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Und ewig lockt das Meer

Per Velo über die Poebne nach Genua


Und ewig lockt das Meer

Text: HERBERT GRUBER*

Radeln, pedalen, von A nach B, Kilometer um Kilometer, und irgendwo dort vorne weit in der Ferne ist das Ziel, ein erstes Ziel; und dann wird man ein nächstes Ziel anpeilen; man ist auf der Durchreise, dreht die Kurbel, bleibt auf Fahrt, hält die Räder am Rollen, am Laufen. Und bald ist’s einem, als wär’s wie im Film: wechselnde Szenerie, neue Bilder, neue Dörfer, neue Beizen, neue Abzweigungen.

Novara, das ist die Stadt mit dem über 120 Meter hohen Kirchturm. Wer in diesem flachen Land von Norden her auf die Stadt zu radelt, sieht ihn bereits von weit draussen. Italien-Kenner sagen, der Turm von Novara erinnere an jenen von Turin (und sie fügen an, dass hinter beiden Bauwerken der gleiche Architekt stehe). Wobei, eigentlich ist der Turm von Novara gar kein Kirchturm; er ist eine Kuppel (und der «richtige» Kirchturm steht daneben). Nun, ob Turm oder Kuppel: das Ding ist überragend. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, dass im 19. Jahrhundert, als der Kirche von Novara diese Kuppel aufgesetzt worden ist, kein anderes Gebäude weit und breit mit einer derartigen Höhe auftrumpfen konnte, erhalten wir eine Ahnung davon, welch’ «herausragende» Position die Kirche, respektive ihre Vertreter in Italien einst innehatten.

Eher zufällig als geplant

Nun, wer die Architektur dieser oder jener Kuppel studieren, wer die 200-jährigen Skulpturen in Italiens wichtigsten Basiliken bestaunen, wer die bedeutendsten Museen des Landes sehen will, ist nicht auf diese Weise unterwegs. Weil – hier geht’s um was Anderes: eher um Zufälliges als Geplantes. Mag sein, dass, von aussen betrachtet, dieses Tun wie ein Egotrip anmutet. Weil es, mitunter, wie ein Sich-Berauschen ist; man radelt, einem fernen Ziel entgegen; man hat sich der Kraft des Magneten ergeben – und dieser zieht.

Granozzo: das ist jenes Dorf, wo’s in der Beiz keinen Fernsehapparat hatte. Stattdessen sassen, im Licht der untergehenden Sonne, fünf, sechs ältere Männer und Frauen vor der Bar, die Plastikstühle nebeneinander gereiht auf dem Trottoir. Im Gesicht des Radlers glühte noch die Hitze des Nachmittags; die Dörfler aber hatten die heissesten Stunden im Haus verbracht und waren erst jetzt, am Abend, bei den allmählich wieder versöhnlich werdenden Temperaturen, nach draussen gekommen.

Reis, Frösche und Mücken

Granozzo: eine der Siedlungen in der Weite der Poebene. Eine Art Oase. Nach dem letzten Haus geht’s hinaus in die Reisfelder; diese prägen – von Vercelli über Novara bis Pavia – das Bild des Landes. Im Winter ist’s dort draussen kahl, karg, neblig, und die Erde ist nackt. Jetzt aber, im Sommer, ist’s wie ein grüner Teppich, ein Patchwork-Teppich. Reis, Reis und nochmals Reis. Die Pflanzen jetzt um die 10, 15 Zentimeter hoch, sattgrün, aus den gefluteten Feldern wachsend. Und die Felder schachbrettartig zueinander gefügt, eins ans andere, als wären’s allmählich zuwachsende Seen, wie Spiegel mit feinen grünen Grasstoppeln, der eine um wenige Zentimeter höher angelegt als der andere.

Granozzo im Sommer: Abends und nachts quaken draussen in den sumpfigen Reisfeldern die Frösche. Und wer hier, unter den Sternen, im Dunkeln, sein Zelt aufbaut, muss vorwärts machen. Sonst wird er aufgefressen. Nicht von den Fröschen, sondern von den Mücken. Und diese sind, man würde darauf wetten, riesig. Auf jeden Fall grösser als ihre Artgenossen nördlich der Alpen. Die Alpen? Den Nachmittag über, als man von Arona herkommend auf Novara zu geradelt war, hatte man sie die ganze Zeit über im Rücken. Einem Wall gleich erhoben sie sich aus der Ebene. Jetzt aber, in der Schwüle des Zelts und in der Horizontale, dominiert dieses Quaken. Und das Gurgeln von Wasser, das aus dem einen Kanal in einen anderen umgeleitet wird.

Vespolate: die Staatsstrasse, die SS211, diese Hauptstrasse zwischen Novara und Tortona, führt mitten durchs Dorf und entzweit es. Etwas abseits davon, bloss 50, 60 Meter, in einer Seitenstrasse lehnt ein Velo, ein eher klappriges Gefährt, an einer Hauswand. Davor wird in flachen Harassen Gemüse präsentiert – man

steht vor dem Dorfladen! Also gibt’s Tomaten, Brot, Cola, Schinken und die beiden Verkäuferinnen rühmen den Radler für dessen zwei, drei Brocken in Italienisch und alsbald sind sie alle in dem kleinen Alimentari für den Radler gestimmt; sie haben erfahren, wo er letzte Nacht geschlafen hat, woher er kommt und wohin er zu gehen gedenkt – und als der Radler wieder am Pedalen ist (für 4 km ausnahmsweise auf besagter SS211, wobei sie hier sogar einen von der Fahrbahn abgetrennten Veloweg aufweist), klingen ein paar Worte aus den Dorfladen in seinen Ohren nach: Complimento, Fantastico, Bravo.

