fächer, Frauen und Kathedralen

Was das Radeln durch Spanien ebenfalls so anregend macht: da ist so viel Kultur! Wer (dieses Jahr) bereits im Mai anreisen kann, sollte sich die Prozessionen zum Fest von Corpus Christi (Fronleichnam) in Sevilla nicht entgehen lassen. Hunderte Menschen ziehen dort nach der 9-Uhr-Messe aus der Kathedrale und begeben sich in andächtigem Cortège auf den Weg durch die mit Blumen und Flaggen geschmückte Stadt; Bruderschaften (Confradias) treten auf mit ihren Heiligtümern, respektive 30 bis 40 Männer (von denen der Besucher am Strassenrand allein die weissen Socken und weissen Schuhe sehen) tragen tonnenschwere Pasos (Tische) auf ihren Schultern; auf diesen Pesos thronen Heiligenfiguren: die Santa Espina, die Santa Angéla, die Mutter Gottes, der Heilige Isidoro, der Heilige Leandro, der Fernando und selbstverständlich der Mensch gewordenes Gottes Sohn. Ihnen folgen Bandas (Musikkapellen), dazwischen Kinder in weissen Kleidchen, Altardiener, Priester, Würdenträger, viel Politprominenz, Mitglieder von Ordensgemeinschaften, schöne Frauen und bestandene Männer mit ernster Miene, auch die uniformierte Guardia Civil ist dabei (die Frauen und Männer schultern ihre Gewehre); Dutzende von Kreuzen, Kerzen und Bannern werden an diesem Tag mitgetragen – und so bewegt sich die kilometerlange Prozession im Schneckentempo durch die Gassen, und wo’s wirklich eng wird, staut der Cortège, und das Manöveriren mit den Pasos wird zur Millimeterarbeit; das ist die besondere Stunde des Hermano Mayor (des Vorstehers der Bruderschaft): er dirigiert mit Klopfzeichen und Rufen die Träger unter dem Paso, diese (man nennt sie Costaleros) sehen nichts, ihre Aufgabe besteht einzig und allein im Tragen des Heiligtums.

Überhaupt, die Kirchen! Es gibt auf dieser Reise durch Spanien die Grossen: Sevilla, Salamanca, Burgos, Zaragoza, Barcelona. Und es gibt die Kleinen – davon hat’s Dutzende. Erstere sind von ihren Dimensionen her überwältigend, ihre Ausstattung ist prachtvoll, imposant, ein Fest der traditionellen, bildenden Kurst. Der Hauptaltar in der Kathedrale von Sevilla beispielsweise weist in seinen 45 Tafeln über 1000 einzelne Figuren auf; jedes ein Unikat, geschnitzt, geformt, Stück für Stück. 20 Meter hoch ist dieser Altar und 13 Meter breit. Vom Baustil her sehr anders, aber nicht weniger eindrücklich: die Basilika in Salamanca. Und am anderen Ende der Reise die Basílica del Pilar in Zaragoza mit ihren vier mächtigen Türmen; sie gilt als grösste Barockkirche Spaniens und schliesslich, in Barcelona, die Sagrada Familia, an der seit 136 Jahren (und bis heute) gebaut wird und die jährlich von weit über zwei Millionen Menschen besucht wird.

Und die Kleinen? Oft sind sie, während der heissen Stunden des Tages, willkommene Oasen. Man kann sich darin im Stillsitzen üben. Manchmal aber mutieren sie zu einer Art Fenster in die Vergangenheit: wenn sich die Betagten des Dorfs zum gemeinsamen Gebet treffen; viele sind es selten, zumindest nicht unter der Woche, und in der Regel hat’s mehr Frauen als Männer. Sie kennen sich alle. Jede hat ihren Stammplatz. Und kaum, dass sie sich begrüsst und sich in ihre gewohnte Bankreihe gesetzt haben, zücken sie den Fächer. Ja, dieser Fächer! Allgegenwärtig! Und keiner gleich wie der andere; jeder Frau hat ihren ureigenen. Immerzu griffbereit. Sie fächern sich eine Weile ins Gesicht, kurz bloss, dann klappen sie das Ding wieder zu. Um es wenig später erneut aufzuspannen. Es passiert, so scheint’s, absolut beiläufig. Die eine fächert hier, die andere dort; und man denkt an das farbige Gefieder von Vögeln, an das Flattern ihrer Flügel.

Durchs Indianerland nach Montserrat

Wem die Landschaft aus «Spiel mir das Lied vom Tod» gefällt, wer fasziniert ist von den Halbwüsten New Mexicos – dem oder der wird’s in Aragon gefallen. Hat man das üppige Grün des Ebro-Tals durchstrampelt, wird’s hier wieder trocken, weit und karg; ganz und gar unschweizerisch. Beim Pedalen auf der A1102 ins Dorf Castéjon de Valdejasa (mit der Bar Carlos!) und im Aufstieg zum San- Esteban-Pass (700 m) schlägt das Radlerherz höher. Danach kann man’s fast bis hinein nach Zaragoza (240 m) rollen lassen, bevor’s anderntags (nach verkehrsbedingten Durststrecken) erneut durch eine Wild-West-Landschaft geht. Schliesslich Katalonien, der Milchkaffee jetzt etwas teurer; und nennt man den Ort, den man noch vor Barcelona anzusteuern gedenkt, zeigt sich im Gesicht des Gegenübers ein Lächeln. Montserrat heisst jenes Zwischenziel; es ist ein Berg wie eine langgezogene Trutzburg, ein Koloss, jäh erhebt sich dieser gewaltige Mocken mit seinen kahlen Felstürmen aus dem Umland – und eingeschachtelt in dieses Monument ist die Benediktinerabtei Montserrat. Das Kloster, dessen Geschichte 1000 Jahre zurückreicht, ist ein Pilgerort ersten Ranges, jeder Katalane kennt’s; Montserrat wurde mehrmals zerstört und aufgebaut, Montserrat widerstand vielem, auch dem von Diktator Franko verhängten Verbot der katalanischen Sprache. Montserrat ist symbolträchtig, ein Hort der katalanischen Kultur und Tradition. Und, für den Radler auf der Durchreise (just passing through) ungemein praktisch, aus Montserrat lassen sich superleichte Souvenirs mit nach Hause nehmen: es sind CD-Aufnahmen des Chors der hiesigen Musikschule, der Escolania del Monestir de Montserrat. Deren erste urkundliche Erwähnung reicht übrigens bis ins Jahr 1307 zurück.


05.04.2018 10:03 Alter: 254 Tage
Ausgabe 1 | 2018, Unterwegs
Von: Herbert Gruber