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Vergiss die Seife nicht!

Vom Wert eines Naturprodukts: Eine kleine Seifenkunde


Vergiss die Seife nicht!

Text: SILVIO BALLINARI*

Fotos: ELIAS BRANCH

Einst nahmen wir sie täglich zur Hand und wir liessen sie hautnah an uns heran; dann geriet sie in Bedrängnis: die Seife. Umso mehr lohnt es sich, sie näher anzuschauen. Und zu fragen: welche Seife passt heute zu mir?

Hast Du dich gewaschen? Eine oft gehörte Aufforderung an die Kinder, dass sie sichwaschen sollen. Sich waschen ist offenbareine Notwendigkeit. Wir waschen uns, weildie körperliche Sauberkeit unser Wohlbefindensteigert, weil wir uns damit auch vor Krankheiten schützen und, vor allem: weil wiruns unsern Mitmenschen gegenüber sauberpräsentieren wollen, denn auch wir wünschenuns, dass sie sauber sind. Ja, selbst für Tiereist Körperhygiene eine Selbstverständlichkeit.Kurzum, sich waschen ist unverzichtbar!

Wer sich waschen will, benötigt Wasser und dazu meistens auch Seife. Seifen, als Oberbegriff auch Tenside genannt, haben einenwasser- und einen fettlöslichen Anteil und könnensomit zwei nicht vereinbare Flüssigkeiten,Wasser und Öl, verbinden und damit die darinfestgesetzten Schmutzpartikel herauswaschen. Seit Jahrtausenden sind sie nicht aus unseremAlltag wegzudenken.

Während früher für die Körperpflege fast ausschliesslichfeste Körperseifen, Toilettenseifen, verwendet wurden, ist deren Gebrauch heutezugunsten von meist synthetischen Flüssigseifenstark zurückgegangen.

Flüssigseifen und die Verkaufs-Strategie

Seifen sind, durch ihre Herstellung bedingt, meistein wenig alkalisch und können die leicht saureOberschicht der Haut (Säureschutzmantel) neutralisieren. Dieser Argumentation folgend würdees bedeuten, dass wir schlechter vor Bakteriengeschützt sind, wenn wir eine ‚alkalische‘ Seifeverwenden. Das war zumindest die Argumentationin den 1970er Jahren, als die Hersteller ihreneutralen Flüssigseifen verkaufen wollten.

Indes sind die meisten dieser Flüssigseifen keine herkömmlichen Seifen, die aus Laugenund fetten Ölen hergestellt werden, sondernsynthetisch hergestellte Substanzen, sogenannteSyndets, denen nachgesagt wird, sie seienbesser verträglich. Ist das wahr oder lediglicheine Strategie, um deren Verkauf zu erhöhen? Warum sollte man sonst eine meist teurere Flüssigseife der festen Seife vorziehen?

Die Sache mit den Allergien und Bakterien

Wird durch die Verwendung einer ‘alkalischen’ Seife die schützende Säureschicht der Haut neutralisiert, so wird diese nach einer halben Stunde gleich wiederhergestellt. Dieser positive Rebound-Effekt bewirkt, dass unser Körper kurzfristige negative Veränderungen gut überstehen kann. Allergien werden nicht durch die Seife, sondern durch die beigesetzten Duftstoffe ausgelöst, unabhängig ob die Seife nun flüssig oder fest ist. Auch Konservierungsstoffe können allergisierend sein.

Feste Seifen, so lautet ein weiteres oft gehörtes Argument, seien zudem unhygienisch, weil auf ihnen Bakterien gefunden wurden. Nun, das ist normal, denn wo Feuchtigkeit ist, sind meist auch Bakterien; Seifen müssen weder steril noch desinfizierend sein. Nach dem Waschen mit einer festen Seife ist es dagegen ratsam, diese nach Gebrauch abzuspülen. Von den restlichen Bakterien, die übrigens überall vorkommen, sollten wir sicher nicht gefährdet sein. In öffentlichen Anlagen wie Schulen, Spitälern, Zügen usw. sollten allerdings nur noch Dispenser mit Flüssigseifen verwendet werden.

Wer sich für eine Seife entscheidet, muss demnach nicht auf die feste Seife verzichten. Diese weist zahlreiche Vorteile auf:

  • sie ist seit Jahrhunderten erprobt
  • sie wird aus natürlichen Bestandteilen
    hergestellt
  • sie ist biologisch abbaubar
  • sie ist nachhaltig und günstig
  • sie benötigt fast kein Verpackungsmaterial
  • sie enthält keine Konservierungsstoffe
  • sie enthält keine Nanopartikel

 

Trotzdem gibt es glücklicherweise auch die pH-neutralen, rückfettenden Flüssigseifen, die bei sehr empfindlicher Haut eingesetzt werden können. Menschen mit atopischer Dermatitis oder starken Ekzemen profitieren davon. 90% der Menschen gehören jedoch nicht in diese Kategorie.

Konsequenzen, Düfte und Verführung

Welche Seife wir für unsere tägliche Körperpflege wählen, wird von verschiedensten Faktoren bestimmt. Soll die Seife vor allem nachhaltig ökologisch sein, soll sie in der Handhabung unserrn Wünschen entsprechen, soll sie ‘fairtrade’ sein, soll sie gut riechen, soll sie billig sein, soll sie qualitativ hochstehend sein, soll sie möglichst schonend für die Haut sein, usw. Am Beispiel der Seife können wir die verschiedensten Kaufmotive feststellen und uns zudem überlegen, welche Konsequenzen unsere Wahl mit sich zieht.

Auch können wir überlegen, aus welchen Fetten die Seife hergestellt wird, und aus welcher Gegend die pflanzlichen Fette stammen. Je nach Fettsäurezusammensetzung haben die Seifen andere Eigenschaften; so etwa gelten Palmkernöl und Kokosfett als optimale, milde und schaumfördernde feste Basisfette. Bestimmte Öle können als pflegende und rückfettende Anteile zum Schluss beigefügt werden.

Unabhängig davon welche Seife man benötigt, können wir zudem einige Regeln befolgen, die sowohl für den Körper wie für die Umwelt besser sind; die eine davon lautet: Seife sparsam einsetzen. Und die andere besagt: Nicht täglich! Es ist in der Tat nicht nötig, sich täglich einzuseifen. Die Haut hat nicht nur einen Säuremantel, sondern auch eine schützende Fettschicht, und diese wird durch zu häufiges Waschen mit Seife beeinträchtigt, die Haut trocknet aus und wird anfälliger. Weniger ist also besser, sowohl für die Haut wie für die Umwelt.

Damit die Sauberkeit auch mit der Nase wahrnehmbar wird, werden den Seifen Duftstoffe beigefügt. «Düfte sind die Gefühle der Blumen», (Heinrich Heine), somit können Duftstoffe Unsichtbares aufleben lassen und verführen. Also los geht’s, lassen wir uns von der Seife verführen – das Leben ist zu kurz um zu warten, bis sich die Düfte verflüchtigt haben!


09.04.2019 13:41 Alter: 10 Tage
Ausgabe 1 | 2019, Natur erleben, Aktuelles