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    «… und der Atem ist gleich mässig»

    Unterwegs auf Skitour: mit der Natur auf du und du


    Es gibt viele Arten, auf Skitour zu gehen. Und es gibt ­viele Arten, von einer
    Skitour zu erzählen. Gelingt es uns, waches Empfinden und Beobachten mit der eigenen körperlichen Tätigkeit in eine gute Verbindung zu bringen, sind wir dem Glück sehr nah gekommen. Von einem ­solchen Erlebnis in der Bündner Surselva handelt die folgende Erzählung von Klaus Sorgo.


    Von St. Martin, dort wo die Strasse, die vom vorderen Rhein hinaufführt nach Obersaxen, ihr Ende hat, brechen wir auf. Die Sonne scheint und es ist kalt. Aber der eisige Wind fehlt, der in den Wochen davor die Kälte gesteigert hatte. Frischer Schnee liegt auf dem Hang, in den wir vom Dorf weg einsteigen. Unter seiner dünnen Schicht sind die Buckel des Altschnees gut zu erkennen. Das verspricht ein weiches Abfahren ohne harte Rinnen und eisige Platten. Die Spur, der wir folgen, ist bereits breit und fest ausgetreten. Wir sind nicht die ersten am heutigen Tag. Langsam wärmt der Körper auf. Wie wir in den Wald eintauchen, ist der Schritt rund und der Atem gleichmässig.
    Oberhalb des Waldes nimmt die Neigung des Hanges allmählich ab. Der Blick sucht den Gipfel. Schaue ich nach vorne, stets dasselbe Bild: ein freier Hang, durch den die Spur direkt nach oben zieht, links und rechts frisch verschneites Gelände und oben der blaue Himmel. Ungeduldig beschleunige ich den Schritt. Noch regiert der Kopf über die Beine. Mit dem Gedanken an eine genussvolle Abfahrt bemühe ich mich um die nötige Geduld. Endlich tritt die Linie des Bergkamms über den runden Buckel hinaus. An seinem rechten Ende liegt unser Ziel. Noch sind wir in weiter Entfernung von ihm.
    In der Sonne liegt die Vorderalp. Eine Bank vor der Hütte lädt zur Rast ein. Vor unseren Augen weites, weiches, welliges Gelände. Über diesem Felsrippen, zwischen denen die Route zum Gipfel führt. Im grenzen­losen Weiss sind die Aufsteiger gut zu erkennen. Von ganz oben gleitet ein schwarzer Punkt an ihnen vorbei. Wenige Minuten später hat er, der erste Abfahrer, uns erreicht.
    Über mehrere Wellen gewinnen wir an Höhe. Nach drei Stunden haben wir den Gipfelhang vor uns. Unzählige Spuren durchfurchen ihn in kunstvollen Girlanden. Wir weichen nach links zum Grat aus. Im Süden die weisse Einsamkeit des Val Gronda. Am Horizont setzt der Piz Aul den markanten Blickpunkt. Die warmen Strahlen der Sonne haben hier die Spur aufgeweicht. Gerade dort, wo sie eine steile Stelle im Hang quert. Die Vorstellung, bei einem Abbruch des Schnees in die Tiefe zu fahren, lässt uns den Schritt beschleunigen. Schlagartig ­erkenne ich die zwiespältige ­Natur: solange er fest liegt, erfahre ich durch den Schnee den Genuss des Gleitens. Sobald er selbst aber zu gleiten beginnt, bringt er mich in Gefahr.