Billard, Gold-City und fertig flach

Mede: auch hier ein markanter Kirchturm, aber so schlank in den Himmel ragend wie ein gespitzter Bleistift. Es ist Nachmittag, heiss, Zeit für eine Pause. In der Beiz hocken Männer beim Kartenspiel. Ein einzelner, am Nebentisch, schnarcht mit halboffenem Mund. Auf dem Weg zur Toilette ein Blick ins Hinterzimmer: dort spielen sie Billard. Zwei Tische, entlang der Wände ein paar Stühle, im Raum zehn, zwölf Männer. Jene, die neu eintreten, entnehmen ihren über die Schultern getragenen, teuer aussehenden Etuis die Queue, die Spielstöcke. Und mit denen gehen sie um wie der Musiker mit seinem Instrument. Aber es ist was Anderes, das hier auffällt: es ist die Stille, die völlige Abwesenheit von Stimmen. Als wär’ man in einem Meditationsraum. Keiner sagt ein Wort. Keine Musikberieselung. Alles, was man hört, ist das Zusammenprallen der Kugeln. Man stösst die Kugel an, spielt, präzis, gekonnt, wortlos, notiert, wirft sich Blicke zu, und allen ist alles klar. Der Passant schaut zu, minutenlang. Dann fällt sein Auge auf das Schild an der Wand: Silencio.

Mede: in der Beiz der kartenspielenden Männer hat eine Thailänderin mit rudimentären Italienisch-Kenntnissen serviert und ein aus Toronto in die alte Heimat zurückgekehrter Kanada-Italiener erklärte dem Fremden in Englisch, was es mit dem benachbarten Valenza (am südlichen Ufer des Po) auf sich hat. Das sei, so hatte er gesagt, «eine Gold-City». Und siehe da, das Internet liefert den Beleg: «Valenza, diese kleine Stadt des Piemonts zählt die höchste Dichte an Goldschmieden, die höchste Anzahl an Gold-Werkstätten in Italien (…)».

Novi: hinter der fein geputzten Altstadt geht’s in die Hügel. Also fertig flach, fertig mit topfeben! Ergo möchte man nun nicht mehr allzu oft «falsch» fahren. Da kommt einem das Golfhotel bei Moterotondo gelegen. Es ist schick, aber es ist noch nicht Abend, und man trägt, immerhin, Sportlerkleidung; also wagt man’s. «Bitte, welche der drei Strassen vor Ihrem Hotel führt denn nun zum Santuario di Nostra Signora della Guardia?» Besagter Ort muss, so viel steht zum vornherein fest, ganz in der Nähe sein. Die Rezeptionistin, hilfsbereit wie sie ist, beginnt eine Internetsuche, sie klickt hier und scrollt dort, das dauert und die Stirnrunzel der Frau wird zusehends tiefer; also bedankt man sich, bevor’s zu peinlich wird und stammelt «Arrivederci Signora»; und wieder draussen in der Hitze geht’s aufs Geratewohl diesen Hügel hoch und jenen wieder runter, und endlich, endlich sieht man’s vor sich: das Santuario; das Heiligtum, auf einem Hügel, ganz zuoberst. Solche Logenplätze, geht einem durch den Kopf, solche Vorzugslagen erhalten wohl nur jene, die was zu bieten haben (oder hatten). Dieses Herausragende, dieses Weithin sichtbare – und man denkt an Novara, den Turm, respektive die Kuppel…

Traumstrasse im Marcarolo

Parodi: das ist jenes Dorf in den Hügeln, wohin die Liebe es die gebürtige Engländerin verschlagen hat, die an jenem heissen Nachmittag im Juni mit drei ihrer Freunde im Schatten ihres Steinhauses gesessen ist. Vor ihnen ein gedecktes Tischchen, darauf Schinken, Käse und Brot; und alle vier nippten sie an einem Rosé. «Komm’, setz’ dich, greif ’ zu», also erneut eine Pause; und als der Radler sich nach einer halben Stunde, ein paar Happen und Schlucken verabschiedet, hat er in der Hand eine auf einem Stück Packpapier gezeichnete Kartenskizze; sie soll ihm den Weg weisen zur Baita Rio Gorzente.

Baita Rio Gorzente: das ist das Camp in der wilden Landschaft des Naturparks Capanne di Marcarolo. Die Hügel erreichen hier Höhen von über 1000 Metern. Ganz zuoberst sind sie baumlos, ansonsten sind ihre steinigen Abhänge bewachsen von Eichen, Kastanien, Föhren. An einer dieser Bergflanken entlang führt die Provinzstrasse PS165, sie ist so etwas wie eine Velo-Traumstrasse: wenig Verkehr, schmal, kurven- und aussichtsreich.

Kilometerlang geht’s hoch über dem Talboden, es ist das Bett des Rio Gorzente, an dessen Ufer die besagte Baita zum Rasten und Baden einlädt. Glücklich daher jene, die ihr Zelt dabeihaben und nun hier in den Ausläufern des Ligurischen Apennins ihr Nachtlager aufschlagen können. Genua kann warten!


09.04.2019 10:45 Alter: 10 Tage
Ausgabe 1 | 2019, Unterwegs, Aktuelles