    Die Füsse lesen den Grund…
    Wenig später stehen wir am Gipfel. Nach hinten bricht der Titschal dramatisch zum Val Zavragia ab. Unten im Rheintal liegt Trun und über ihm steht das grossartige Massiv des Tödi und seiner Trabanten. Ganz im Westen grüsst der Oberalpstock. Kaum dass die Sonne hinter ­einem Schleier verschwindet, wird es ungemütlich. Wir machen uns zur Abfahrt bereit. Eben kommt eine nächste Gruppe von Tourengehern an, da fahre ich los. Am Rande des Hanges mit den vielen Spuren finde ich genug Breite, um selbst eine saubere Spur in den Schnee zu ziehen. Vom ersten Schwung an sind sich Ski und Schnee wohlgesinnt. Bogen reiht sich an Bogen. Das Abfangen des Schwunges wird zum Abheben für den nächsten. Auf den Schnee ist ganz und gar Verlass. Die pulvrige Masse reagiert durch und durch gleichmässig. Kein Schlag, keine Knolle beeinträchtigt die Fahrt. Es ist wie ein Tanz, zu dem ich selbst die Musik mache, indem ich aus vollem Hals juchze.
    Hang für Hang scheint an mir vorbei nach oben zu schweben. Die Füsse lesen den Grund, auf dem der Ski fährt. Vom Auge bekommen sie die nötigen Signale über das Gelände. Schnee, Ski und Körper spielen zusammen. Alles ist ein fliessendes Empfinden, kein vom Kopf her gesteuertes Denken. Doch da, plötzlich nach einer kurzen steileren Stufe, bleibt der innere ­Ski hängen. Sofort wird er zum Fixpunkt, um den ich mich drehe. Mit Mühe gelingt es, ­einen Sturz zu vermeiden. Ich begreife, wie eine leicht grössere Neigung und eine andere Ex­position des Hanges eine Verdichtung des Schnees bewirkt haben. Sofort war die Verteilung des Drucks im Schwung nicht mehr richtig. Der Ski hat «gegraben». Ich hätte es bedenken sollen, sagt mir der Kopf jetzt.


    Diskrepanz – und am Ende ein Bier
    An der Vorderalp rasten drei Männer. Die Freude am Skilauf ist allgemein. Doch die Geräte, die uns zu ihr verhelfen sind unterschiedlich. «Rockers» heissen die breiten Latten, die nicht nur an der Spitze, sondern auch an ihrem Ende aufgebbogen sind. Sie sollen angeblich die neue Generation der Tourenski bereits eingeläutet haben, erfahre ich von einem der Männer. Sein ­Urteil über das Gerät fällt sehr lobend aus. Sofort ist eine technische Debatte im Gang. Ich nehme den Widerspruch wahr: dort die Skiindustrie, die in hektischem Drang nach sogenannten Wettbewerbsvorteilen Jahr für Jahr neue Produkte auf den Markt wirft, hier die ewig gleichbleibende Landschaft im Gegenlicht der absteigenden Sonne.
    Beinahe übermütig trete ich die weitere Abfahrt an. Zunächst läuft alles wie gehabt. Pulverschnee trägt Schwung für Schwung den weiten Hang hinab. Doch ehe ich den Wald ­erreiche, will es nicht mehr so rund laufen wie bisher. Der neue Schnee liegt hier zu wenig hoch, um die Spur gleichmässig führen zu können. Hin und ­wieder rutscht er unter dem Ski fort. Die Kante beginnt zu hüpfen und zu rattern. Der Körper droht aus der Balance zu fallen. Besonders dort heisst es nun aufpassen, wo im Schatten eine Kruste auf dem Schnee liegt. Da hat die Herrlichkeit des schwerelosen Schwingens ein Ende. Genauer und starker Druck ist nötig, um die Ski noch in einen Bogen zu zwingen. Doch ist es nicht dieses Wechselspiel der Schneearten, durch das Tourenfahren erst zu einem spannenden Abenteuer wird? Mit einem Bier in St. Martin stossen wir schliesslich auf das Gelingen der Tour an. 

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    Der Autor Klaus Sorgo ist passionierter Fussgänger. In seinem Roman «In ­eigenen Schuhen» (2009 veröffentlicht) erzählt er vom Weg, den ein Mann zu gehen hatte, um sich in eine «Seilschaft» mit seiner Partnerin einlassen zu können. Klaus Sorgo schreibt u.a. regelmässig für die «Männerzeitung».

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    21.12.2012 10:02 Alter: 5 Jahre
    Ausgabe 5 | 2012, Gesund Leben
    Von: Klaus Sorgo